Der Kunde, den niemand anspricht

Rund 250 000 bis 300 000 Menschen in der Schweiz sind alkoholabhängig, und nur etwa jeder zehnte erhält eine medikamentöse Behandlung. Fast alle von ihnen stehen mehrmals im Jahr an einem Apothekentresen. Der Artikel beleuchtet, was in der Apotheke möglich ist, welche pharmakologischen Gefahren lauern und wie ein Gespräch über Alkoholkonsum beginnen kann.

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Rosa Berg · August 19, 2026 · 8 min read
Der Kunde, den niemand anspricht

Eckpunkte

  • Alkoholabhängigkeit ist häufig, wird aber in Apotheken trotz regelmässiger Kundenkontakte selten angesprochen.
  • Pharmazeutisches Personal muss kritische Interaktionen von Alkohol mit Paracetamol, NSAR oder Sedativa kennen und aktiv ansprechen.
  • Ein abrupter Alkoholentzug bei körperlicher Abhängigkeit ist gefährlich und erfordert zwingend ärztliche Begleitung.
  • Ein empathisches, nicht konfrontatives Gespräch und der Hinweis auf Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige sind zentrale Aufgaben der Apotheke.

Die Zahlen sind bekannt und werden trotzdem selten zusammengedacht. Rund vier Prozent der Schweizer Bevölkerung ab fünfzehn Jahren konsumieren chronisch risikoreich, mit steigendem Anteil im höheren Alter. Geschätzte 250 000 bis 300 000 Personen gelten als alkoholabhängig. Jährlich sterben etwa 1600 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums, und die sozialen Kosten werden auf rund 2.8 Milliarden Franken beziffert.[1][2] Gleichzeitig erhält nur etwa einer von zehn Betroffenen überhaupt eine Pharmakotherapie, obwohl deren Wirksamkeit belegt ist.[3]

Diese Menschen kommen nicht mit dem Anliegen «ich trinke zu viel» in die Apotheke. Sie kommen wegen Schlafstörungen, Sodbrennen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Durchfall, Nervosität oder einer Wunde, die nicht heilt. Sie kaufen Ibuprofen, Protonenpumpenhemmer, Baldrian, Elektrolytpulver. Die Offizin ist damit faktisch die Institution mit den meisten Kontakten zu dieser Gruppe und zugleich diejenige, in der am wenigsten darüber gesprochen wird.

Erkennen, ohne zu etikettieren

Die Signale sind selten dramatisch. Auffällig sind Muster: der wiederholte Kauf von Magensäureblockern ohne ärztliche Abklärung, Schlafmittelbedarf, der über Jahre wächst, gehäufte Bagatellverletzungen, unerklärter Gewichtsverlust, Tremor am Morgen, wechselnde Apotheken für dieselbe Substanzklasse, Nachfragen nach dem Alkoholgehalt von Präparaten. Dazu kommen die klassischen Laborhinweise, die manchmal auf einem mitgebrachten Befund stehen: erhöhte Gamma-GT, erhöhtes MCV.

Als Kurzinstrument hat sich der AUDIT-C etabliert, drei Fragen zu Häufigkeit, Menge und Rauschtrinken. Er ist validiert, in zwei Minuten erhoben und für ein Verkaufsgespräch trotzdem meist zu formell. Der entscheidende Schritt ist deshalb kein Fragebogen, sondern eine Erlaubnis: «Darf ich Sie zu etwas fragen, das mit Ihrem Magen zu tun haben könnte?»

Dass sich der Aufwand lohnt, ist gut belegt. Kurzinterventionen im niederschwelligen Setting reduzieren den Konsum messbar; die Cochrane-Übersicht von Kaner und Kollegen fand eine mittlere Reduktion in der Grössenordnung von rund zwanzig Gramm Alkohol pro Woche gegenüber Kontrollgruppen.[4] Das klingt bescheiden und ist es auf individueller Ebene auch. Auf Bevölkerungsebene, hochgerechnet auf die Kontaktzahlen einer Apotheke, ist es das nicht.

Die Interaktionen, die tatsächlich zählen

Hier liegt der genuin pharmazeutische Beitrag, und er ist grösser, als die Standardsätze im Beipackzettel vermuten lassen.[5][6]

Paracetamol. Chronischer Alkoholkonsum induziert CYP2E1, wodurch mehr des lebertoxischen Metaboliten NAPQI entsteht, während gleichzeitig die Glutathionreserven durch Mangelernährung erschöpft sind. Die gefährliche Konstellation ist nicht das Glas Wein zur Tablette, sondern chronisch hoher Konsum plus Nüchternheit plus Dosierung am oberen Rand. In dieser Situation ist die maximale Tagesdosis zu reduzieren und die Selbstmedikation zeitlich zu begrenzen.

Nichtsteroidale Antirheumatika. Alkohol und NSAR erhöhen beide das Risiko gastrointestinaler Blutungen, kombiniert überproportional. Bei bereits bestehender Lebererkrankung kommt die renale Komponente hinzu. Das ist die häufigste und zugleich am leichtesten vermeidbare Kombination im Freiverkauf.

Sedierende Substanzen. Benzodiazepine, Z-Substanzen, Opioide, sedierende Antihistaminika und Antitussiva addieren sich mit Alkohol zu einer Dämpfung von Atmung und Vigilanz. Diese Kombination steht hinter einem erheblichen Teil der Todesfälle in dieser Gruppe. Bei bekanntem Risikokonsum gehört jede dieser Abgaben hinterfragt, auch die vermeintlich harmlose.

Antidiabetika. Alkohol hemmt die hepatische Glukoneogenese. Unter Insulin oder Sulfonylharnstoffen kann daraus eine schwere, oft nächtliche und verzögert auftretende Hypoglykämie werden, die zudem leicht als Rausch fehlgedeutet wird. Bei Metformin steigt unter akuter Intoxikation das Risiko einer Laktatazidose.

Antikoagulation. Bei Vitamin-K-Antagonisten wirkt akuter Alkoholkonsum hemmend auf den Metabolismus und treibt den INR nach oben, chronischer Konsum induziert und senkt ihn. Das Resultat sind schwankende Werte, die niemand erklären kann, solange niemand fragt. Bei fortgeschrittener Lebererkrankung verschiebt sich die Gerinnung ohnehin.

Disulfiram-artige Reaktionen. Metronidazol ist der bekannteste Fall; die Warnung steht in den Fachinformationen, auch wenn die Evidenzlage in der Fachliteratur diskutiert wird. Weitere Kandidaten sind Tinidazol, Griseofulvin sowie einzelne Cephalosporine. Praktisch gilt: Bei diesen Substanzen wird der Alkoholverzicht aktiv angesprochen und nicht auf die Packungsbeilage verschoben.

Und der Punkt, den nur eine Apotheke sieht: Alkohol steckt in Arzneimitteln. Tinkturen, pflanzliche Tropfen, manche Hustensäfte und orale Lösungen enthalten Ethanol in relevanter Menge. Für eine Person in Abstinenz kann das ein Rückfallauslöser sein, unter Disulfiram sogar eine gefährliche Reaktion. Wer ein alkoholfreies Äquivalent kennt und anbietet, leistet in dreissig Sekunden mehr als jedes Merkblatt.

Der Entzug ist der gefährliche Teil

Wer aufhören will, bekommt in der Apotheke gelegentlich den gut gemeinten Rat, es doch einfach zu versuchen. Dieser Rat kann tödlich sein.

Bei körperlicher Abhängigkeit beginnt die Entzugssymptomatik typischerweise sechs bis vierundzwanzig Stunden nach dem letzten Konsum mit Tremor, Schwitzen, Tachykardie, Unruhe und Übelkeit. Entzugskrampfanfälle treten überwiegend in den ersten zwei Tagen auf, das Delirium tremens meist nach achtundvierzig bis zweiundsiebzig Stunden, und es ist unbehandelt mit erheblicher Sterblichkeit verbunden.[7]

Warnzeichen für ein relevantes Entzugsrisiko sind Morgenkonsum, ein Konsum zur Vermeidung von Zittern, frühere Entzugskrampfanfälle oder ein früheres Delir sowie ausgeprägte vegetative Zeichen. Liegt eines davon vor, lautet die einzig richtige Auskunft: nicht abrupt aufhören, sondern ärztlich begleiten lassen. Ein qualifizierter Entzug ist ambulant oder stationär möglich, aber er gehört in ärztliche Hand.

Dazu gehört ein zweiter Punkt, der regelmässig vergessen wird. Chronischer Alkoholkonsum führt zu Thiaminmangel, und ein Thiaminmangel kann in eine Wernicke-Enzephalopathie münden. Kohlenhydrat- oder Glukosezufuhr ohne vorherige Thiamingabe kann diese auslösen.[8] Wer in der Apotheke jemandem in dieser Situation begegnet, sollte Thiamin auf dem Schirm haben, und zwar vor dem gut gemeinten Traubenzucker.

Die Gruppe, die am wenigsten auffällt

Der chronisch risikoreiche Konsum ist keine Domäne der Jungen. Sein Anteil steigt mit dem Alter und ist bei den über Fünfundsechzigjährigen am höchsten.[1] Das ist die Gruppe, die in der Offizin am häufigsten erscheint, die am meisten Medikamente bezieht und bei der am seltensten jemand nachfragt.

Pharmakologisch verschärft sich im Alter jeder der oben genannten Punkte. Der Anteil des Körperwassers sinkt, dieselbe Menge Alkohol erzeugt eine höhere Blutkonzentration. Die hepatische Metabolisierung verlangsamt sich. Die Polymedikation vervielfacht die Zahl möglicher Interaktionen, und Sedierung trifft auf ohnehin erhöhte Sturzgefahr. Gleichzeitig werden die Symptome systematisch fehlgedeutet: Vergesslichkeit gilt als beginnende Demenz, Gangunsicherheit als Alterserscheinung, Schlaflosigkeit als normal, Zittern als Nebenwirkung.

Der Satz «in dem Alter macht das ja nichts mehr» ist in dieser Konstellation nicht wohlwollend, sondern falsch. Er ist auch epidemiologisch überholt: Die Weltgesundheitsorganisation hält seit 2023 fest, dass es für Alkohol keine gesundheitlich unbedenkliche Menge gibt, insbesondere im Hinblick auf das Krebsrisiko.[10]

Was medikamentös möglich ist

In der Schweiz stehen zur Rückfallprophylaxe Acamprosat, Naltrexon und Nalmefen zur Verfügung; Disulfiram ist ebenfalls im Handel und wird in der Fachinformation als Zweitlinienoption nach Naltrexon oder Acamprosat geführt.[9]

Die Evidenz ist solide, aber unspektakulär. Die grosse Metaanalyse von Jonas und Kollegen im JAMA errechnete für Acamprosat eine Number needed to treat von zwölf, um eine Rückkehr zu jeglichem Konsum zu verhindern, und für Naltrexon in der 50-Milligramm-Dosis eine NNT von zwanzig für die Verhinderung schwerer Trinktage.[3] Das sind Grössenordnungen, wie man sie aus der kardiovaskulären Prävention kennt und dort selbstverständlich akzeptiert.

Für die Abgabe sind vier Dinge wichtig. Unter Naltrexon sind Opioide wirkungslos oder gefährlich; Betroffene sollten einen Hinweis auf sich tragen, weil eine Notfallanalgesie sonst zum Problem wird. Acamprosat wird gewichtsabhängig dosiert, bei über sechzig Kilogramm dreimal täglich zwei Tabletten, was eine Adhärenzhürde darstellt und Durchfall als häufigste Nebenwirkung mitbringt. Nalmefen wird bedarfsorientiert eingenommen, idealerweise ein bis zwei Stunden vor der erwarteten Trinksituation, und zielt ausdrücklich auf Konsumreduktion statt Abstinenz. Disulfiram setzt vollständige Abstinenz voraus, inklusive versteckter Alkoholquellen, und ist nur sinnvoll, wenn die betroffene Person das ausdrücklich will.

Der letzte Punkt verdient eine eigene Bemerkung, weil er das Beratungsgespräch verändert. Das Behandlungsziel muss nicht Abstinenz sein. Konsumreduktion ist ein anerkanntes, evidenzbasiertes Ziel, und für viele Menschen ist es das einzige, über das sie überhaupt zu sprechen bereit sind. Wer im Gespräch nur die vollständige Abstinenz als Erfolg gelten lässt, verliert die Person, bevor irgendetwas begonnen hat.

Wie das Gespräch tatsächlich funktioniert

Die Forschung zur motivierenden Gesprächsführung ist eindeutig in einem Punkt: Konfrontation erzeugt Widerstand, nicht Veränderung. Was funktioniert, ist unspektakulär.

Um Erlaubnis fragen, bevor man das Thema anspricht. Beim eigenen Fach bleiben, also beim Medikament und seiner Verträglichkeit, statt beim Charakter. Eine offene Frage stellen, etwa wie viel jemand an einem üblichen Tag trinke, ohne Wertung in der Stimme. Die Antwort stehen lassen, auch wenn sie erkennbar untertrieben ist. Und am Ende eine konkrete, niederschwellige Anschlussmöglichkeit nennen, statt eine Diagnose zu stellen.

In der Schweiz gehören dazu die kantonalen Suchtberatungsstellen, die anonyme Online-Beratung von safezone.ch, die Angebote von Sucht Schweiz und des Blauen Kreuzes sowie für die eigene Fachrecherche die Plattform praxis-suchtmedizin.ch, die für jede Substanzgruppe Vorgehensschemata bereithält.

Ein Satz, der sich bewährt hat: «Falls Sie irgendwann darüber reden möchten, es gibt Möglichkeiten, und ich kann Ihnen sagen, wo.» Er verlangt nichts, er unterstellt nichts, und er bleibt im Kopf.

Die Angehörigen

Oft ist es nicht die betroffene Person, die fragt, sondern die Ehefrau, der Sohn, die Nachbarin. Sie kommen mit einer verdeckten Frage: ob man dem Vater etwas mitgeben könne, ob es etwas gebe, das man ins Essen mische, ob man ihn zwingen könne.

Diese Gespräche verdienen Zeit, und sie brauchen drei klare Aussagen. Erstens: Eine heimliche Medikation ist weder rechtlich noch pharmakologisch vertretbar, und unter Disulfiram wäre sie gefährlich. Zweitens: Ein abrupter Entzug ohne ärztliche Begleitung ist bei körperlicher Abhängigkeit riskant, weshalb der gut gemeinte Vorschlag, alle Flaschen zu entsorgen, ins Leere greifen kann. Drittens, und das ist der eigentliche Beitrag: Angehörige haben ein eigenes Anrecht auf Beratung, unabhängig davon, ob die betroffene Person je etwas unternimmt. Die kantonalen Suchtberatungsstellen und die Angehörigenangebote von Sucht Schweiz und des Blauen Kreuzes stehen ihnen offen. Wer diesen Hinweis gibt, entlastet eine Person, die oft seit Jahren allein damit ist.

Was bleibt

Alkoholabhängigkeit ist die häufigste Suchterkrankung des Landes, sie ist behandelbar, und sie wird nach wie vor überwiegend nicht behandelt. Die Apotheke wird diese Lücke nicht schliessen. Sie kann aber zwei Dinge tun, die sonst niemand tut.

Sie kann verhindern, dass jemand an einer Kombination stirbt, die er sich selbst zusammengestellt hat, weil er nicht wusste, dass Schlafmittel und Feierabendbier zusammen die Atmung dämpfen. Und sie kann diejenige Stelle sein, an der das Thema zum ersten Mal ohne Vorwurf ausgesprochen wird.

Beides kostet keine Verschreibungskompetenz. Es kostet eine Frage.

Referenzen
  1. [1] Bundesamt für Gesundheit BAG. Zahlen und Fakten Sucht. Bern, 2025.
  2. [2] Infodrog, Schweizerische Koordinations- und Fachstelle Sucht. Alkohol: Grundlagen und Kennzahlen. Bern, zuletzt abgerufen 2026.
  3. [3] Jonas DE, Amick HR, Feltner C et al. Pharmacotherapy for adults with alcohol use disorders in outpatient settings: a systematic review and meta-analysis. JAMA 2014;311(18):1889–1900.
  4. [4] Kaner EFS, Beyer FR, Muirhead C et al. Effectiveness of brief alcohol interventions in primary care populations. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018;2:CD004148.
  5. [5] Weathermon R, Crabb DW. Alcohol and medication interactions. Alcohol Research & Health 1999;23(1):40–54.
  6. [6] Chan LN, Anderson GD. Pharmacokinetic and pharmacodynamic drug interactions with ethanol (alcohol). Clinical Pharmacokinetics 2014;53(12):1115–1136.
  7. [7] The ASAM Clinical Practice Guideline on Alcohol Withdrawal Management. Journal of Addiction Medicine 2020;14(3S Suppl 1):1–72.
  8. [8] Day E, Bentham PW, Callaghan R et al. Thiamine for prevention and treatment of Wernicke-Korsakoff Syndrome in people who abuse alcohol. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013;7:CD004033.
  9. [9] Praxis Suchtmedizin Schweiz. Alkohol: Medikamentöse Optionen. www.praxis-suchtmedizin.ch, zuletzt abgerufen 2026.
  10. [10] World Health Organization, Regional Office for Europe. No level of alcohol consumption is safe for our health. Kopenhagen, 4. Januar 2023.
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Rosa Berg

Autorin/Autor bei Dispensio.

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