Botox Boom: Was die Haut wirklich braucht
Botulinumtoxin ist längst vom diskreten Schönheitseingriff zum sichtbaren Symbol einer neuen Selbstoptimierungskultur geworden. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Hautgesundheit, Anti Aging, Prävention und ästhetischer Medizin, während immer jüngere Menschen nach Möglichkeiten suchen, erste Zeichen der Hautalterung möglichst früh zu kontrollieren. Für Apotheker entsteht damit eine neue Beratungsaufgabe: realistische Erwartungen schaffen, evidenzbasierte Dermokosmetik empfehlen und erkennen, wann aus Hautpflege ein medizinischer Eingriff wird.

Wenn Hautgesundheit zum Optimierungsprojekt wird
Glatte Haut, ein ebenmässiger Teint und möglichst wenige sichtbare Zeichen des Alterns sind keine neuen Schönheitsideale. Neu ist jedoch die Intensität, mit der Gesundheit und Aussehen miteinander verschmelzen. Hautpflege wird nicht mehr nur eingesetzt, um trockene Haut, Akne oder Pigmentstörungen zu behandeln, sondern zunehmend als langfristiges Optimierungsprogramm verstanden. Wirkstoffe wie Retinol, Vitamin C und Peptide gehören ebenso dazu wie Kollagenprodukte, LED Masken, Microneedling, Filler und Botulinumtoxin.
Die 2026 veröffentlichte Studie «Feelgood Revolution» des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt diese Entwicklung exemplarisch. Mehr als 3000 Personen aus der Deutschschweiz, Deutschland und Österreich wurden zu Gesundheit, Ernährung und Schönheit befragt. Knapp die Hälfte betrachtet Ernährung, Gesundheit und Aussehen inzwischen gleichzeitig als relevante Bestandteile des persönlichen Wohlbefindens. Die Autoren beschreiben gleichzeitig einen steigenden Optimierungsdruck, der besonders jüngere Menschen und Frauen betrifft.¹
Dabei entsteht ein bemerkenswertes Spannungsfeld. In derselben Untersuchung gaben 27 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer an, Druck hinsichtlich ihres Aussehens zu verspüren. Gleichzeitig berichteten acht Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen, bereits Botulinumtoxin zu nutzen. Wichtig für die Interpretation ist allerdings, dass diese Zahlen aus der gesamten DACH Stichprobe stammen und keine rein schweizerische Prävalenz darstellen.²
Die ästhetische Medizin wird damit zunehmend normalisiert. Was früher als Schönheitsoperation wahrgenommen wurde, erscheint heute als kurze Behandlung in der Mittagspause. Begriffe wie «Baby Botox» oder «Preventive Botox» verstärken zusätzlich den Eindruck, Botulinumtoxin sei eine Form erweiterter Hautpflege. Aus dermatologischer Sicht ist diese Gleichsetzung problematisch. Denn Botulinumtoxin kann mimische Falten reduzieren, verbessert aber nicht automatisch die Gesundheit der Haut.
Wie viel Botox wird in der Schweiz tatsächlich gespritzt?
Gerade bei dieser Frage lohnt sich wissenschaftliche Genauigkeit. Eine belastbare nationale Statistik über die Zahl ästhetischer Botulinumtoxinbehandlungen pro Jahr existiert für die Schweiz derzeit nicht öffentlich. Die aktuelle internationale ISAPS Statistik weist nur Länder separat aus, für die genügend Antworten für eine statistisch valide Hochrechnung vorliegen. Die Schweiz gehört in der Erhebung 2024 nicht zu den 32 separat ausgewiesenen Ländern. Eine konkrete Zahl wie «50'000» oder «100'000 Botoxbehandlungen pro Jahr in der Schweiz» lässt sich deshalb derzeit nicht seriös aus einer nationalen Registerstatistik ableiten.³
Das ist relevant, weil in Medien und Marketingmaterialien immer wieder Schätzungen zu Schweizer Schönheitseingriffen auftauchen. Häufig werden dabei sämtliche nicht operativen Eingriffe wie Botulinumtoxin, Hyaluronsäure, Laser und andere Verfahren zusammengezählt und anschliessend als Botoxzahlen interpretiert. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar.
Wie gross der Markt grundsätzlich ist, zeigen die internationalen Daten dennoch eindrücklich. Laut ISAPS wurden 2024 weltweit 7'887'955 ästhetische Botulinumtoxinbehandlungen durch plastische Chirurgen durchgeführt. Damit war Botulinumtoxin mit grossem Abstand die häufigste nicht operative ästhetische Behandlung weltweit. Insgesamt wurden 20,5 Millionen nicht chirurgische ästhetische Verfahren registriert.³
Auch die Altersverteilung ist aufschlussreich. Weltweit entfielen 2024 rund 22,8 Prozent der Botulinumtoxinbehandlungen auf die Gruppe der 18 bis 34 Jährigen. Den grössten Anteil stellten mit 47,1 Prozent die 35 bis 50 Jährigen. Weitere 23,6 Prozent entfielen auf die Altersgruppe von 51 bis 64 Jahren und 6,0 Prozent auf Personen ab 65 Jahren. Behandlungen bei unter 18 Jährigen machten rund 0,5 Prozent aus. Diese Zahlen sind globale ISAPS Daten und dürfen nicht als Schweizer Altersverteilung ausgegeben werden, zeigen aber deutlich, dass Botulinumtoxin längst kein Thema ausschliesslich älterer Patienten ist.³
Hautalterung beginnt nicht mit der ersten Falte
Wer über Botox spricht, sollte zunächst über Hautalterung sprechen. Denn das sichtbare Altern des Gesichts entsteht nicht durch einen einzigen Mechanismus. Mit zunehmendem Alter verändern sich Epidermis und Dermis, die Produktion und Organisation von Kollagen und Elastin nehmen ab, der Feuchtigkeitshaushalt verändert sich und auch subkutanes Fett, Knochenstruktur und Muskelaktivität beeinflussen das Erscheinungsbild.
Hinzu kommt die extrinsische Hautalterung. Vor allem ultraviolette Strahlung beschleunigt den Abbau dermaler Strukturen und trägt zu Falten, Elastizitätsverlust und Pigmentveränderungen bei. Genau deshalb ist konsequenter UV Schutz keine Nebensache der Anti Aging Pflege, sondern ihre wissenschaftlich am besten abgesicherte Grundlage. In einer randomisierten Studie mit 903 Erwachsenen zeigte die Gruppe mit täglichem Sonnenschutz nach viereinhalb Jahren 24 Prozent weniger messbare Hautalterung als die Vergleichsgruppe mit Sonnenschutz nach eigenem Ermessen.⁴
Für die Beratung ist zudem die Unterscheidung zwischen dynamischen und statischen Falten entscheidend. Dynamische Falten entstehen zunächst durch wiederholte Muskelkontraktionen, etwa beim Stirnrunzeln, Lachen oder Hochziehen der Augenbrauen. Mit zunehmendem Alter können sich diese Linien auch in Ruhe in die Haut einprägen. Zusätzlich entstehen statische Falten durch UV Schäden, Kollagenabbau, Volumenverlust und Veränderungen des Bindegewebes.
Genau an dieser Stelle zeigt sich die Grenze zwischen Dermokosmetik und Botulinumtoxin.
Botox ist keine Hautpflege
«Botox» ist eigentlich ein Markenname, wird im Alltag aber häufig synonym für Botulinumtoxin Typ A verwendet. Der Wirkstoff hemmt die Freisetzung von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte. Der behandelte Muskel kontrahiert vorübergehend schwächer und die darüberliegende mimische Falte erscheint weniger ausgeprägt.
Botulinumtoxin baut also weder direkt neues Kollagen auf noch ersetzt es verlorenes Volumen. Es ist auch kein klassisches Mittel gegen erschlaffte Haut. Seine Stärke liegt insbesondere in der Behandlung mimisch verursachter Falten.
In der Schweiz ist Vistabel als Botulinumtoxinpräparat für bestimmte ästhetische Indikationen zugelassen, darunter moderate bis schwere Glabellafalten, Krähenfüsse und Stirnfalten sowie inzwischen auch eine ausgeprägte Platysmaaktivität am Hals. Das Arzneimittel ist rezeptpflichtig.⁵
Diese Abgrenzung ist auch für die Apotheke wichtig. Eine 30 Jährige mit ersten feinen Linien aufgrund trockener, lichtgeschädigter Haut benötigt nicht zwangsläufig eine Injektion. Eine ausgeprägte mimische Glabellafalte dagegen lässt sich durch eine Creme nicht in vergleichbarem Ausmass reduzieren. Gute Beratung bedeutet deshalb nicht, Dermokosmetik als «Botox aus der Tube» zu verkaufen, sondern klar zu benennen, was eine Pflege leisten kann und was nicht.
«Preventive Botox»: Prävention oder Marketing?
Besonders bei jüngeren Erwachsenen hat sich die Vorstellung etabliert, frühe Botulinumtoxinbehandlungen könnten spätere Falten verhindern. Physiologisch ist nachvollziehbar, dass eine dauerhaft reduzierte Muskelbewegung die Ausbildung bestimmter mimischer Linien beeinflussen kann. Daraus lässt sich jedoch keine generelle medizinische Empfehlung ableiten, bereits in den Zwanzigern prophylaktisch Botulinumtoxin anzuwenden.
Die aktuell zugelassenen ästhetischen Indikationen beziehen sich auf bereits sichtbare moderate bis schwere Linien beziehungsweise die entsprechende Muskelprominenz.⁵ Für gesunde junge Menschen ohne ausgeprägte mimische Falten ist eine routinemässige Behandlung daher vielmehr eine ästhetische Entscheidung als eine Massnahme zur Hautgesundheit.
Gerade hier besitzt die Apotheke eine wertvolle Beratungsfunktion. Nicht jede erste Stirnlinie benötigt eine medizinische Intervention. Konsequenter UV Schutz, ein geeigneter Retinoidwirkstoff, ausreichend Feuchtigkeit und eine intakte Hautbarriere adressieren zunächst die Haut selbst und nicht nur ihre mimische Bewegung.
Was vor Botox tatsächlich einen Versuch wert ist
Bei beginnender Hautalterung sollte das Ziel nicht lauten, möglichst viele vermeintliche Anti Aging Wirkstoffe gleichzeitig einzusetzen. Irritation, Barriereschäden und chronische Entzündung können das Hautbild sogar verschlechtern. Auch die American Academy of Dermatology empfiehlt, Sonnenschutz und Feuchtigkeitspflege als Grundlage zu etablieren und weitere Wirkstoffe gezielt nach Hautproblem auszuwählen.⁶
Der wichtigste Anti Aging Wirkstoff bleibt deshalb der Sonnenschutz. Ein breit wirksamer UVA und UVB Schutz mit mindestens SPF 30, in der Praxis bei konsequenter Anti Aging Strategie häufig SPF 50 oder 50+, sollte täglich verwendet werden. Keine «Liftingcreme» kann langfristig kompensieren, was kontinuierliche UV Exposition an dermalem Kollagen abbaut.⁴
Danach gehören Retinoide zu den wissenschaftlich am besten untersuchten topischen Wirkstoffen gegen lichtbedingte Hautalterung. Die stärkste Evidenz besteht für Tretinoin. Eine systematische Auswertung randomisierter Studien bestätigt Verbesserungen von feinen Falten, unregelmässiger Pigmentierung und weiteren Zeichen des Photoagings.⁷ Eine weitere systematische Übersichtsarbeit von 2024 bezeichnet Tretinoin weiterhin als Referenzwirkstoff, weist aber zugleich auf die häufig eingeschränkte Verträglichkeit hin.⁸
Tretinoin ist keine gewöhnliche Anti Aging Kosmetik. In der dermokosmetischen Selbstpflege spielen deshalb vor allem Retinol und Retinal eine Rolle. Für diese kosmetischen Retinoide ist die Studienlage weniger robust als für Tretinoin, sie können aber eine sinnvolle Option darstellen, wenn sie korrekt eingesetzt werden. Ein langsamer Einstieg mit wenigen Anwendungen pro Woche und konsequenter Feuchtigkeitspflege verbessert häufig die Verträglichkeit.⁹
Niacinamid ist vor allem für Patienten interessant, die eine empfindliche Haut haben oder Retinoide nicht gut vertragen. In einer randomisierten Doppelblindstudie führte fünfprozentiges Niacinamid nach zwölf Wochen unter anderem zu Verbesserungen feiner Linien, Pigmentunregelmässigkeiten und der gemessenen Hautelastizität.¹⁰ Die Wirkung ist subtiler als bei einer Botulinumtoxinbehandlung, betrifft dafür aber tatsächlich die Hautqualität.
Auch Vitamin C hat einen sinnvollen Platz in der Dermokosmetik. Topische Ascorbinsäure wirkt antioxidativ und ist an Prozessen der Kollagensynthese beteiligt. Kontrollierte klinische Studien zeigten Verbesserungen bei photogeschädigter Haut und feinen Falten. Entscheidend ist allerdings die Formulierung, da Vitamin C chemisch instabil ist und nicht jedes kosmetische Produkt dieselbe Hautpenetration erreicht.¹¹
Hyaluronsäure, Glycerin und barrierestärkende Lipide wirken anders. Sie erhöhen vor allem die Hydratation und können feine Trockenheitslinien kurzfristig aufpolstern. Das kann das Gesicht sichtbar glatter wirken lassen, ist aber keine strukturelle Hautstraffung. Gerade bei trockener oder empfindlicher Haut ist dieser Effekt dennoch wertvoll, weil eine gut hydrierte Barriere Voraussetzung für eine verträgliche Wirkstoffroutine ist.⁶
Peptide, Wachstumsfaktoren und zahlreiche sogenannte Liftingkomplexe sind schwieriger einzuordnen. Für einzelne Formulierungen existieren interessante Studien, die Evidenz ist jedoch deutlich heterogener und häufig produktbezogen. Ein hoher Preis oder die Bezeichnung «klinisch getestet» bedeutet nicht automatisch, dass ein Produkt eine mit Retinoiden vergleichbare Evidenz besitzt.
Was ich in der Apotheke vor Botox empfehlen würde
| Ziel | Sinnvoller Ansatz | Einordnung |
|---|---|---|
| Hautalterung vorbeugen | Breitband Sonnenschutz SPF 50+ | Wichtigste Basis, täglich |
| Feine Linien und Photoaging | Retinol oder Retinal am Abend | Gute dermokosmetische Option, langsam einschleichen |
| Ausgeprägtes Photoaging | Dermatologische Abklärung für Tretinoin | Beste topische Evidenz, aber Arzneimitteltherapie |
| Barriere und leichte Falten | Niacinamid etwa 4 bis 6 Prozent | Gut verträglich und sinnvoll bei empfindlicher Haut |
| Oxidativer Stress und Pigmentunregelmässigkeiten | Gut formuliertes Vitamin C | Sinnvolle Ergänzung am Morgen |
| Trockenheitslinien | Hyaluronsäure, Glycerin, Ceramide | Sofortiger aufpolsternder Effekt, keine echte Gewebestraffung |
| Mimische Stirn oder Zornesfalte | Kosmetik nur begrenzt wirksam | Bei relevantem Leidensdruck ärztliche Beratung zu Botulinumtoxin |
In Schweizer Apotheken sind entsprechende Formulierungen bereits breit verfügbar. Ein Beispiel ist das Retinol B3 Serum von La Roche Posay mit Retinol und Niacinamid. Für empfindlichere Haut steht etwa Avène Hyaluron Activ B3 mit sechs Prozent Niacinamid und 1,5 Prozent Hyaluronsäure zur Verfügung. Auch Retinalprodukte sind inzwischen im Apothekensortiment erhältlich. Entscheidend ist weniger die Marke als eine passende Wirkstoffkonzentration, eine verträgliche Gesamtformulierung und eine Routine, die tatsächlich über Monate eingehalten wird.
Keines dieser Produkte ist allerdings ein Ersatz für Botulinumtoxin, wenn eine ausgeprägte dynamische Falte behandelt werden soll. Umgekehrt ersetzt eine Botulinumtoxinbehandlung keine gute Hautpflege.
Risiken: minimalinvasiv bedeutet nicht risikofrei
Bei sachgemässer Anwendung ist ästhetisches Botulinumtoxin gut untersucht. Typische Nebenwirkungen sind vorübergehende Schmerzen, Rötung, Schwellung oder Blutergüsse an den Injektionsstellen. Daneben können Kopfschmerzen auftreten. Je nach Injektionsgebiet sind unerwünschte Muskelschwäche, ein hängendes Augenlid, eine abgesunkene Augenbraue oder Asymmetrien möglich.¹²
Das aktuelle Schweizer Risikomanagement für Vistabel nennt ausserdem vorbestehende neuromuskuläre Erkrankungen, Immunogenität mit möglicher Antikörperbildung und die Ausbreitung des Toxins über den gewünschten Wirkbereich hinaus als wichtige identifizierte Risiken. Bei Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen können in seltenen Fällen schwerwiegende systemische Auswirkungen bis hin zu Dysphagie und respiratorischer Beeinträchtigung auftreten.⁵
Eine internationale Pharmakovigilanzanalyse aus dem Jahr 2026 wertete mehr als 43'000 Meldungen im Zusammenhang mit ästhetischem Botulinumtoxin aus. Die Autoren weisen gleichzeitig ausdrücklich auf eine erhebliche Untererfassung unerwünschter Ereignisse hin. Solche Meldedaten können keine individuelle Nebenwirkungswahrscheinlichkeit bestimmen, verdeutlichen aber, weshalb Botulinumtoxin trotz seiner Popularität als Arzneimittel und nicht als Beautyprodukt betrachtet werden muss.¹³
Nach Botox: weniger Beautyrituale, mehr vernünftige Hautpflege
Um die Nachsorge ranken sich erstaunlich viele Regeln. Mehrere Stunden nicht hinlegen, nicht fliegen, nicht trainieren, nicht lachen, keinen Kaffee trinken und keinesfalls den Kopf senken: Ein Teil dieser Empfehlungen wird seit Jahren weitergegeben, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für exakte Zeitfenster begrenzt ist.
Eine 2025 publizierte retrospektive Multicenterstudie mit mehr als 5000 Behandlungen des oberen Gesichts stellte infrage, ob umfangreiche Verhaltensrestriktionen nach einer fachgerecht durchgeführten Botulinumtoxinbehandlung überhaupt notwendig sind. Die Studie ist aufgrund ihres retrospektiven Designs und des fehlenden Kontrollarms kein endgültiger Beweis, unterstreicht aber, dass viele traditionelle Aftercare Regeln eher auf Vorsicht und Theorie als auf hochwertigen klinischen Daten beruhen.¹⁴
Für die dermatologische Nachsorge ist eine pragmatische Strategie sinnvoller. Die Einstichstellen sollten zunächst in Ruhe gelassen und nicht intensiv massiert oder mechanisch gereizt werden. Ist die Haut gerötet oder empfindlich, sollte die Pflege für kurze Zeit auf eine milde Reinigung und eine reizfreie Feuchtigkeitspflege reduziert werden. Retinoide, stärkere Säuren, aggressive Peelings und andere irritierende Wirkstoffe können pausiert werden, bis die Haut wieder reizfrei ist. Nicht weil sie das Botulinumtoxin «neutralisieren», sondern weil eine frisch punktierte und gereizte Haut keine zusätzliche Irritation benötigt.
Sonnenschutz bleibt auch nach der Behandlung wichtig. Bei kleinen Hämatomen oder Schwellungen kann die Apotheke beruhigen und eine einfache, reizfreie Pflege empfehlen. Eine sichtbare Asymmetrie oder Ptosis gehört hingegen zurück zum behandelnden Arzt und sollte nicht durch Massieren oder kosmetische Eigenbehandlung «korrigiert» werden.
Treten Schluckbeschwerden, Sprachveränderungen, zunehmende generalisierte Muskelschwäche oder Atemprobleme auf, ist eine unverzügliche medizinische Beurteilung erforderlich. Das gilt auch dann, wenn die Injektion bereits mehrere Tage zurückliegt.⁵
Der Apotheker als Gegenpol zum Beauty Hype
Der grösste Mehrwert der Apotheke liegt nicht darin, Botox zu bewerben oder davon abzuraten. Er liegt in einer unabhängigen Einordnung.
Kommt ein Kunde mit dem Wunsch nach «etwas Straffendem», sollte zunächst geklärt werden, was tatsächlich stört. Sind es trockene Knitterfältchen, Pigmentflecken, Elastizitätsverlust, eine ausgeprägte Zornesfalte oder ein genereller Wunsch, jünger auszusehen? Diese Probleme benötigen völlig unterschiedliche Lösungen.
Ebenso wichtig ist die Frage nach der bestehenden Routine. Wer morgens fünf Seren übereinanderschichtet, abends Retinol mit Säuren kombiniert und gleichzeitig über Brennen und Rötungen klagt, benötigt wahrscheinlich kein weiteres Anti Aging Produkt, sondern zunächst eine stabilere Hautbarriere.
Die Apotheke kann zudem unrealistische Versprechen korrigieren. Hyaluronsäure in einer Creme ist kein Filler. Ein Peptidserum ist keine Botulinumtoxinbehandlung. Kollagen auf der Haut ersetzt kein verlorenes dermales Kollagen. Und eine Creme kann kein Facelift simulieren. Auch dermatologische Fachgesellschaften betonen, dass frei verfügbare Anti Aging Produkte in der Regel moderate und keine interventionsähnlichen Ergebnisse erzielen.⁶
Genau diese Ehrlichkeit kann die dermokosmetische Beratung aufwerten.
Vielleicht ist manchmal die wichtigste Beratung: noch nicht
Der Schönheitsboom stellt die Apotheke vor eine ungewöhnliche Aufgabe. Einerseits stehen heute wirksame Dermokosmetika zur Verfügung, die Photoaging, Pigmentverschiebungen, Trockenheit und feine Linien tatsächlich beeinflussen können. Andererseits kann kein Serum jede Veränderung des Alterns kontrollieren.
Zwischen diesen beiden Polen wächst ein Markt, in dem Prävention schnell zur Selbstoptimierung wird. Gerade jüngere Menschen erleben durch soziale Medien, Filter und permanent sichtbare Nahaufnahmen des eigenen Gesichts eine Ästhetik, in der normale Mimik und Hautstruktur zunehmend wie etwas Korrigierbares erscheinen. Die aktuellen DACH Daten zeigen gleichzeitig, dass jüngere Menschen besonders viel Wert auf ihr Aussehen legen und überdurchschnittlich viel Geld für dessen Optimierung ausgeben.¹ ²
Botulinumtoxin kann bei sorgfältiger Indikationsstellung eine wirksame ästhetische Behandlung sein. Es ist aber keine Voraussetzung für gesunde Haut und keine Anti Aging Basistherapie.
Die erste Frage in der Apotheke sollte deshalb nicht lauten: «Welche Creme kommt Botox am nächsten?» Sondern: «Was braucht diese Haut tatsächlich?»
Manchmal lautet die Antwort Retinol. Manchmal Niacinamid. Sehr häufig Sonnenschutz. Und manchmal ist eine ärztliche Behandlung tatsächlich die sinnvollere Option.
Die eigentliche Kompetenz liegt darin, den Unterschied zu erkennen.
Referenzen
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