Café au Lait? Der Grund, hereinzukommen, wenn man gesund ist

Eine Apotheke betritt man meist nur, wenn man krank ist. Das begrenzt das Wachstum. Eine Gesundheitsbar mit funktionellen Getränken könnte dies ändern, indem sie einen neuen Anreiz für den Besuch schafft und so die Kundenfrequenz und den Umsatz erhöht.

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Rosa Berg · August 19, 2026 · 6 min read
Café au Lait? Der Grund, hereinzukommen, wenn man gesund ist

Eckpunkte

  • Eine Gesundheitsbar kann die Kundenfrequenz erhöhen, indem sie gesunden Menschen einen Grund für den Apothekenbesuch gibt.
  • Das Sortiment sollte evidenzbasiert sein und die pharmazeutische Kompetenz unterstreichen.
  • Rechtliche Rahmenbedingungen des Lebensmittelrechts (HACCP, Deklaration) müssen zwingend eingehalten werden.
  • Der Schlüssel zum Erfolg ist Glaubwürdigkeit durch ehrliche Kommunikation über die Wirkung der angebotenen Produkte.

Rechnen wir kurz nach, was das Problem eigentlich ist.

Die durchschnittliche Kundin betritt eine Apotheke wenige Male im Jahr, meist mit einem konkreten Anlass, und verlässt sie nach fünf Minuten wieder. Alles, was am Sortiment optimiert wird, arbeitet innerhalb dieses engen Fensters. Wer den Umsatz nennenswert bewegen will, muss deshalb entweder mehr pro Besuch verkaufen, was seine bekannten Grenzen hat, oder die Zahl der Besuche erhöhen.

Und dafür braucht es einen Grund, hereinzukommen, wenn man gesund ist.

Ein Kaffee ist so ein Grund. Ein guter Kaffee ist ein besserer. Und ein Kaffee, den man nirgends sonst bekommt, weil ihn jemand mit pharmazeutischer Ausbildung zusammengestellt hat, ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Warum die Zahlen dafür sprechen

Der wirtschaftliche Reiz liegt in derselben Freiheit, die auch andere Nebensortimente interessant macht: keine Spezialitätenliste, keine Grundversicherung, kein Vertriebsanteil, kein Tarifvertrag. Der Preis wird kalkuliert, nicht verordnet, und bezahlt wird sofort.

Dazu kommt die Frequenzlogik. Ein Getränk ist ein Wiederholungskauf mit sehr kurzem Intervall. Wer zweimal pro Woche für einen Kaffee kommt, sieht das Regal hundertmal im Jahr statt viermal. Das ist der eigentliche Ertrag der Bar: nicht die Marge auf dem Becher, sondern die Frequenz, die sie erzeugt.

Und schliesslich verwandelt sie Wartezeit in Aufenthaltszeit. Wer auf eine Rezeptur, eine Bestellung oder den Impftermin wartet, wartet lieber sitzend mit einem Getränk als stehend an der Kasse. Aufenthaltsdauer korreliert in jedem Detailhandel mit Bonhöhe.

Das Sortiment, sortiert nach Evidenz

Hier trennt sich die Apothekenbar vom Coffeeshop, und hier liegt der ganze Wert des Konzepts. Die Kundschaft kommt nicht wegen des Kaffees. Sie kommt, weil sie annimmt, dass hier jemand weiss, was drin ist.

Stufe eins, unbestritten. Hydration, Protein, Ballaststoffe, Koffein. Ein Proteingetränk für ältere Kundschaft mit beginnendem Muskelabbau ist keine Wellnessidee, sondern gute Ernährungsmedizin. Ein Ballaststoffdrink bei träger Verdauung ebenfalls. Elektrolytlösungen im Sommer, bei Sport, nach Durchfall. Das ist der Kern, und er ist vollständig verteidigbar.

Stufe zwei, plausibel und traditionell belegt. Arzneitees sind das naheliegendste Angebot überhaupt, weil sie ohnehin im Sortiment stehen und weil das Aufbrühen einer individuellen Mischung genau jene Kompetenz sichtbar macht, die sonst in der Schublade bleibt. Ingwer, Pfefferminze, Kamille, Fenchel, Melisse, Salbei: bekannt, gut verträglich, mit einer Anwendungstradition, die man nicht überhöhen muss, um sie zu verkaufen.

Stufe drei, populär und dünn. Adaptogen-Latte und Kollagen-Kaffee ziehen Publikum an, und die Evidenz dahinter ist deutlich schwächer, als das Marketing suggeriert. Das ist kein Grund, sie nicht anzubieten. Es ist ein Grund, sie anders zu verkaufen: als Ritual und Geschmack, nicht als Wirkung.

Der Satz, der beides zusammenhält, lautet ungefähr so: «Das schmeckt gut und tut Ihnen wahrscheinlich nichts Schlechtes. Was wirklich hilft, wenn Sie schlecht schlafen, besprechen wir kurz drüben.» Wer so verkauft, verliert keinen Umsatz und gewinnt Glaubwürdigkeit.

Was rechtlich zwingend zu klären ist

Sobald Getränke zubereitet und abgegeben werden, wird die Apotheke zusätzlich zum Lebensmittelbetrieb. Daraus folgt eine Reihe von Pflichten, die vor der ersten Tasse geklärt sein müssen.

Der Betrieb ist der kantonalen Vollzugsbehörde zu melden. Es gilt die Selbstkontrolle nach Lebensmittelrecht, was in der Praxis ein Hygienekonzept nach HACCP-Grundsätzen bedeutet, dazu Personalschulung, geeignete Räumlichkeiten mit Handwaschmöglichkeit, Temperaturführung und Dokumentation. Ob zusätzlich eine gastgewerbliche Bewilligung nötig ist, hängt vom Kanton und davon ab, ob vor Ort konsumiert oder nur mitgenommen wird; das gehört vorgängig abgeklärt.

Kommunikativ gilt die schärfste Einschränkung. Gesundheitsbezogene Angaben sind nur zulässig, wenn sie in Anhang 14 der Lebensmittelinformationsverordnung stehen oder vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen bewilligt wurden. «Immun-Booster» ist damit nicht zulässig. «Vitamin C trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei» ist es, sofern die Portion die erforderliche Menge tatsächlich liefert. Sobald ein Getränk Heilung, Linderung oder Vorbeugung einer Krankheit verspricht, fällt es unter das Heilmittelrecht, und dann wird es unangenehm.

Für Kollagen existiert im geltenden Recht keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe zu Haut oder Gelenken. Man darf es verkaufen. Man darf nicht damit werben.

Bei den Adaptogenen ist die Lage am unübersichtlichsten, weil einzelne Pflanzen als neuartige Lebensmittel gelten oder je nach Zubereitung und Dosierung in den Arzneimittelbereich fallen. Hier ist die Abklärung pro Pflanze und pro Produkt zwingend, nicht pauschal.

Die Frage, die über alles entscheidet

Der Berufsstand lebt von einem einzigen Vermögenswert, und der heisst Glaubwürdigkeit. Eine Gesundheitsbar kann ihn vergrössern oder beschädigen, und der Unterschied liegt nicht im Sortiment, sondern im Ton.

Eine Apotheke, die ein Getränk mit unbelegten Versprechen bewirbt, verkauft für zwölf Franken das, was sie in der Beratung für nichts verteidigt. Wer heute erklärt, weshalb ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel nicht hält, was es verspricht, und morgen genau dieses Versprechen an der eigenen Theke macht, verliert beides.

Umgekehrt ist die ehrliche Variante ein echtes Verkaufsargument. Eine Karte, auf der neben jedem Getränk in einem Satz steht, was belegt ist und was nicht, gibt es sonst nirgends. Das ist genau die Sorte Ehrlichkeit, über die Menschen reden.

Und was sonst noch geht

Die Bar ist die auffälligste Idee, aber nicht die einzige mit kurzer Amortisation.

Vermietung ist erstaunlich unterentwickelt: Milchpumpen, Inhalationsgeräte, Blutdruckmessgeräte, Babywaagen, Krücken und Rollatoren. Wiederkehrende Erträge, geringe Kapitalbindung, und jede Rückgabe ist ein weiterer Kundenkontakt.

Nachfüllstationen für Kosmetik und Pflegeprodukte treffen ein Bedürfnis, das im Detailhandel wächst, und passen zu einer Kundschaft, die ohnehin regelmässig kommt.

Kurse und Workshops mit begrenzter Teilnehmerzahl funktionieren, wenn sie ein konkretes Können vermitteln: Inhalationstechnik, Blutzuckermessung, Wundversorgung, Reiseapotheke, Erste Hilfe bei Kindern. Das Getränk aus der Bar ist im Preis inbegriffen, was die Kalkulation elegant löst.

Abonnements für Dauermedikation mit Wochendosierer, Erinnerung und fixem Abholtag binden genau jene Kundschaft, die sonst zum Versandhandel abwandert.

Und schliesslich das Naheliegendste: ein oder zwei Sitzplätze mit Steckdose und WLAN. Die Apotheke wird damit zu dem, was Stadtplaner einen dritten Ort nennen, und dritte Orte werden besucht, ohne dass es einen Anlass braucht.

Der Praxistest

Bevor jemand einen Siebträger bestellt, drei nüchterne Fragen.

Wer bedient die Bar in der Grippewelle, wenn drei Personen an der Kasse fehlen? Wenn die Antwort «irgendwie schon» lautet, ist das Konzept noch nicht fertig. Realistisch ist eine Bar mit reduzierter Karte, die auch eine gelernte Verkaufsperson allein bewältigt, oder eine Lösung mit Vollautomat und Selbstbedienung.

Wie viel Fläche kostet es, und was stand dort vorher? Zwei Quadratmeter, auf denen bisher ein schwach drehendes Regal stand, sind ein guter Tausch. Zwei Quadratmeter Beratungsraum sind es nicht.

Und rechnet es sich mit realistischen Mengen? Ein Getränk pro Stunde trägt die Reinigung nicht. Fünfzehn pro Tag verändern die Rechnung, und in einer Lage mit Laufkundschaft ist das keine kühne Annahme.

Was bleibt

Der eigentliche Gewinn dieses Konzepts steht nicht in der Kasse. Er besteht darin, dass Menschen eine Apotheke betreten, ohne krank zu sein, und dabei jemanden treffen, der etwas von Gesundheit versteht.

Genau das ist die Position, die der Berufsstand seit Jahren für sich reklamiert: erste Anlaufstelle, niederschwellig, präventiv. Eine Gesundheitsbar ist die einfachste Art, diesen Anspruch nicht zu behaupten, sondern erlebbar zu machen.

Und ganz nebenbei riecht es besser.

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Rosa Berg

Autorin/Autor bei Dispensio.

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