24h-Abholautomat: Wachstumschance oder Kostenfalle?

Rund um die Uhr Medikamente abholen, ohne dass jemand hinter dem Tresen steht: Immer mehr Schweizer Apotheken installieren 24h-Abholautomaten. Für Toppharm-Betriebe wie die Sonnen Apotheke oder die Wartau Apotheke ist der Automat längst gelebter Alltag. Doch lohnt sich die Investition auch für den durchschnittlichen Offizinbetrieb? Ein nüchterner Blick auf Nutzen, Recht, Kosten und Anbieter.

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Mario Punch · August 10, 2026 · 5 min read
24h-Abholautomat: Wachstumschance oder Kostenfalle?

Eckpunkte

  • Ein Abholautomat verlängert die Erreichbarkeit auf 24/7, ohne die Personalkosten zu erhöhen.
  • Rechtlich zulässig ist die Abholung reservierter (auch rezeptpflichtiger) Arzneimittel per Code – der freie Automatenverkauf bleibt auf Liste E beschränkt.
  • Anschaffung je nach Fächerzahl ca. 12'000–24'000 Euro; Mietmodelle ab unter 1'000 Euro pro Monat.
  • Der Automat ersetzt keinen Notdienst, aber er bindet Kunden und verhindert Abwanderung zum Versandhandel.

Warum 24h-Abholung plötzlich zum Thema wird

Die Erwartung der Kundschaft hat sich verschoben. Wer online rund um die Uhr bestellt und am nächsten Tag beliefert wird, versteht immer weniger, warum das reservierte Medikament nach 18.30 Uhr oder am Sonntag unerreichbar hinter einer verschlossenen Ladentür liegt. Genau hier setzen 24h-Abholautomaten an: Sie verlängern die faktische Erreichbarkeit der Apotheke auf sieben Tage und 24 Stunden, ohne dass zusätzliches Personal Präsenz zeigen muss.

Schweizer Vorreiter zeigen, wie es geht. Die Toppharm Sonnen Apotheke hinterlegt vorbestellte Medikamente im Automaten; die Kundin erhält einen persönlichen Code per E-Mail und holt jederzeit ab – Bezahlung mit Karte oder Twint direkt am Gerät inklusive. Die Wartau Apotheke arbeitet nach demselben Prinzip: individueller Code, Entnahme rund um die Uhr, unabhängig von den Öffnungszeiten. Der Grundgedanke ist immer gleich – die Beratung und die Abgabeentscheidung passieren wie gewohnt in der Offizin, nur die physische Übergabe wird zeitlich entkoppelt.

Abholautomat ist nicht Kommissionierautomat

Vor der Kostendiskussion lohnt eine Begriffsklärung, weil hier regelmässig zwei völlig unterschiedliche Investitionen verwechselt werden.

Der Kommissionierautomat (Lagerroboter) steht innen, beschleunigt die Warenwirtschaft und kostet je nach Ausbau schnell sechsstellige Beträge. Der Abholautomat hingegen ist ein abschliessbares Fächersystem in der Aussenfassade oder in einem 24h-Vorraum, das ausschliesslich die Übergabe organisiert. Beide lassen sich koppeln – der Roboter befüllt das Abholfach –, sind aber getrennt zu bewerten. Für die hier diskutierte Wachstumsidee geht es allein um das Abholsystem.

Was rechtlich in der Schweiz gilt

Der entscheidende Punkt für die Zulässigkeit ist die Unterscheidung zwischen Abholung und Verkauf.

Bei der Abholung reservierter Ware hat die Fachperson das Arzneimittel bereits geprüft, gegebenenfalls das Rezept validiert und die Beratung angeboten. Der Automat übernimmt nur die Aushändigung – auch bei rezeptpflichtigen Präparaten der Listen A und B ist das der gangbare Weg, weil die pharmazeutische Verantwortung vorgelagert wahrgenommen wurde.

Der freie Verkauf direkt ab Automat, ohne dass Personal beteiligt ist, bleibt dagegen eng begrenzt. Seit der Neuordnung der Abgabekategorien 2019 (Wegfall der Liste C) dürfen nur Arzneimittel der Liste E ohne Fachberatung abgegeben werden. Alles, was der Liste D zugeordnet ist, verlangt zwingend eine Fachberatung und eignet sich damit nicht für den anonymen Automatenverkauf. Wer den Automaten also als kleine „Freiwahl rund um die Uhr“ betreiben will, sollte das Sortiment auf freiverkäufliche Produkte und Medizinprodukte beschränken.

Weil die Umsetzung kantonal unterschiedlich beurteilt wird, ist die frühzeitige Abstimmung mit dem Kantonsapotheker kein bürokratischer Nebenschauplatz, sondern der erste Schritt. Bei rechtlichen Detailfragen unterstützt zudem der Rechtsdienst von pharmaSuisse.

Was solche Systeme kosten

Belastbare Schweizer Listenpreise sind rar, weil die Anbieter individuell offerieren. Als Orientierung dienen die Preise aus dem deutschsprachigen Markt, die sich weitgehend übertragen lassen.

  • Kauf: Je nach Fächerzahl liegen die Geräte etwa zwischen 12'000 und 24'000 Euro. Die kleinste Variante bietet rund 15 Fächer, die grossen Doppelmodule bis zu 180.
  • Miete: Einstiegssysteme werden ab unter 1'000 Euro pro Monat angeboten – inklusive Service. Das verwandelt die Investition in eine planbare Betriebsausgabe und senkt die Einstiegshürde.
  • Nebenkosten: Einzubauen sind Fassadendurchbruch beziehungsweise Montage, Anbindung an die Warenwirtschaft, Zahlterminal (Karte/Twint) sowie laufende Wartung und Reinigung.

Die betriebswirtschaftliche Logik ist bestechend: Ein Abholautomat schafft Erreichbarkeit ohne zusätzliche Personalkosten – und Personal ist bekanntlich der grösste Kostenblock der Offizin. Manche Betriebe nutzen ihn sogar, um Randöffnungszeiten zu straffen, ohne den Service zu verschlechtern.

Wer solche Automaten anbietet

Im deutschsprachigen Raum hat sich PSS – Pharma Service Systeme als spezialisierter Anbieter etabliert, mit einer Modellpalette von 15 bis 180 Fächern sowie Notdienst- und Verkaufsmodulen; nach Herstellerangaben sind bereits rund 1'000 Systeme im Einsatz. Aus der Robotik kommt Becton Dickinson / Rowa mit „Rowa Smart“ als Einstiegsvariante, die sich mit vorhandenen Kommissionierautomaten koppeln lässt. Daneben existieren zahlreiche allgemeine Ausgabe- und Fächerautomaten-Hersteller. Für Schweizer Betriebe empfiehlt sich, Anbieter mit lokalem Service, Twint-Integration und Anbindung an die hierzulande gängigen Apothekensoftware-Systeme zu bevorzugen.

Erfahrungen aus der Praxis

Die Rückmeldungen aus Betrieben, die seit Längerem mit Abholfächern arbeiten, sind überwiegend positiv: Kundinnen holen bestellte Medikamente nach Ladenschluss oder am Wochenende ab, der Botendienst wird entlastet, und die Bindung an die Stammapotheke steigt – ein wirksames Gegenmittel gegen die Abwanderung zum Versandhandel. Berichtet wird aber auch von Reibungspunkten: Technische Störungen, unklare Codes oder Kühlkettenfragen bei temperaturempfindlichen Präparaten führen zu Nachfragen. Wer ohne aktive Kundenkommunikation startet, riskiert, dass der Automat schlicht ungenutzt bleibt.

Was Sie vor der Anschaffung klären sollten

  • Kantonale Bewilligung: Rücksprache mit dem Kantonsapotheker vor jeder Vertragsunterschrift.
  • Standort: Aussenfassade mit Publikumsverkehr, Beleuchtung, Witterungsschutz und barrierefreier Zugang.
  • Kühlung: Sind gekühlte Fächer nötig? Das erhöht Preis und Wartungsaufwand deutlich.
  • Prozess: Wie kommt die Reservation in den Automaten, wie wird der Code sicher übermittelt, wie erfolgt die Bezahlung?
  • Sortimentsstrategie: Reine Abholung reservierter Ware – oder zusätzlich Direktverkauf von Liste-E-Produkten?
  • Kommunikation: Website, Beschriftung und aktives Ansprechen am HV entscheiden über die Nutzung.
  • Finanzierung: Kauf, Leasing oder Miete – im Zeitvergleich zu den eingesparten Präsenzkosten rechnen.

Fazit

Der 24h-Abholautomat ist kein Ersatz für den Notdienst und keine Gelddruckmaschine – aber ein durchdachtes Instrument, um Erreichbarkeit, Kundenbindung und Effizienz gleichzeitig zu verbessern. Er verlängert die Servicezeiten, ohne den grössten Kostenblock der Apotheke anzufassen, und positioniert die Offizin als moderne, verfügbare Anlaufstelle. Entscheidend ist, die Investition nüchtern zu rechnen, den rechtlichen Rahmen sauber mit dem Kanton zu klären und die Kundschaft aktiv mitzunehmen. Dann wird aus einem Stück Fassadentechnik ein echter Wachstumshebel.

Referenzen
  1. Toppharm Sonnen Apotheke – Unser Verkaufs- und Abholautomat. https://www.toppharm.ch/sonnen/blog/unseren-verkaufs-und-abholautomaten
  2. Wartau Apotheke – 24h Abholautomat. https://www.wartauapotheke.ch/serviceleistungen/abholautomat_24h
  3. PSS – Pharma Service Systeme GmbH – 24h-Abholsysteme für Apotheken. https://lav-sofo-markt.de/24h-abholsysteme
  4. APOTHEKE ADHOC – Berichte und Anwendererfahrungen zu Apotheken-Abholautomaten (PSS, Rowa Smart). https://www.apotheke-adhoc.de
  5. Bundesamt für Gesundheit (BAG) / pharmaSuisse – Abgabekategorien und erleichterte Abgabe von Arzneimitteln (Listen B, D, E). https://www.bag.admin.ch
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Mario Punch

Autorin/Autor bei Dispensio.

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