Coca-Cola, das Hirntonikum aus der Apotheke
1886, Atlanta. Ein Apotheker mit Morphin-Abhängigkeit mischt am Sodatresen einen dunklen Sirup gegen Kopfweh – fünf Cent das Glas. Coca-Cola startet als Apothekenmedizin. Eine kleine Geschichte über das berühmteste Tonikum der Welt.
Eckpunkte
- Coca-Cola wurde 1886 vom Apotheker John Stith Pemberton in Atlanta als „Hirntonikum" gegen Kopfschmerzen, Müdigkeit und „nervöse Beschwerden" erfunden.
- Verkauft wurde sie zu fünf Cent das Glas am Sodatresen von Jacobs’ Pharmacy.
- Das Originalrezept enthielt Kokain (aus dem Coca-Blatt) und Koffein (aus der Kolanuss). Erst um 1903 wurde das Kokain entfernt.
- Pemberton verkaufte die Rechte stückweise weg und starb 1888 mittellos – Asa Candler baute danach den Weltkonzern.
Stellen Sie sich vor, Sie betreten an einem warmen Maitag des Jahres 1886 eine Apotheke in Atlanta. Hinter dem Marmortresen ein langer, hagerer Mann mit Vollbart, syrupbefleckter Schürze und müden Augen. Er hat etwas Neues angerührt: einen dunklen, klebrigen Sirup, den er mit Sodawasser zu einer fizzigen, süssen Limonade auffüllt. Fünf Cent das Glas. Er nennt das Ganze „valuable brain tonic" – ein wertvolles Hirntonikum.
Sie nehmen einen Schluck.
Sie haben gerade Coca-Cola getrunken.
John Stith Pemberton, der Mann hinter dem Tresen, ist Apotheker. Im amerikanischen Bürgerkrieg wurde er auf Seiten der Konföderation von einem Säbel getroffen und half sich seither mit Morphin gegen die Schmerzen – eine Abhängigkeit, die er nie wieder loswird. Pemberton sucht sein ganzes Leben nach dem einen grossen Mittel. Etwas gegen die Müdigkeit. Etwas gegen das Kopfweh. Etwas gegen die ganze Nachkriegszeit. Er probiert es zuerst mit „Pemberton’s French Wine Coca", einem mit Coca-Blattextrakt angereicherten Wein nach dem Vorbild des in Europa beliebten Vin Mariani. Es läuft ganz gut.
Dann stimmt Atlanta für die Prohibition.
Pemberton muss umformulieren. Er wirft den Wein raus, ersetzt ihn durch Zuckersirup, behält das Coca-Blatt-Extrakt, ergänzt es um Kolanuss (für die Wachheit) und mischt das Ganze am Sodatresen mit kohlensäurehaltigem Wasser zur Probe. Sein Buchhalter, Frank Mason Robinson, schlägt einen Namen vor – und schreibt ihn gleich auch in jener geschwungenen Spencerian-Schrift auf, die heute auf jeder roten Dose der Welt prangt: Coca-Cola. Die berühmteste Schriftzeile der Werbegeschichte ist Buchhalterhandschrift.
Am 8. Mai 1886 steht das neue Tonikum in Jacobs’ Pharmacy in Atlanta zum Verkauf. Es soll gegen Kopfschmerzen helfen. Gegen Müdigkeit. Gegen – und hier wurde die damalige Werbung besonders einfallsreich – „nervöse Beschwerden". Wie das damals üblich war, listet niemand auf der Etikette auf, was eigentlich drin ist.
Wir tun es trotzdem.
Im Coca-Blatt steckt Kokain. Nicht viel – die Schätzungen liegen bei wenigen Milligramm pro Glas – aber genug, dass die Werbeaussagen („belebt", „klärt den Geist", „richtet auf") plötzlich eine ganz andere Lesart bekommen. In der Kolanuss steckt Koffein. Im Sirup steckt Zucker. Und wenn der Sodatresen schäumte, bekam man, kurz gesagt, eine ziemlich engagierte Tasse Kaffee – nur kalt, süss, und mit einem zusätzlichen Pharmakon, das man heute eher in der Asservatenkammer als am Sodatresen erwartet.
1886 fand niemand etwas dabei. Kokain galt als modern, sauber, wissenschaftlich. Sigmund Freud hatte zwei Jahre zuvor sein bekanntes Lobgedicht „Über Coca" veröffentlicht. Merck in Darmstadt produzierte das Alkaloid in industriellem Massstab. Wer Zahnschmerzen hatte, putzte sie sich mit kokainhaltigen Tropfen weg.
In Atlanta verkaufte man sie einfach kalt im Glas.
Das eigentliche Drama der Geschichte aber spielt sich nicht am Sodatresen ab, sondern in Pembertons Kontoauszügen. Er ist krank, nach wie vor schmerzgeplagt, nach wie vor süchtig. Er braucht Geld. Er verkauft die Anteile an seinem Tonikum stückweise an verschiedene Geschäftspartner. Einer von ihnen, Asa Griggs Candler, konsolidiert die Rechte und gründet 1892 die Coca-Cola Company. Pemberton selbst stirbt am 16. August 1888 in Atlanta. Pleite. Er hat nie erlebt, was aus seinem Hirntonikum wurde.
Um 1903 zog Coca-Cola das Kokain aus der Rezeptur. Übrig blieben Zucker, Koffein und ein Trick mit „entkokainisiertem" Coca-Blatt, das man als Aroma weiterverwendet (und bis heute, sagt das Unternehmen, verwendet). Aus der Marke wurde, was man heute auf jedem Flughafen, in jedem Krieg und in jedem Mittagsmenü kennt: das weltweit am häufigsten ausgesprochene zweisilbige Markenwort.
Bleibt die Pointe, die Apothekerinnen und Apotheker an der Sache besonders schätzen dürften: Das ikonischste Getränk der Welt – das mit der roten Dose, mit den Weihnachtsmännern, mit den Eisbären, mit allem – wurde nicht von einem Marketinggenie erfunden, nicht in einem Konzern, nicht in einem Labor.
Es wurde an einem Sodatresen einer Apotheke verschrieben. Gegen Kopfweh. Fünf Cent das Glas.
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Referenzen
- Mark Pendergrast, „For God, Country and Coca-Cola" (2013)
- Encyclopædia Britannica, John Stith Pemberton
- New Georgia Encyclopedia, „John Stith Pemberton (1831–1888)"