Apothekensterben in der Schweiz: Was die Zahlen wirklich zeigen

In Deutschland schliessen Apotheken im Rekordtempo, und auch hierzulande macht das Wort «Apothekensterben» die Runde. Doch geben die Schweizer Zahlen das überhaupt her? Der Faktencheck zeigt: Die Gesamtzahl ist erstaunlich stabil – unter der Oberfläche läuft aber ein Strukturwandel, dessen Treiber weniger die Landflucht ist als Margendruck, Nachwuchsmangel und die Eigenheiten des Schweizer Abgabesystems.

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Mario Punch · August 10, 2026 · 5 min read
Apothekensterben in der Schweiz: Was die Zahlen wirklich zeigen

Eckpunkte

  • Kein Einbruch, aber Trendwende: Mit 1'830 Apotheken (Ende 2024) ist das Schweizer Netz seit 2008 stabil – seit 2021 schrumpft es jedoch leicht, und Analysten erwarten eine schleichende Konsolidierung.
  • Landflucht ist nicht der Haupttreiber: Die Apothekendichte folgt in erster Linie dem Abgaberegime – in Selbstdispensations-Kantonen teilen sich 8'456 Einwohner eine Apotheke, in Rx-Kantonen nur 3'274.
  • Die echten Gründe: gesunkene Vertriebsmargen (Revision per 1. Juli 2024), seit Jahren stagnierende LOA-Tarife, steigende Personal- und Betriebskosten, nur 192 Pharmaziediplome pro Jahr und unbezahlter Mehraufwand durch über 1'200 Lieferengpässe.
  • Die Chance: pharmaSuisse positioniert die Apotheke als erste Anlaufstelle der Grundversorgung – ein Drittel der Bevölkerung ersparte sich dank Apothekenberatung bereits einen Arztbesuch, 82 Prozent der Betriebe impfen.

Ein Begriff wandert über die Grenze

Das Wort «Apothekensterben» stammt aus der deutschen Debatte – und dort ist es keine Übertreibung: Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist von rund 21'500 im Jahr 2000 auf etwa 17'000 gefallen, allein 2024 verschwanden mehrere hundert Betriebe. In Grossbritannien schlossen innert zwei Jahren rund 700 von 14'000 Apotheken, in den USA kündigte die Kette Walgreens die Schliessung eines Viertels ihrer 8'600 Filialen an. Kein Wunder, fragt sich die Branche hierzulande: Steht der Schweiz dasselbe bevor?

Der Blick in die Statistik gibt eine überraschend nüchterne Antwort – und eine unbequeme zugleich.

Was die Schweizer Zahlen wirklich hergeben

Ende 2024 zählte die Schweiz gemäss pharmaSuisse 1'830 öffentliche Apotheken. Über anderthalb Jahrzehnte ist das Netz sogar gewachsen – von 1'731 Betrieben im Jahr 2009 auf den Höchststand von 1'844 im Jahr 2021. Ein flächendeckendes Sterben wie in den Nachbarländern lässt sich daraus nicht ablesen. Seit 2021 hat die Kurve aber gedreht: Das Netz schrumpft Jahr für Jahr um einige Betriebe. Der Analyst Gian Marco Werro von der Zürcher Kantonalbank erwartet eine «langsame Konsolidierung» mit weiter sinkenden Zahlen.

Liniendiagramm: Anzahl öffentliche Apotheken in der Schweiz 2009–2024
Von 1'731 auf 1'844 und wieder zurück: Das Schweizer Apothekennetz wuchs bis 2021 – seither schrumpft es leicht. Daten: pharmaSuisse, «Fakten und Zahlen».

Hinzu kommt: Die Schweiz ist schon heute dünn versorgt. Mit rund 20 Apotheken pro 100'000 Einwohner liegt sie deutlich unter dem europäischen Schnitt von gut 30. Und unter der stabilen Oberfläche verschiebt sich die Struktur – 666 Betriebe (36 Prozent) gehören inzwischen Ketten wie Amavita, BENU, Coop Vitality oder Sun Store, und ein Grossteil der 1'164 unabhängigen Apotheken hat sich Gruppierungen und Einkaufskooperationen angeschlossen. Es sterben also weniger die Apotheken als die Einzelkämpfer.

Dorfapotheke in einem Schweizer Bergdorf
Kleine Dorfapotheken tragen in Rx-Kantonen das Versorgungsnetz – und spüren Margendruck und Nachfolgeprobleme zuerst.

Landflucht? Die Karte erzählt eine andere Geschichte

Die naheliegende These, das Apothekennetz dünne wegen der Landflucht aus, greift für die Schweiz zu kurz. Wer die Apothekendichte kantonal aufschlüsselt, erkennt ein anderes Muster: Entscheidend ist das Abgaberegime.

AbgaberegimeBeispielregionenEinwohner pro Apotheke
Rx (nur Apotheken geben ab)Romandie, Tessin, BS, AG3'274
MischformBE, GR5'626
Selbstdispensation (Ärzte geben ab)übrige Deutschschweiz8'456

In weiten Teilen der ländlichen Deutschschweiz gab es nie ein dichtes Apothekennetz – dort gibt traditionell die Hausarztpraxis die Medikamente direkt ab. Wo hingegen die Apotheke das Abgabemonopol hat, ist das Netz auch auf dem Land engmaschig: Das Tessin hat die höchste Dichte des Landes, allerdings mit kleinen Betrieben, die im Schnitt nur 2,2 Millionen Franken umsetzen – gegenüber gut 4 Millionen in der Deutschschweiz.

Die Landflucht wirkt trotzdem mit, nur indirekt: Sinkende Frequenzen im Dorfkern, Mühe bei der Personalrekrutierung ausserhalb der Zentren und fehlende Nachfolger treffen kleine Landapotheken zuerst. Und in Selbstdispensations-Gebieten droht das umgekehrte Szenario – geht der dispensierende Landarzt in Pension, ohne dass jemand die Praxis übernimmt, verliert das Dorf Arzt und Medikamentenversorgung auf einen Schlag, ohne dass je eine Apotheke geschlossen hätte.

Die eigentlichen Gründe für den Druck

Ökonomisch ist der Befund eindeutiger als demografisch. Die Rollende Kostenstudie Apotheke (RoKA) der KOF ETH Zürich zeigt: Die durchschnittliche Apotheke erzielte zuletzt bei 3,6 Millionen Franken Betriebserlös noch ein EBITDA von 291'000 Franken – eine Marge von 8 Prozent, Tendenz nach dem Corona-Sondereffekt sinkend. Ein Viertel der Betriebe setzt weniger als 2,2 Millionen um; dort wird die Rechnung schnell existenziell.

Gleich mehrere Entwicklungen drücken auf diese Basis. Per 1. Juli 2024 hat der Bund den Vertriebsanteil revidiert: Der preisbezogene Zuschlag wurde von 12 auf 6 Prozent halbiert, für Originale und Generika gilt neu dieselbe Marge – gewollte Einsparung: rund 60 Millionen Franken pro Jahr, der Preisüberwacher sähe gar 400 Millionen Potenzial. Die LOA-Tarife für pharmazeutische Leistungen wurden derweil seit Jahren kaum angepasst; pharmaSuisse-Präsidentin Martine Ruggli verweist darauf, dass die Apotheken «in den letzten zehn Jahren keine Zuschläge bekommen» hätten, während Löhne, Mieten und Energie teurer wurden.

Dazu kommt der Faktor Mensch: 2024 wurden nur 192 eidgenössische Pharmaziediplome ausgestellt – zu wenig, um Pensionierungen und Teilzeitpensen aufzufangen, geschweige denn die Nachfolge für inhabergeführte Betriebe zu sichern. Und die über 1'200 nicht lieferbaren Medikamente (Stand 2025) verursachen täglich unbezahlte Mehrarbeit: Ersatzpräparate suchen, Ärztinnen kontaktieren, Kundschaft vertrösten.

Der Online-Handel schliesslich ist mit 4,8 Prozent Marktanteil noch klein – doch die geplante Lockerung des Heilmittelgesetzes, die den Versand rezeptfreier Medikamente erleichtern soll, dürfte den Preisdruck ab 2026/27 spürbar erhöhen.

Was pharmaSuisse sagt

Der Apothekerverband bestreitet den Druck nicht: «Die Schweizer Apotheken stehen unter Druck – sowohl finanziell als auch personell», sagt Sprecher Gregory Nenniger. Zugleich hält der Verband dagegen, die Apotheken seien Teil der Lösung, nicht des Kostenproblems: Nur rund 3 Prozent der Kosten der Grundversicherung entfallen auf den Apothekenkanal, 2024 erbrachten die Teams 86 Millionen LOA-Leistungen. Gemäss der aktuellen Bevölkerungsbefragung des Verbands ersparte sich ein Drittel der Befragten dank einer Apothekenberatung mindestens einen Arztbesuch. Entsprechend fordert pharmaSuisse kostendeckende Tarife, die Abgeltung neuer Leistungen – und mehr Studienplätze.

Vom Abgabekanal zum Grundversorger: die Chancen

Paradoxerweise ist die grösste Bedrohung der Branche zugleich ihre grösste Chance: der Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten. Wo Praxen keine Termine mehr vergeben, wird die Apotheke zur ersten Anlaufstelle – niederschwellig, ohne Voranmeldung, mit erweiterten Kompetenzen bei Impfungen (82 Prozent der Betriebe impfen bereits), Triage, Prävention und Polymedikations-Checks. Wer zusätzlich in Erreichbarkeit investiert – von der Hauslieferung bis zur digitalen Vorbestellung mit Abholung rund um die Uhr –, macht sich gegenüber dem Versandhandel schwer ersetzbar.

Das Fazit fällt damit differenziert aus: Ein Apothekensterben nach deutschem Muster findet in der Schweiz nicht statt – die Zahlen geben den Alarmbegriff nicht her. Was stattfindet, ist ein Stresstest: sinkende Margen, fehlender Nachwuchs, wachsender Online-Druck. Betriebe, die nur Medikamente abgeben, werden ihn schwer bestehen. Betriebe, die sich als Gesundheitsversorger im Quartier und im Dorf positionieren, haben dagegen beste Argumente – gerade dort, wo der nächste Arzttermin in weiter Ferne liegt.

Referenzen
  1. pharmaSuisse. Fakten und Zahlen der Schweizer Apotheken 2025. pharmasuisse.org, Oktober 2025.
  2. pharmaSuisse. Fakten und Zahlen Schweizer Apotheken, Ausgaben 2019–2023 (historische Apothekenzahlen 2009–2022, Tabelle «Anzahl Apotheken pro 100 000 Einwohner»).
  3. pharmaSuisse / KOF ETH Zürich. Kurzbericht RoKA (Rollende Kostenstudie Apotheke), Geschäftsjahre 2021 und 2022. Oktober 2024.
  4. SRF News. Umkämpfter Medikamentenmarkt – Schweizer Apotheken stehen vor einem Umbruch. srf.ch.
  5. SRF News. Medikamenten-Vertriebsmargen – Sparpotenzial bei Medikamenten: 400 Millionen Franken pro Jahr. srf.ch.
  6. swissinfo.ch. Online wächst – jetzt geraten auch die Schweizer Apotheken unter Druck. 2025.
  7. Medinside. Apotheken – mehr Bedeutung, weniger Nachwuchs. Oktober 2025.
  8. Medinside. Arzneimittelpreise – einheitlicher Vertriebsanteil ab 2024. Dezember 2023.
  9. Bundesamt für Gesundheit (BAG). Anpassung des Vertriebsanteils bei Arzneimitteln der Spezialitätenliste per 1. Juli 2024.
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Mario Punch

Autorin/Autor bei Dispensio.

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