Das Blaue: Wenn die blaue Pille nicht die ganze Geschichte erzählt
Sildenafil ist rezeptfrei erhältlich, doch erektile Dysfunktion kann ein Frühwarnsignal für vaskuläre Erkrankungen sein. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderung für Apothekerinnen und Apotheker bei der Abgabe von Sildenafil, wenn die zugrunde liegende Ursache unbehandelt bleibt.
Eckpunkte
- Erektile Dysfunktion (ED) ist oft ein Frühwarnsignal für vaskuläre Probleme, die koronaren Herzkrankheiten um Jahre vorausgehen können.
- Die rezeptfreie Abgabe von Sildenafil in der Apotheke birgt die Gefahr, dass zugrunde liegende ernsthafte Gesundheitsprobleme übersehen werden.
- Apothekerinnen und Apotheker tragen die Verantwortung, auf mögliche Frühwarnsignale zu achten und Patienten zur weiteren Abklärung zu motivieren.
Es ist Freitagnachmittag, halb fünf, die Apotheke ist still. Herr R. kommt rein. Ich kenne ihn vom Vornamen, was hier nicht viel heisst – ich kenne fast alle Stammkunden vom Vornamen. Was hier mehr heisst, ist, dass ich ihn beim letzten Mal mit seiner Frau Erika gesehen habe, und beim Mal davor nicht.
Er hat eine Tageszeitung unter dem Arm, die er nicht braucht. Er stellt sich an die Kasse, schaut auf das Display der digitalen Waage, dann fragt er, ohne mich anzuschauen: «Haben Sie noch das von letztem Mal? Das blaue.»
Sildenafil und die Liste B+
Das blaue ist Sildenafil. Seit 2019 darf ich es ihm verkaufen, ohne dass er dafür zum Hausarzt muss. Die Schweiz hat damals im Rahmen der Heilmittelgesetz-Revision die Liste B+ eingeführt: bestimmte rezeptpflichtige Wirkstoffe, die Apothekerinnen und Apotheker nach einem standardisierten Check und mit Dokumentation direkt abgeben können. Sildenafil 25 mg ist auf dieser Liste, bis zu vier Tabletten pro Abgabe; die höheren Dosierungen sind weiterhin verschreibungspflichtig. Ich frage ihn nach Alter, nach Begleitmedikation, nach Nitraten, nach Herzproblemen, nach Schwindel, nach Sehstörungen. Ich messe seinen Blutdruck. Wenn alles passt, gebe ich ab.
Das ist eine vernünftige Lösung. Die Männer sind dankbar, weil sie nicht zum Hausarzt müssen. Die Hausärzte sind erleichtert, weil sie die Konsultation nicht führen müssen. Niemand spricht darüber, weil es funktioniert.
Was niemand darüber sagt, ist, dass das, was Herr R. mir hier kauft, oft nicht das ist, was er hat.
Erektile Dysfunktion als Frühwarnsignal
Eine erektile Dysfunktion beim Mann ab fünfzig ist in den meisten Fällen kein urologisches Problem im engeren Sinn. Sie ist ein vaskuläres Problem. Die Penisarterien haben einen Innendurchmesser von ein bis zwei Millimetern; die Koronararterien sind drei bis vier. Wer im kleineren Gefäss Endothelfunktionsstörungen entwickelt, hat sie im grösseren oft schon, nur noch nicht symptomatisch. Eine 2021 im BJU International publizierte Übersicht über mehrere Metaanalysen kommt auf ein relatives Risiko von 1.5 für koronare Ereignisse und 1.55 für Myokardinfarkt bei Männern mit ED gegenüber Männern ohne ED. Verschiedene kardiologische Übersichten kommen zum Schluss, dass eine erektile Dysfunktion einer manifesten koronaren Herzkrankheit im Mittel drei bis fünf Jahre vorausgeht. Sie ist nicht eine Marotte des Alters. Sie ist ein Frühwarnsignal.
Beim letzten Mal, vor zwei Monaten, war Herrn R.s Blutdruck im Check 152 zu 96. Ich hatte ihn auf seinen Hausarzt verwiesen. Heute kommt er zurück, will dasselbe noch einmal, und ich weiss nicht, ob er beim Hausarzt war.
Ich frage. Er sagt, er habe einen Termin gehabt, aber dann sei es ihm wieder besser gegangen. Er habe nicht mehr angerufen. Es ist alles im Griff, sagt er. Ich messe seinen Blutdruck wieder. 148 zu 93. Der Puls ist regelmässig, der Atem ruhig, aber der Wert ist der Wert.
Die Rolle der Apotheke
Was tue ich?
Ich darf ihm das Sildenafil verkaufen. Mein OTC-Check ist auf die Frage ausgerichtet, ob die Sildenafil-Einnahme für ihn sicher ist – nicht auf die Frage, ob seine Erektionsstörung das einzige Problem ist, das er hat. Für diese zweite Frage ist niemand zuständig ausser dem Hausarzt, den er nicht anruft.
Ich verkaufe ihm das Sildenafil. Aber ich schreibe ihm die Telefonnummer seiner Hausarztpraxis von Hand auf den Kassenzettel. Ich kenne sie auswendig. Wir teilen denselben Hausarzt seit Jahren. Ich sage ihm, dass ich nächste Woche dort anrufe und nach ihm fragen werde. Nicht aus Druck. Aus Interesse.
Er nickt. Er nimmt das Sildenafil. Er nimmt die Zeitung. Er geht.
Vielleicht macht er den Termin doch, weil er weiss, dass ich anrufe. Vielleicht auch nicht. Was sicher ist: Was er sich gerade gekauft hat, ist nicht, was ihn krank macht. Es ist nur das, was die Krankheit für ihn erträglich macht, gerade noch.
Das ist die Spannung dieser OTC-Position. Sie ist eine gute Position. Sie hat den Zugang erleichtert, Stigma reduziert, Sicherheit erhöht. Aber sie hat auch eine neue Schaltstelle in die Apotheke gelegt – eine, an der ein bestimmter Typ von Frühwarnsignal mit grosser Regelmässigkeit über den HV geht und mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht das wird, was es sein könnte.
Vielleicht ist das die kleinste Definition meiner Arbeit: Den Frühwarnsignal-Charakter eines Symptoms aufrechtzuerhalten, auch dann, wenn das Medikament dagegen direkt zugänglich ist.
Den Hausarzt rufe ich am Montag an.