Drohnenlieferung: Acht Minuten statt fünfunddreissig

Die Schweiz war Pionierin bei der Medikamentenlieferung per Drohne, hat das Projekt aber aus Rentabilitätsgründen wieder eingestellt. Während in den USA Rezepte bereits im Minutentakt fliegen, beleuchtet dieser Artikel die Hürden und realistischen Potenziale für Schweizer Apotheken, insbesondere in der Versorgung ländlicher Gebiete.

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Rosa Berg · August 19, 2026 · 5 min read
Drohnenlieferung: Acht Minuten statt fünfunddreissig

Eckpunkte

  • Die Schweiz war Pionierin bei der Medikamenten-Lieferung per Drohne, stellte das Projekt aber aus Rentabilitätsgründen ein.
  • In den USA ist die Drohnenlieferung von Rezepten bereits kommerzieller Alltag, während die Schweiz den Anschluss verloren hat.
  • Das grösste Potenzial für Schweizer Apotheken liegt in der Versorgung abgelegener Regionen, nicht in Städten.
  • Die grössten Hürden sind nicht technischer, sondern rechtlicher, logistischer und vor allem wirtschaftlicher Natur.

Im März 2017 startete in Lugano eine Drohne vom Dach des Ospedale Italiano und landete wenige Minuten später beim Ospedale Civico. An Bord: Laborproben. Beteiligt waren die Schweizerische Post, der Tessiner Spitalverbund EOC und der amerikanische Hersteller Matternet, genehmigt hatte es das Bundesamt für Zivilluftfahrt. Es war eine Schweizer Premiere und, wie die Post damals zu Recht schrieb, auch weltweit eine Pionierleistung: der erste regelmässige Drohnentransport für das Gesundheitswesen mitten in einer Stadt.

Es folgten Strecken in Zürich und Bern. Zwischen Universitätsspital und Universität Irchel brauchte die Drohne für zweieinhalb Kilometer rund vier Minuten und war damit doppelt so schnell wie ein Kurier auf der Strasse, unabhängig vom Verkehr. Insgesamt kamen über dreitausend Flüge zusammen.

Dann kamen zwei Abstürze im Jahr 2019, einer davon in den Zürichsee, eine freiwillige Stilllegung, ein unabhängiger Expertenbericht, technische Nachbesserungen und die Wiederaufnahme. Und Ende 2022 kam das eigentlich Bemerkenswerte: Die Post übergab das Drohnenprojekt an Matternet. Die Begründung war weder technisch noch aufsichtsrechtlich. Der Betrieb war kostenintensiv und mittelfristig nicht rentabel zu führen.

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Was anderswo längst fliegt

Während in der Schweiz die Wirtschaftlichkeitsfrage gewann, ist der Rest der Welt weitergeflogen.

Zipline begann in Ruanda mit Blutkonserven für abgelegene Spitäler und ist heute in mehreren US-Bundesstaaten unterwegs. Das neuere System des Anbieters landet gar nicht mehr: Die Drohne bleibt in der Höhe stehen und lässt das Paket an einer Seilwinde herunter, was Landeplätze überflüssig macht und Lieferungen an Wohnungen und Bürogebäude ermöglicht. Gesundheitsversorger wie Intermountain Health, OhioHealth und die Cleveland Clinic arbeiten mit diesem Modell für Rezeptlieferungen und Laborproben.

Im April 2022 startete eine amerikanische Apothekenkette gemeinsam mit dem Alphabet-Ableger Wing im Grossraum Dallas-Fort Worth den nach eigenen Angaben ersten kommerziellen Drohnenlieferdienst in einer grossen US-Metropolregion.

Und seit Oktober 2023 liefert Amazon Pharmacy im texanischen College Station verschreibungspflichtige Medikamente per Drohne aus, nach Unternehmensangaben in sechzig Minuten oder weniger, mit einem Sortiment von über fünfhundert Wirkstoffen und Flughöhen zwischen etwa vierzig und hundertzwanzig Metern.

Die Zahl der amerikanischen Betriebsbewilligungen für kommerzielle Drohnenoperationen ist in wenigen Jahren von einer Handvoll auf mehrere Dutzend gestiegen. Was 2019 Pilotprojekt war, ist 2026 Infrastruktur.

Warum das für eine Schweizer Apotheke relevant ist

Die naheliegende Reaktion lautet: Wir sind ein kleines Land mit dichtem Apothekennetz, wozu also Drohnen.

Diese Antwort ist für die Stadt richtig und für den Rest des Landes falsch. Interessant wird die Technologie nicht in Zürich, sondern in einem Seitental, in dem die letzte Apotheke vor drei Jahren geschlossen hat und die nächste zweiundzwanzig Kilometer entfernt liegt, im Winter über eine Passstrasse. Sie wird interessant beim Notfalldienst um zweiundzwanzig Uhr, wenn jemand fünfunddreissig Minuten fährt, um ein Antibiotikum für ein fieberndes Kind zu holen. Sie wird interessant bei der Belieferung von Alters- und Pflegeheimen in Randregionen, bei Laborproben in die Gegenrichtung, bei einer vergessenen Insulinpackung am Sonntag.

Der Zeitgewinn ist dabei nicht das eigentliche Argument. Das eigentliche Argument ist Erreichbarkeit dort, wo die Versorgungsdichte sinkt, ohne dass jemand eine Filiale eröffnen muss.

Die harten Fragen kommen vor der Vision

Wer das Thema ernst nimmt, muss vier Probleme lösen, und keines davon ist ein Flugproblem.

Die Abgabe ist ein Rechtsakt, kein Transport. Die Abgabe eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels ist an eine Fachperson gebunden, an eine Prüfung des Rezepts und an eine Beratung. Ein Paket, das an einer Schnur in einen Garten sinkt, erfüllt davon nichts. Denkbar ist deshalb nur ein Modell, in dem die pharmazeutische Leistung vorher stattfindet, per Video oder Telefon, dokumentiert, und die Drohne ausschliesslich den physischen Transport übernimmt. Das ist regelbar, aber es ist nicht geregelt.

Die Identifikation der empfangenden Person. Wer nimmt entgegen, wie wird geprüft, wer wirklich dort steht, und was passiert mit Substanzen, die nicht in fremde Hände geraten dürfen. Betäubungsmittel scheiden auf absehbare Zeit aus.

Die Kühlkette und die Dokumentation. Temperaturführung, Erschütterung, Luftdruck und Feuchtigkeit sind bei Biologika und Impfstoffen kein Nebenaspekt. Ohne mitgeführten Datenlogger und lückenlose Dokumentation ist eine solche Lieferung pharmazeutisch nicht verantwortbar.

Und der Rest ist Physik und Geld. Schweizer Wetter mit Bise, Vereisung und Nebel, Topografie mit engen Tälern, Lärmakzeptanz in Wohngebieten, Datenschutz bei kameraführenden Fluggeräten, dazu die vom Bundesamt für Zivilluftfahrt festgelegten U-Space-Lufträume als regulatorischer Rahmen. Und über allem die Frage, die schon die Post beantwortet hat: Was kostet ein Flug im Vergleich zu einem Kurier, und wer bezahlt ihn.

Was realistisch zuerst kommt

Nicht die Lieferung an die Privatperson. Sondern das, was auch in Lugano funktioniert hat: der geschlossene Verkehr zwischen professionellen Standorten.

Apotheke zu Pflegeheim. Apotheke zu Arztpraxis. Apotheke zu Spital und zurück mit Laborproben. Belieferung eines Notfalldepots im Tal von der Regionalapotheke aus. Das sind definierte Routen mit bekannten Empfangenden, geschultem Personal auf beiden Seiten, kontrollierten Landepunkten und einem Kostenträger, mit dem sich verhandeln lässt. Genau in diesem Segment ist die Rechnung am ehesten zu schliessen, weil ein Kurierfahrer für zweiundzwanzig Kilometer Bergstrasse auch nicht gratis ist.

Die Lieferung nach Hause folgt später, zuerst für planbare Dauermedikation und nicht für den Notfall.

Zwischenlandung im Jahr 2035

Stellen wir es uns kurz vor. Eine Regionalapotheke im Berggebiet betreibt zwei Landepunkte auf Gemeindegebiet und drei bei Pflegeinstitutionen. Die Bestellung kommt über die App, die pharmazeutische Prüfung erfolgt in der Apotheke, die Beratung per Video, dokumentiert im Patientendossier. Die Drohne startet vom Dach, fliegt eine bewilligte Route, meldet Temperatur und Standort in Echtzeit und übergibt an einem gesicherten Empfangspunkt, an dem sich die Pflegefachperson mit ihrer Karte identifiziert. Die Laborprobe fliegt zurück.

Die Apotheke ist in diesem Bild nicht mehr nur ein Ort. Sie ist ein Versorgungsknoten mit einem Radius von fünfzehn Kilometern.

Der eigentliche Punkt

Die Technik ist gelöst. Das zeigen dreitausend Flüge in Lugano, Zürich und Bern und ein amerikanischer Alltag, in dem Rezepte in sechzig Minuten kommen.

Ungelöst sind die Wirtschaftlichkeit, das Abgaberecht und die Frage, wer diese Infrastruktur besitzt. Und diese letzte Frage ist die entscheidende. Wer die letzte Meile kontrolliert, kontrolliert die Kundenbeziehung. In den USA hat diese Position ein Onlinehändler besetzt, der zufällig auch eine Apotheke betreibt.

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Rosa Berg

Autorin/Autor bei Dispensio.

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