Erfindungen in der Schweiz: LSD

Albert Hofmanns Entdeckung von LSD-25 im Jahr 1938 war zunächst unspektakulär. Doch ein Zufall im Jahr 1943 führte zur legendären Fahrradfahrt und enthüllte das immense Potenzial der Substanz, die das 20. Jahrhundert prägen sollte. Dieser Artikel beleuchtet die faszinierende Geschichte von LSD, von seiner Entstehung aus dem Mutterkorn bis zu seiner Rolle in Wissenschaft und Gegenkultur.

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Tom Müllerr · May 27, 2026 · 10 min read
Erfindungen in der Schweiz: LSD

Eckpunkte

  • Albert Hofmann synthetisierte LSD-25 erstmals 1938 bei Sandoz, zunächst ohne erkennbaren medizinischen Nutzen.
  • Ein zufälliger Selbstversuch im April 1943 offenbarte die psychoaktive Wirkung der Substanz in extrem geringen Dosen.
  • LSD wurde ab 1947 als Delysid für die psychiatrische Forschung und Therapie eingesetzt, bevor es in den 1960er-Jahren zur Ikone der Gegenkultur wurde.
  • Hofmann bedauerte den Missbrauch seines „Sorgenkinds“, erlebte aber noch die Wiederaufnahme der psychedelischen Forschung vor seinem Tod 2008.

Ein Chemiker aus Baden

Als Albert Hofmann am 11. Januar 1906 im schweizerischen Baden zur Welt kam, deutete nichts darauf hin, dass sein Name einmal untrennbar mit einer der umstrittensten Substanzen der Menschheitsgeschichte verbunden sein würde. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater arbeitete als Werkzeugmacher in einer Fabrik, und als er erkrankte, musste der junge Albert früh dazuverdienen. Erst ein Pate ermöglichte ihm den Besuch des Gymnasiums.

Was Hofmann bereits als Kind prägte, war kein chemisches Interesse, sondern ein Naturerlebnis. Auf einem Spaziergang durch den Wald oberhalb von Baden überkam ihn ein Moment intensiver Glückseligkeit, eine überwältigende Verbundenheit mit allem Lebendigen – ein Erlebnis, das er sein ganzes Leben lang nicht vergass und das ihn später dazu bewog, die Frage nach veränderten Bewusstseinszuständen mit wissenschaftlichem Ernst zu verfolgen. Diese frühe „mystische" Erfahrung bildet eine merkwürdige Klammer um seine spätere Karriere: Hofmann suchte zeitlebens nach der chemischen und philosophischen Erklärung für jene Wirklichkeit, die sich nicht im Reagenzglas einfangen lässt.

Albert Hoffman

1929 promovierte Hofmann an der Universität Zürich in medizinischer Chemie. Seine Dissertation beschäftigte sich mit dem Abbau von Chitin, dem Panzerstoff von Insekten und Krebstieren – eine Arbeit, die er in Rekordzeit abschloss. Im selben Jahr trat er in die Sandoz AG in Basel ein, ein Pharmaunternehmen, das später (nach der Fusion mit Ciba-Geigy im Jahr 1996) im Konzern Novartis aufgehen sollte. Bei Sandoz blieb Hofmann sein gesamtes Berufsleben.

Das Mutterkorn: ein altes Gift mit neuem Potenzial

Um zu verstehen, wie LSD entstand, muss man von einem Pilz erzählen, der über Jahrhunderte Schrecken verbreitet hatte: das Mutterkorn (Claviceps purpurea). Dieser Schlauchpilz befällt Roggen und andere Getreidearten und bildet dunkle, hornförmige Körner, die hochwirksame Alkaloide enthalten. Im Mittelalter führte mit Mutterkorn verseuchtes Getreide immer wieder zu Massenvergiftungen – dem sogenannten „Antoniusfeuer“, einer grausamen Erkrankung, die mit brennenden Schmerzen, Halluzinationen und im schlimmsten Fall mit dem Absterben ganzer Gliedmassen einherging.

Doch dieselben Substanzen, die das Mutterkorn so gefährlich machen, besitzen auch medizinischen Nutzen. Hebammen wussten seit Langem um die wehenfördernde und blutstillende Wirkung. In der modernen Pharmazie wurde dieses Wissen systematisiert: 1918 isolierte Arthur Stoll, ein leitender Sandoz-Chemiker, das erste reine Mutterkorn-Alkaloid – Ergotamin –, das gegen Migräne und gegen Blutungen nach der Geburt eingesetzt wurde. In den frühen 1930er-Jahren erkannten Forschergruppen, dass der gemeinsame chemische Kern dieser Alkaloide eine bestimmte Verbindung war: die Lysergsäure.

Hier setzte Hofmanns Arbeit an. Er erhielt die Aufgabe, neue Verbindungen auf Basis der Lysergsäure herzustellen – in der Hoffnung, dass sich daraus Medikamente mit kreislauf- und atemstimulierender Wirkung gewinnen liessen. Hofmann gelang es, die Lysergsäure chemisch zu stabilisieren und mit verschiedenen Molekülen zu kombinieren. Aus diesen Arbeiten ging unter anderem Methergin hervor, ein bis heute in der Geburtshilfe verwendetes Mittel gegen Blutungen, sowie später Hydergin, ein gegen Durchblutungsstörungen im Alter eingesetztes Präparat, das zu einem der erfolgreichsten Produkte von Sandoz wurde.

Die fünfundzwanzigste Substanz

Am 16. November 1938 synthetisierte Hofmann im Rahmen dieser Versuchsreihe die fünfundzwanzigste Verbindung einer Reihe von Lysergsäure-Derivaten: das Lysergsäurediethylamid. Aus dem deutschen Namen „Lyserg-Säure-Diäthylamid“ und der laufenden Nummer der Versuchsreihe leitete sich die Laborbezeichnung ab, unter der die Substanz weltberühmt werden sollte – LSD-25.

Die Erwartung war pharmakologisch unspektakulär. Hofmann hoffte auf ein Kreislauf- und Atemstimulans, vergleichbar mit dem damals gebräuchlichen Coramin. Die Tierversuche enttäuschten jedoch. Die Versuchstiere wurden zwar unruhig und zeigten eine gewisse Erregung, aber die zuständigen Pharmakologen und Mediziner bei Sandoz sahen keinen Anlass, die Substanz weiterzuverfolgen. LSD-25 wurde, wie Hofmann später formulierte, beiseitegelegt und für fünf Jahre vergessen – eine von Hunderten Verbindungen, die in der pharmazeutischen Forschung den Weg auf den sprichwörtlichen „Abfallhaufen“ der unbrauchbaren Stoffe finden.

Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass LSD-25 überhaupt zurückkehrte. Üblicherweise blieben einmal verworfene Substanzen verworfen. Doch Hofmann liess die Verbindung nicht los. Er sprach später von einer „eigentümlichen Vorahnung“, einem Gefühl, dass diese Substanz mehr zu bieten habe, als die ersten Tests vermuten liessen. Es ist eine jener Episoden der Wissenschaftsgeschichte, in denen sich nüchterne Laborroutine und schwer fassbare Intuition auf eigentümliche Weise verschränken.

Der 16. April 1943: ein Zufall mit Folgen

Fünf Jahre nach der ersten Synthese, im Frühjahr 1943, entschloss sich Hofmann, LSD-25 erneut herzustellen, um der pharmakologischen Abteilung weitere Proben zur Verfügung zu stellen – ein ungewöhnlicher Schritt, da die Substanz ja bereits ausgemustert worden war. Am Nachmittag des 16. April 1943 führte er die letzten Reinigungsschritte der Synthese durch, als ihn merkwürdige Empfindungen überkamen. Er musste seine Arbeit unterbrechen und nach Hause gehen.

In seinen Aufzeichnungen beschrieb Hofmann einen traumähnlichen Zustand, einen rauschartigen Schwindel, eine angeregte Fantasie und ein Strömen ausserordentlich lebhafter Bilder von intensiver, kaleidoskopartiger Farbigkeit. Nach etwa zwei Stunden klang der Zustand ab. Als erfahrener Chemiker zog Hofmann den naheliegenden Schluss: Er musste versehentlich eine kleine Menge der Substanz aufgenommen haben, vermutlich über die Haut der Fingerkuppen. Und er erkannte sofort die wissenschaftliche Tragweite – dass eine Substanz schon in winzigsten Mengen eine derart durchgreifende Wirkung auf das Bewusstsein entfalten konnte, war für die damalige Pharmakologie ohne Vorbild.

Der Selbstversuch und die berühmte Fahrradfahrt

Um Gewissheit zu erlangen, beschloss Hofmann, ein Experiment an sich selbst durchzuführen. Am Montag, dem 19. April 1943, nahm er um 16:20 Uhr 0,25 Milligramm – also 250 Mikrogramm – LSD ein. Aus heutiger Sicht war das eine erhebliche Dosis: LSD ist so potent, dass schon ein Bruchteil dieser Menge eine starke Wirkung hervorruft. Hofmann ging in der Annahme vor, eine vorsichtige Schwellendosis gewählt zu haben; tatsächlich verabreichte er sich ein Vielfaches dessen, was für eine deutliche Wirkung nötig gewesen wäre.

Die Wirkung setzte rasch und heftig ein. Hofmann bat seine Laborantin, ihn nach Hause zu begleiten. Da kriegsbedingt keine Automobile zur Verfügung standen, legten die beiden den Weg mit dem Fahrrad zurück. Dieser Heimweg ging als die legendäre Fahrradfahrt in die Kulturgeschichte ein – und gab dem inoffiziellen Feiertag, der bis heute alljährlich am 19. April begangen wird, seinen Namen: dem „Bicycle Day“.

Während der Fahrt erlebte Hofmann eine dramatische Verzerrung seiner Wahrnehmung. Er hatte den Eindruck, nicht von der Stelle zu kommen, obwohl seine Begleiterin ihm versicherte, dass sie zügig vorankamen. Zu Hause angekommen, durchlebte er Stunden tiefster Angst. Er fürchtete, den Verstand zu verlieren oder zu sterben; vertraute Gegenstände und Menschen verwandelten sich in seiner Wahrnehmung ins Bedrohliche, und seine Nachbarin erschien ihm zeitweise als bösartige Hexe. Ein herbeigerufener Arzt konnte ausser geweiteten Pupillen keine bedenklichen körperlichen Befunde feststellen.

Mit fortschreitender Nacht wandelte sich das Erleben. Die Angst wich, und an ihre Stelle traten Bilder von ungeheurer Farbenpracht und Formenfülle, ein faszinierendes Spiel der Eindrücke, das sich mit jedem Atemzug zu verwandeln schien. Hofmann erwachte am nächsten Morgen mit einem klaren Kopf und einem Gefühl der Erfrischung und des Wohlbefindens – und mit der Gewissheit, etwas grundlegend Neues entdeckt zu haben.

Eine Substanz auf der Suche nach ihrem Sinn

Sandoz erkannte die Bedeutung des Stoffs und brachte LSD ab 1947 unter dem Handelsnamen Delysid auf den Markt – nicht als Rauschmittel, sondern als Werkzeug für die psychiatrische Forschung und Therapie. Die Idee dahinter: LSD könne Psychiatern helfen, die Erlebniswelt psychotischer Patienten besser nachzuvollziehen, indem es vorübergehend einen vergleichbaren Zustand hervorrief. Zugleich erprobten Therapeuten die Substanz als Hilfsmittel in der Psychoanalyse, um verdrängte Inhalte zugänglich zu machen.

In den 1950er- und frühen 1960er-Jahren entstand eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur. Hunderte von Studien untersuchten LSD bei der Behandlung von Alkoholismus, Depressionen, Angststörungen und beim Umgang mit Sterbenden. Auch die noch junge Bewusstseinsforschung interessierte sich für die Substanz. Es war eine Zeit, in der LSD als ernst zu nehmendes Forschungsinstrument galt, mit dem die Geheimnisse von Wahrnehmung, Geist und psychischer Krankheit ergründet werden sollten.

Hofmann selbst erweiterte unterdessen sein Werk. In den 1950er-Jahren wandte er sich den mexikanischen Zauberpilzen zu und isolierte deren Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin – auch hier war er der Erste, dem die Synthese gelang. Später untersuchte er die Wirkstoffe einer mexikanischen Windengewächs-Art und stellte deren chemische Verwandtschaft mit dem LSD fest. Sein wissenschaftliches Interesse galt stets der Brücke zwischen der Chemie der Pflanzen und den Wirkungen auf den menschlichen Geist.

Vom Labor in die Gegenkultur

Was als nüchternes pharmazeutisches Forschungsprojekt begonnen hatte, geriet im Lauf der 1960er-Jahre ausser Kontrolle – jedenfalls aus Sicht seines Entdeckers. LSD verliess die Labore und Kliniken und wurde zum chemischen Sinnbild einer ganzen kulturellen Bewegung. Figuren wie der ehemalige Harvard-Psychologe Timothy Leary propagierten den massenhaften, unkontrollierten Konsum als Mittel der Bewusstseinserweiterung und gesellschaftlichen Befreiung. LSD wurde zum Treibstoff der psychedelischen Gegenkultur, prägte Musik, bildende Kunst und Lebensgefühl einer Generation.

Hofmann verfolgte diese Entwicklung mit wachsendem Unbehagen. Er hatte nichts gegen die Substanz selbst – im Gegenteil, er war überzeugt von ihrem Wert. Aber er lehnte den sorglosen Freizeitkonsum entschieden ab. Für ihn war LSD ein Werkzeug, das Respekt, Vorbereitung und einen geschützten Rahmen erforderte, kein Partyvergnügen. In Anlehnung an die widersprüchlichen Erfahrungen, die er mit der Substanz verband, prägte er für sie die berühmt gewordene Bezeichnung seines „Sorgenkinds“: eine Verbindung von ausserordentlichem Potenzial, deren Missbrauch ihn zutiefst betrübte.

Die gesellschaftliche Reaktion liess nicht auf sich warten. Angesichts des massenhaften Freizeitkonsums und der damit verbundenen Risiken verboten zahlreiche Staaten LSD im Verlauf der späten 1960er-Jahre. Sandoz stellte 1965 die Produktion ein. Mit dem Verbot kam auch die legale Forschung weitgehend zum Erliegen – ein Umstand, den Hofmann bedauerte, weil er das therapeutische Potenzial der Substanz unausgeschöpft sah. Aus seiner Sicht war nicht die Substanz das Problem, sondern der unverantwortliche Umgang mit ihr.

Ein langes Leben und eine späte Wiederkehr

Albert Hofmann blieb bis zu seiner Pensionierung 1971 bei Sandoz, wo er zuletzt die Abteilung für Naturstoffe leitete. Auch danach blieb er wissenschaftlich und publizistisch aktiv. 1979 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel LSD – Mein Sorgenkind, ein Buch, das die Geschichte seiner Entdeckung aus erster Hand schildert und bis heute als Klassiker der Wissenschaftsliteratur gilt. Darin findet sich auch der oft zitierte Gedanke, er habe LSD nicht gewählt, sondern LSD habe ihn gefunden und gerufen – eine Formulierung, die das eigentümliche Verhältnis zwischen dem Chemiker und seiner berühmtesten Schöpfung auf den Punkt bringt.

Hofmann wurde ein aussergewöhnlich hohes Alter. Er erlebte noch, wie sich gegen Ende seines Lebens das wissenschaftliche Klima zu wandeln begann und eine neue Generation von Forschenden das therapeutische Potenzial psychedelischer Substanzen unter strengen wissenschaftlichen Bedingungen wiederentdeckte – etwa bei der Behandlung von Depressionen, Angstzuständen und Traumata. Diese Renaissance der psychedelischen Forschung, die er sich so lange gewünscht hatte, erlebte er in ihren Anfängen mit. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags im Januar 2006 wurde er in Basel mit einem internationalen Symposium geehrt, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt versammelte.

Albert Hofmann starb am 29. April 2008 im Alter von 102 Jahren in seinem Haus in Burg im Kanton Basel-Landschaft an einem Herzinfarkt. Er hinterliess ein zwiespältiges Erbe: eine Substanz, die gleichermaßen als Symbol exzessiver Drogenkultur und als Hoffnungsträger der Psychiatrie gilt.

Das Vermächtnis einer Vorahnung

Die Geschichte von Albert Hofmann und dem LSD ist mehr als die Anekdote eines glücklichen Zufalls. Sie erzählt von der schmalen Grenze zwischen Gift und Heilmittel, von der Unberechenbarkeit wissenschaftlicher Entdeckungen und von der Verantwortung, die mit ihnen einhergeht. Eine Substanz, die als Atemstimulans gedacht war, verworfen wurde und nur durch eine kaum erklärbare Ahnung ihres Schöpfers zurückkehrte, wurde zum Brennpunkt von Medizin, Recht, Kunst und Gesellschaftspolitik.

Hofmann selbst blieb zeitlebens ein nüchterner Naturwissenschaftler, der gleichwohl die mystische Dimension der menschlichen Erfahrung ernst nahm. In jener Waldlichtung über Baden, in der er als Kind die überwältigende Verbundenheit mit allem Leben gespürt hatte, sah er rückblickend einen Vorschein dessen, was ihm LSD später chemisch zugänglich machte. Dass ausgerechnet ein zurückhaltender Basler Chemiker zum unfreiwilligen Paten einer weltweiten Gegenkultur wurde, gehört zu den grossen Ironien der Wissenschaftsgeschichte – und passt doch zu einer Substanz, die wie kaum eine andere die Erwartungen ihrer Zeit auf den Kopf stellte.

Referenzen
  1. Albert Hofmann, „LSD – Mein Sorgenkind" (1979)
  2. Encyclopædia Britannica, Biografie Albert Hofmann
  3. The Lancet, Nachruf (2008)
  4. Smithsonian Magazine
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Tom Müllerr

Autorin/Autor bei Dispensio.

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