Eisenmangel bei Frauen. Mehr als nur Müdigkeit

Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und nachlassende Leistungsfähigkeit gehören zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Frauen in die Apotheke kommen. Dahinter kann ein Eisenmangel stehen, der oft lange unentdeckt bleibt und bereits Symptome verursacht, bevor eine Anämie entsteht. Neue Erkenntnisse zu Ferritin, Hepcidin und oralen Einnahmeschemata verändern die Therapie und machen die Offizin zu einer wichtigen Anlaufstelle für eine evidenzbasierte Beratung.

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Verena Wegener · July 29, 2026 · 15 min read
Eisenmangel bei Frauen. Mehr als nur Müdigkeit

Ein Mangel mit vielen Gesichtern

Eisen wird häufig fast ausschliesslich mit der Bildung roter Blutkörperchen in Verbindung gebracht. Tatsächlich reicht seine Bedeutung wesentlich weiter. Das Spurenelement ist Bestandteil des Hämoglobins und damit unverzichtbar für den Sauerstofftransport. Es wird aber auch für die mitochondriale Energiegewinnung, die DNA Synthese, verschiedene Enzyme, die Immunfunktion und die Bildung von Neurotransmittern benötigt. Ein Mangel kann daher zahlreiche Körperfunktionen beeinträchtigen, bevor sich Veränderungen des Blutbildes zeigen.¹ ²

Der menschliche Organismus kann Eisen nicht aktiv ausscheiden. Kleine Mengen gehen über Haut, Schleimhäute und den Gastrointestinaltrakt verloren. Bei Frauen kommen Blutverluste durch die Menstruation hinzu. Der Körper reguliert seinen Eisenbestand deshalb hauptsächlich über die Aufnahme im Dünndarm und die Wiederverwertung des Eisens aus gealterten Erythrozyten. Wird über längere Zeit mehr Eisen verloren als aufgenommen, leeren sich zunächst die Speicher. Erst später steht nicht mehr genügend Eisen für die Hämoglobinbildung zur Verfügung und es entwickelt sich eine Eisenmangelanämie.¹ ³

Dieses schrittweise Fortschreiten erklärt, weshalb ein normales Hämoglobin einen Eisenmangel nicht ausschliesst. Im frühen Stadium kann das Blutbild noch vollständig unauffällig sein, obwohl die Ferritinkonzentration bereits abgesunken ist und die Patientin Beschwerden entwickelt. In der Praxis muss deshalb zwischen Eisenmangel ohne Anämie und manifester Eisenmangelanämie unterschieden werden.³

Warum Frauen besonders häufig betroffen sind

Die Menstruation ist eine der häufigsten Ursachen für einen chronischen Eisenverlust. Wie viel Blut eine Frau während ihrer Periode verliert, lässt sich im Alltag kaum zuverlässig messen. Medizinisch wird eine starke Menstruationsblutung heute deshalb nicht mehr allein über eine bestimmte Blutmenge definiert. Entscheidend ist, ob die Blutung die körperliche, soziale oder berufliche Lebensqualität beeinträchtigt. Hinweise sind Blutungen über viele Tage, das sehr häufige Wechseln von Hygieneprodukten, nächtliches Durchbluten, grössere Blutkoagel oder die Notwendigkeit, Tampon und Binde gleichzeitig zu verwenden.⁴

Hinter starken Blutungen können Myome, Adenomyose, Gerinnungsstörungen oder andere gynäkologische Ursachen stehen. Endometriose ist vor allem mit zyklusabhängigen Schmerzen verbunden und kann zusammen mit starken oder unregelmässigen Blutungen auftreten. Wenn eine Frau regelmässig Analgetika wegen ausgeprägter Regelschmerzen benötigt, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr schildert oder wegen ihrer Beschwerden wiederholt Arbeit und Alltag einschränken muss, sollte nicht nur an Eisenmangel, sondern auch an eine gynäkologische Grunderkrankung gedacht werden.⁵

Weitere Risikofaktoren sind eine vegetarische oder vegane Ernährung ohne sorgfältige Lebensmittelauswahl, häufige Blutspenden, intensiver Ausdauersport, Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, bariatrische Eingriffe und eine langfristige Einnahme von Protonenpumpenhemmern. Auch regelmässige gastrointestinale Blutverluste, beispielsweise unter nicht steroidalen Antirheumatika, können zu einem Eisenmangel beitragen.¹ ⁶

Für die Apotheke ist entscheidend, nicht vorschnell nur einen einzelnen Risikofaktor als Erklärung zu akzeptieren. Eine starke Menstruation kann einen Eisenmangel plausibel machen, schliesst aber eine zusätzliche Resorptionsstörung oder eine gastrointestinale Blutungsquelle nicht automatisch aus.

Der Zyklus verändert die Symptome stärker als den Eisenstatus

Die verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus werden zunehmend in die Gesundheitsberatung einbezogen. Für den Eisenhaushalt ist vor allem die Blutung selbst relevant. Während der Menstruation geht Eisen verloren. In der anschliessenden Follikelphase normalisieren sich Beschwerden wie Erschöpfung oder Kopfschmerzen bei vielen Frauen wieder. Bei bereits entleerten Eisenspeichern kann die Leistungsfähigkeit jedoch über den gesamten Zyklus eingeschränkt bleiben.

Beschwerden in der Lutealphase können sich mit Symptomen eines Eisenmangels überschneiden. Müdigkeit, reduzierte Belastbarkeit, Kopfschmerzen, Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten werden häufig dem prämenstruellen Syndrom zugeschrieben. Treten sie jedoch unabhängig von der Zyklusphase auf oder nehmen über mehrere Monate zu, sollte der Eisenstatus mitberücksichtigt werden.

Eine kleine Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte Ferritin, Hepcidin, Transferrin und Hämoglobin in verschiedenen Zyklusphasen bei Athletinnen. Sie fand keine klaren phasenabhängigen Unterschiede bei den wichtigsten Speicherparametern. Die Zyklusphase scheint für die Interpretation von Ferritin und Hämoglobin somit weniger bedeutsam zu sein als Faktoren wie Entzündungen, intensive Trainingsbelastung oder der langfristige Blutverlust. Die Studie war allerdings klein und erlaubt keine allgemeingültige Aussage für alle Frauen.⁷

In der Praxis bedeutet dies, dass eine Blutentnahme grundsätzlich nicht auf eine bestimmte Zyklusphase verschoben werden muss. Für Verlaufskontrollen ist es dennoch sinnvoll, vergleichbare Bedingungen zu schaffen und Laborwerte nicht unmittelbar nach einer akuten Infektion oder aussergewöhnlich intensiven sportlichen Belastung zu bestimmen.

Schwangerschaft und Wochenbett als sensible Phasen

Während der Schwangerschaft steigt der Eisenbedarf erheblich. Eisen wird für die Zunahme der mütterlichen Erythrozytenmasse, die Plazenta und die Entwicklung des Kindes benötigt. Gleichzeitig sinkt die Ferritinkonzentration im Verlauf der Schwangerschaft häufig ab. Eine bereits vor der Empfängnis bestehende Unterversorgung kann sich deshalb rasch verschärfen.

Der Expertenbrief der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe weist darauf hin, dass in der Schweiz bei bis zu 32 Prozent der Schwangeren ein Eisenmangel beobachtet wird. Die aktualisierte Schweizer Empfehlung definiert leere Eisenspeicher in der Schwangerschaft in der Regel über ein Ferritin unter 30 Mikrogramm pro Liter und sieht bei leichter Eisenmangelanämie primär eine orale Therapie vor. Die Entscheidung über Präparat, Dosierung und Dauer gehört in der Schwangerschaft jedoch in ärztliche Begleitung.⁸

Nach der Geburt können Blutverlust, erschöpfte Speicher und die körperlichen Anforderungen des Wochenbetts zusammenkommen. Müdigkeit wird dann leicht allein mit Schlafmangel und der neuen Lebenssituation erklärt. Eine ausgeprägte Erschöpfung, Belastungsdyspnoe, Herzklopfen oder Schwindel sollten jedoch nicht als normale Begleiterscheinungen des Wochenbetts bagatellisiert werden.

Perimenopause und Menopause

In der Perimenopause werden Zyklen häufig unregelmässiger. Einzelne Blutungen können ausfallen, andere ungewöhnlich lang oder stark sein. Dadurch kann das Risiko für einen Eisenmangel vorübergehend sogar steigen. Frauen zwischen etwa 40 und 55 Jahren, die neu unter Erschöpfung leiden, sollten deshalb nicht automatisch nur auf Wechseljahresbeschwerden reduziert werden.

Nach der Menopause fällt der regelmässige menstruelle Blutverlust weg. Ein neu auftretender Eisenmangel oder eine Eisenmangelanämie muss dann sorgfältig abgeklärt werden. Insbesondere gastrointestinale Blutungen, Zöliakie, chronische Entzündungen und maligne Erkrankungen sind auszuschliessen. Eine längerfristige Selbstmedikation ohne geklärte Ursache ist in dieser Lebensphase nicht angemessen.¹ ⁶

Symptome. Typisch, aber nicht spezifisch

Zu den häufig genannten Symptomen eines Eisenmangels gehören Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Schwindel, Frieren, Blässe und Kurzatmigkeit bei Belastung. Auch Haarausfall, brüchige Nägel, eingerissene Mundwinkel, Restless Legs Beschwerden und das ungewöhnliche Verlangen nach Eis oder anderen nicht essbaren Substanzen können auftreten.³

Keines dieser Symptome beweist für sich allein einen Eisenmangel. Schilddrüsenfunktionsstörungen, Vitamin B12 Mangel, Schlafstörungen, Depressionen, chronische Infektionen und zahlreiche weitere Erkrankungen können ein ähnliches Beschwerdebild verursachen. Auch Haarausfall hat viele mögliche Ursachen und darf nicht automatisch mit einem niedrigen Ferritinwert gleichgesetzt werden.

Die Stärke der Beschwerden korreliert zudem nicht immer direkt mit der Ferritinkonzentration. Manche Frauen mit sehr niedrigen Speichern berichten nur über geringe Symptome, während andere bereits bei moderater Reduktion deutlich beeinträchtigt sind. Laborwerte müssen deshalb immer gemeinsam mit Beschwerden, Risikofaktoren und möglichen Grunderkrankungen beurteilt werden.

Eisenmangel ohne Anämie. Was ist tatsächlich belegt?

Dass ein Eisenmangel Beschwerden verursachen kann, bevor das Hämoglobin sinkt, gilt inzwischen als plausibel und klinisch relevant. Die Evidenz ist jedoch differenzierter, als es manche Werbeaussagen vermuten lassen.

In einer Schweizer Doppelblindstudie erhielten 144 nicht anämische Frauen mit unerklärter Müdigkeit vier Wochen lang entweder täglich 80 Milligramm elementares Eisen oder Placebo. Die Müdigkeit nahm unter Eisen stärker ab. Der Effekt zeigte sich in der Subgruppenanalyse bei Frauen mit Ferritinwerten bis 50 Mikrogramm pro Liter. Diese Beobachtung bedeutet jedoch nicht, dass jede symptomatische Frau einen Ferritinwert von mindestens 50 anstreben sollte. Die Studie untersuchte eine ausgewählte Gruppe über einen kurzen Zeitraum und definierte keinen universellen Zielwert.⁹

Andere Studien kamen nicht durchgehend zu denselben Ergebnissen. Bei nicht anämischen Blutspenderinnen mit Eisenmangel verbesserten sich die Laborwerte unter Eisen, ohne dass ein signifikanter Effekt auf die Fatigue nachweisbar war.¹⁰

Die korrekte Schlussfolgerung lautet deshalb nicht, Müdigkeit grosszügig mit Eisen zu behandeln. Vielmehr kann eine Eisensubstitution bei ausgewählten symptomatischen Frauen mit laborchemisch bestätigtem Mangel sinnvoll sein. Eine Behandlung allein aufgrund unspezifischer Beschwerden oder eines beliebig festgelegten Wunschwertes ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.

Diagnostik. Ferritin ist wichtig, aber nicht unfehlbar

Ferritin ist der wichtigste Laborparameter zur Einschätzung der Eisenspeicher. Bei gesunden Erwachsenen definiert die Weltgesundheitsorganisation eine Ferritinkonzentration unter 15 Mikrogramm pro Liter als Eisenmangel. In klinischen Übersichtsarbeiten und vielen Behandlungsalgorithmen wird bei Personen ohne Entzündung häufig bereits ein Wert unter 30 Mikrogramm pro Liter als mit einem Eisenmangel vereinbar betrachtet.¹¹ ¹²

Diese unterschiedlichen Grenzwerte widersprechen sich nicht zwingend. Der WHO Wert besitzt eine hohe Spezifität für vollständig oder weitgehend erschöpfte Speicher. Ein Grenzwert von 30 erhöht dagegen die Sensitivität und wird deshalb in der klinischen Versorgung häufig verwendet. Zwischen 15 und 30 Mikrogramm pro Liter ist ein Eisenmangel sehr wahrscheinlich. Oberhalb davon hängt die Interpretation stärker von Symptomen, Entzündungsstatus und Begleiterkrankungen ab.

Ferritin ist ein Akutphaseprotein. Bei Infektionen, chronischen Entzündungen, Lebererkrankungen und malignen Erkrankungen kann es ansteigen, obwohl dem Gewebe nicht genügend Eisen zur Verfügung steht. Die WHO nennt bei Erwachsenen mit Entzündung einen deutlich höheren Schwellenwert von 70 Mikrogramm pro Liter. Dieser Wert darf jedoch nicht isoliert und nicht als universelle Therapiegrenze verwendet werden. Er dient dazu, das Risiko eines verdeckten Eisenmangels im entzündlichen Kontext besser zu erfassen.¹¹

Bei Verdacht sollten deshalb mindestens Blutbild und Ferritin bestimmt werden. In unklaren Situationen sind zusätzlich die Transferrinsättigung und das C reaktive Protein hilfreich. Eine Transferrinsättigung unter 20 Prozent stützt die Diagnose, insbesondere wenn Ferritin durch eine Entzündung verfälscht sein könnte. In Spezialfällen können das lösliche Transferrinrezeptorprotein oder das retikulozytäre Hämoglobin zusätzliche Informationen liefern.¹ ¹²

Auch das mittlere Erythrozytenvolumen und der mittlere Hämoglobingehalt der Erythrozyten können lange normal bleiben. Mikrozytose und Hypochromie sind eher Zeichen eines fortgeschrittenen Mangels und eignen sich nicht zum Ausschluss eines frühen Stadiums.

Ein einzelner Ferritinwert sollte zudem nicht zum vermeintlichen Optimierungsparameter werden. Es gibt keine allgemein anerkannte Empfehlung, nach der jede Frau einen Wert über 50, 70 oder 100 Mikrogramm pro Liter erreichen muss. Behandelt werden ein belegter Mangel, eine medizinisch relevante Symptomatik und die zugrunde liegende Ursache, nicht eine beliebig festgelegte Zahl.

Hepcidin verändert die orale Therapie

Hepcidin ist das zentrale Regulationshormon des Eisenstoffwechsels. Es wird in der Leber gebildet und steuert das Transportprotein Ferroportin. Steigt Hepcidin an, wird weniger Eisen aus dem Darm aufgenommen und weniger gespeichertes Eisen in den Kreislauf abgegeben. Entzündungen erhöhen die Hepcidinkonzentration und können dadurch einen funktionellen Eisenmangel verursachen.¹³

Auch eine orale Eisendosis lässt Hepcidin vorübergehend ansteigen. Studien der ETH Zürich zeigten, dass aufeinanderfolgende hohe Dosen und die Aufteilung auf mehrere Einnahmen die nachfolgende Eisenaufnahme verringern können. Bei Frauen mit entleerten Speichern wurde Eisen bei einer Gabe jeden zweiten Tag anteilig besser aufgenommen als bei täglicher Einnahme. Eine einmalige Einnahme war günstiger als die Aufteilung derselben Tagesdosis.¹⁴

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine alternierende Einnahme für jede Patientin grundsätzlich überlegen ist. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fand bei der Behandlung einer Anämie keine überzeugenden Unterschiede bei Hämoglobin, Ferritin oder Transferrinsättigung zwischen täglicher und alternierender Einnahme. Die Sicherheit der Evidenz war niedrig. Beide Schemata können wirksam sein, wobei die Einnahme jeden zweiten Tag für Patientinnen mit Unverträglichkeit eine gute Option darstellt.¹⁵

Besondere Vorsicht ist in der Schwangerschaft geboten. Dort ist der Eisenbedarf kontinuierlich hoch, und aktuelle Daten lassen noch keine pauschale Übertragung alternierender Schemata auf alle Schwangeren zu. Die Dosierung sollte sich nach den geburtshilflichen Empfehlungen und der individuellen Situation richten.⁸

Welches Präparat eignet sich für welche Frau?

Orale zweiwertige Eisensalze wie Eisensulfat, Eisenfumarat und Eisengluconat gelten weiterhin als Standardtherapie. Sie sind gut untersucht, wirksam und vergleichsweise kostengünstig. Aktuelle gastroenterologische Leitlinien empfehlen initial meist eine Standardtablette einmal täglich. Wird diese nicht vertragen, kommen eine Einnahme jeden zweiten Tag, eine niedrigere Dosis, eine andere orale Formulierung oder eine intravenöse Therapie infrage.⁶

In der Schweiz enthalten beispielsweise Tardyferon 80 Milligramm zweiwertiges Eisen als Eisensulfat und ferro sanol 100 Milligramm zweiwertiges Eisen als Eisen Glycin Sulfat Komplex. Maltofer enthält dreiwertiges Eisen als Eisenhydroxid Polymaltose Komplex und ist in unterschiedlichen Darreichungsformen verfügbar. Die Dosierungsangaben der jeweiligen Fachinformation sind zu beachten.¹⁶ ¹⁷ ¹⁸

Zweiwertige Eisensalze besitzen die umfangreichste Evidenz, verursachen jedoch häufig gastrointestinale Beschwerden. Eine Metaanalyse mit mehr als 6800 Erwachsenen zeigte unter Eisensulfat ein signifikant höheres Risiko für gastrointestinale Nebenwirkungen als unter Placebo oder intravenösem Eisen. Typisch sind Übelkeit, Druckgefühl, Bauchschmerzen, Obstipation und Diarrhö.¹⁹

Eisenhydroxid Polymaltose kann insbesondere bei empfindlichem Gastrointestinaltrakt eine Alternative sein. In Studien während der Schwangerschaft war die Wirksamkeit mit Eisensulfat vergleichbar und die Verträglichkeit teilweise besser. Die Evidenz ist jedoch weniger umfangreich und lässt sich nicht uneingeschränkt auf alle Patientengruppen übertragen.²⁰

Eisenbisglycinat wird häufig mit einer guten Verträglichkeit beworben. Eine Metaanalyse randomisierter Studien fand bei Schwangeren weniger gastrointestinale Beschwerden und einen guten Effekt auf das Hämoglobin. Für nicht schwangere Frauen ist die Datenlage deutlich schmaler. Eisenbisglycinat kann bei Unverträglichkeit eine Option sein, ist aber nicht generell als allen klassischen Eisensalzen überlegen anzusehen.²¹

Für liposomales oder sucrosomales Eisen liegen interessante Daten zur Verträglichkeit vor. Die Studien sind jedoch heterogen, teilweise klein und häufig produktbezogen. Diese Formen können im Einzelfall sinnvoll sein, besitzen aber nicht dieselbe breite Evidenzbasis wie klassische Eisensalze. Sie sollten deshalb nicht allein aufgrund einer vermeintlich modernen Technologie bevorzugt werden.

Präparate im Vergleich

SituationMögliche OptionEinordnung für die Beratung
Erste Therapie ohne bekannte UnverträglichkeitEisensulfat, Eisenfumarat oder EisengluconatBeste und breiteste Evidenz, häufig erste Wahl
Empfindlicher GastrointestinaltraktNiedrigere Frequenz oder Eisenhydroxid PolymaltoseVerträglichkeit kann besser sein, Fachinformation beachten
Wiederholte Beschwerden unter EisensalzenEisenbisglycinatVielversprechende Verträglichkeit, Evidenz ausserhalb der Schwangerschaft begrenzter
Wunsch nach liposomaler FormLiposomales oder sucrosomales EisenMögliche Alternative, aber keine generell belegte Überlegenheit
Schwere Anämie, Resorptionsstörung oder fehlendes AnsprechenIntravenöses EisenAusschliesslich nach ärztlicher Indikationsstellung

Einnahme. So viel Evidenz wie nötig, so praktikabel wie möglich

Zweiwertiges Eisen wird am besten aufgenommen, wenn es morgens mit Abstand zu einer Mahlzeit und zu Kaffee eingenommen wird. Eine Schweizer Studie an Frauen mit Eisenmangel zeigte, dass Kaffee die Aufnahme deutlich reduzierte. Eine moderate Menge Ascorbinsäure verbesserte sie, während eine sehr hohe Dosis keinen zusätzlichen Vorteil brachte.²²

In der Praxis ist die nüchterne Einnahme jedoch nicht für jede Patientin verträglich. Verursacht sie Übelkeit oder Magenschmerzen, ist die Einnahme mit einer kleinen Mahlzeit meist sinnvoller als ein Therapieabbruch. Bei Eisenhydroxid Polymaltose kann die Einnahme entsprechend der Fachinformation mit dem Essen erfolgen.¹⁸

Kaffee, Schwarztee, Grüntee, grössere Mengen Calcium und bestimmte Vollkornbestandteile können die Aufnahme reduzieren. Ein Abstand von ungefähr zwei Stunden ist in vielen Fällen praktikabel. Gleichzeitig sollte die Beratung nicht so kompliziert werden, dass die Patientin das Präparat gar nicht mehr regelmässig einnimmt.

Eisen kann die Resorption anderer Arzneimittel beeinflussen. Besonders relevant sind Levothyroxin, Tetrazykline, Fluorchinolone und Bisphosphonate. Die notwendigen Abstände unterscheiden sich je nach Präparat und sollten anhand der jeweiligen Fachinformation oder einer Interaktionsprüfung festgelegt werden. Auch Antazida und Protonenpumpenhemmer können die Eisenaufnahme beeinträchtigen.

Eine dunkle Verfärbung des Stuhls ist unter oralem Eisen üblich und für sich allein harmlos. Sie darf jedoch nicht dazu führen, dass Teerstuhl oder andere Hinweise auf eine gastrointestinale Blutung übersehen werden. Flüssige Eisenpräparate können die Zähne verfärben. Die Einnahme mit einem Trinkhalm und anschliessendes Spülen des Mundes können dieses Risiko reduzieren.

Wie lange sollte behandelt werden?

Bei einer Eisenmangelanämie sollte das Hämoglobin innerhalb der ersten Wochen erkennbar ansteigen. Bleibt eine Reaktion aus, müssen Einnahmefehler, Unverträglichkeit, fortgesetzte Blutverluste, eine Fehldiagnose oder eine Resorptionsstörung geprüft werden.⁶

Nach Normalisierung des Hämoglobins wird die Therapie häufig noch mehrere Wochen oder Monate fortgesetzt, um auch die Speicher wieder aufzufüllen. Die genaue Dauer hängt von Ausgangswerten, Ursache, Präparat und Verträglichkeit ab. Eine unbefristete Einnahme ohne Laborkontrolle ist nicht sinnvoll.

Für die Verlaufskontrolle ist nicht nur entscheidend, ob Ferritin gestiegen ist. Ebenso wichtig sind das klinische Ansprechen, das Hämoglobin bei bestehender Anämie und die Frage, ob der fortgesetzte Eisenverlust behandelt wurde. Bei starker Menstruation reicht es langfristig nicht, immer wieder Eisen zu substituieren, ohne die Blutungsursache anzugehen.

Ernährung. Wichtige Basis, aber selten ausreichende Therapie

Hämeisen aus Fleisch und Fisch wird besser aufgenommen als pflanzliches Eisen. Gute pflanzliche Quellen sind Hülsenfrüchte, Tofu, Nüsse, Samen, Vollkornprodukte und bestimmte Gemüsearten. Die gleichzeitige Aufnahme von Vitamin C kann die Resorption des pflanzlichen Eisens verbessern.

Eine vegetarische oder vegane Ernährung führt nicht zwangsläufig zu einem Eisenmangel. Das Risiko steigt jedoch, wenn eisenreiche Lebensmittel fehlen, die Energiezufuhr insgesamt niedrig ist oder zusätzliche Verluste durch Menstruation und Sport bestehen. Gerade junge Frauen mit restriktiven Ernährungsformen sollten auch auf andere mögliche Mängel wie Vitamin B12 achten.

Ein bereits ausgeprägter Eisenmangel lässt sich durch Ernährung allein meist nicht rasch korrigieren. Die Ernährung bleibt dennoch wichtig, um nach erfolgreicher Therapie eine erneute Entleerung der Speicher zu verhindern.

Wann intravenöses Eisen infrage kommt

Intravenöses Eisen kann erforderlich sein, wenn orale Präparate trotz Anpassung nicht vertragen werden, keine ausreichende Wirkung zeigen oder wegen einer Resorptionsstörung kaum aufgenommen werden. Weitere mögliche Indikationen sind eine ausgeprägte symptomatische Anämie, chronisch entzündliche Erkrankungen, fortgesetzte starke Blutverluste oder die Notwendigkeit einer raschen Auffüllung, beispielsweise vor einer Operation oder in ausgewählten Phasen der Schwangerschaft.¹ ⁶ ⁸

Die Entscheidung gehört in ärztliche Hand. Intravenöse Eisenpräparate unterscheiden sich hinsichtlich möglicher Einzeldosis, Infusionsdauer und Nebenwirkungsprofil. Bei Eisencarboxymaltose ist insbesondere das Risiko einer Hypophosphatämie zu berücksichtigen, vor allem bei wiederholten Gaben. Eine intravenöse Behandlung ist deshalb keine komfortablere Variante der Selbstmedikation, sondern eine gezielte medizinische Therapie.

Beratungsalgorithmus für die Offizin

  1. Beschwerden erfassen

Seit wann bestehen Müdigkeit, Leistungsknick, Schwindel oder Konzentrationsprobleme? Treten Belastungsdyspnoe, Herzklopfen, Haarausfall, Restless Legs Beschwerden oder ungewöhnliche Essgelüste auf?

  1. Blutungsverluste erfragen

Wie lange und wie stark ist die Menstruation? Müssen Hygieneprodukte sehr häufig gewechselt oder kombiniert werden? Bestehen Zwischenblutungen, starke Regelschmerzen oder Blutungen nach der Menopause?

  1. Risikofaktoren prüfen

Zu berücksichtigen sind Schwangerschaft, Wochenbett, vegetarische oder vegane Ernährung, Blutspenden, intensiver Ausdauersport, gastrointestinale Erkrankungen, bariatrische Eingriffe, Protonenpumpenhemmer und nicht steroidale Antirheumatika.

  1. Diagnose sichern

Eine längerfristige Therapie sollte auf Laborwerten beruhen. Relevant sind Blutbild und Ferritin sowie bei unklarer Situation Transferrinsättigung und C reaktives Protein.

  1. Präparat individuell wählen

Zweiwertige Eisensalze sind Standard. Bei Unverträglichkeit können eine niedrigere Frequenz, eine andere Verbindung oder eine ärztliche Abklärung sinnvoll sein.

  1. Einnahme erklären

Möglichst einmal täglich oder bei geeigneten Patientinnen jeden zweiten Tag. Kaffee und Tee zeitlich trennen. Arzneimittelinteraktionen prüfen. Bei Magenbeschwerden eine Einnahme mit etwas Nahrung erwägen.

  1. Verlauf kontrollieren

Bei Anämie sollte das Hämoglobin ansteigen. Beschwerden und Speicher benötigen häufig länger. Bleibt die Wirkung aus, ist nicht einfach die Dosis zu erhöhen, sondern die Ursache zu überprüfen.

Red Flags für die ärztliche Abklärung

Eine unmittelbare oder zeitnahe ärztliche Beurteilung ist erforderlich bei Atemnot in Ruhe oder geringer Belastung, Synkopen, Thoraxschmerzen, ausgeprägter Tachykardie, starker Blässe oder rascher Verschlechterung des Allgemeinzustands.

Auch Blut im Stuhl, Teerstuhl, anhaltende Bauchbeschwerden, Schluckbeschwerden, ungewollter Gewichtsverlust oder eine neu diagnostizierte Eisenmangelanämie nach der Menopause erfordern eine Ursachenabklärung.

Schwangere, Frauen im Wochenbett mit deutlichen Beschwerden sowie Patientinnen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder nach bariatrischer Operation sollten nicht ausschliesslich im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden.

Eine ärztliche Abklärung ist ebenfalls angezeigt, wenn trotz korrekter Einnahme kein Laboransprechen erkennbar ist, wenn mehrere orale Präparate nicht vertragen werden oder wenn der Eisenmangel wiederholt auftritt.

Fünf verbreitete Irrtümer

  1. Ein normales Hämoglobin schliesst Eisenmangel aus.

Das ist falsch. Die Speicher können bereits entleert sein, während das Hämoglobin noch im Referenzbereich liegt.

  1. Ferritin muss bei jeder Frau über 50 liegen.

Dafür gibt es keine allgemeingültige wissenschaftliche Grundlage. Grenzwerte und Behandlungsziele hängen von Entzündungen, Beschwerden und klinischem Kontext ab.

  1. Je mehr Eisen, desto besser.

Hohe und häufige Dosen können Nebenwirkungen und Hepcidin erhöhen. Dadurch wird ein grösserer Anteil des Eisens gar nicht aufgenommen.

  1. Vitamin C ist immer in hoher Dosierung notwendig.

Eine moderate Menge kann die Aufnahme verbessern. Sehr hohe Dosen bringen nach aktuellen Resorptionsdaten keinen zusätzlichen Vorteil.

  1. Die Ernährung kann jeden Mangel ausgleichen.

Eine eisenreiche Ernährung ist wichtig, reicht bei deutlich entleerten Speichern oder bestehender Anämie aber meist nicht als alleinige Therapie.

Kompakt

Eisenmangel bei Frauen ist mehr als ein erniedrigter Laborwert und mehr als eine mögliche Erklärung für Müdigkeit. Er entsteht häufig durch ein Zusammenspiel aus Menstruationsverlusten, erhöhtem Bedarf, Ernährung und Resorption und kann in jeder Lebensphase andere Ursachen und Konsequenzen haben.

Die moderne Diagnostik geht über das Hämoglobin hinaus. Ferritin bleibt der zentrale Speicherparameter, muss bei Entzündungen aber gemeinsam mit C reaktivem Protein und Transferrinsättigung interpretiert werden. Eisenmangel ohne Anämie kann Beschwerden verursachen, rechtfertigt jedoch keine unkritische Substitution bei jeder Form von Müdigkeit.

Auch die orale Therapie ist differenzierter geworden. Eine einmalige Einnahme pro Tag oder ein alternierendes Schema kann besser verträglich sein als mehrere Tagesdosen. Welches Präparat sich eignet, hängt nicht nur von der theoretischen Resorption, sondern auch von Verträglichkeit, Therapietreue, Begleiterkrankungen und dem Lebensabschnitt der Patientin ab.

Für Apotheker liegt die grösste Chance nicht in der möglichst schnellen Abgabe eines Eisenprodukts. Sie liegt im gezielten Nachfragen, im Erkennen starker Menstruationsblutungen und anderer Risikofaktoren, in einer sicheren Einnahmeberatung und in der rechtzeitigen Weiterleitung zur ärztlichen Diagnostik. Genau dadurch wird die Offizin zu einer zentralen Partnerin in der Frauengesundheit.

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Verena Wegener

Autorin/Autor bei Dispensio.

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