Femtech: Wenn Frauengesundheit technologisch wird
Apps zur Zyklusbeobachtung, digitale Verhütung, intelligente Beckenbodentrainer und tragbare Geräte gegen Menstruationsschmerzen: Femtech entwickelt sich vom Lifestyle-Trend zu einem relevanten Bereich der Gesundheitsversorgung. Für Apotheken eröffnet sich damit ein neues Beratungsfeld, allerdings nur, wenn Produktversprechen, medizinische Evidenz, Datenschutz und regulatorischer Status kritisch geprüft werden.

Der Begriff «Femtech» steht für «Female Technology» und bezeichnet technologiebasierte Produkte und Dienstleistungen, die gesundheitliche Bedürfnisse von Frauen beziehungsweise von Menschen mit weiblicher Biologie adressieren. Dazu gehören digitale Anwendungen, Diagnostik, Medizinprodukte, Wearables und telemedizinische Angebote für Bereiche wie Menstruation, Fertilität, Verhütung, Schwangerschaft, Beckenboden, sexuelle Gesundheit und Menopause. Zunehmend werden auch Erkrankungen einbezogen, die Frauen überproportional betreffen oder bei ihnen anders verlaufen, beispielsweise Endometriose, Migräne, Autoimmunerkrankungen oder kardiovaskuläre Erkrankungen.[1]
Der Ausdruck wurde 2016 von der dänischen Unternehmerin Ida Tin geprägt, der Mitgründerin der Zyklus-App Clue. Die Wortschöpfung trug dazu bei, einen zuvor fragmentierten Markt sichtbar und für Forschung, Finanzierung und Produktentwicklung greifbarer zu machen.[2] Femtech ist jedoch keine eigene medizinische Fachdisziplin und auch kein Qualitätsmerkmal. Unter dem Begriff finden sich sowohl regulierte Medizinprodukte mit klinischen Daten als auch gewöhnliche Wellness-Apps, deren Empfehlungen wissenschaftlich kaum überprüft wurden.
Mehr als pink eingefärbte Gesundheits-Apps
Der medizinische Bedarf hinter der Entwicklung ist real. Viele frauenspezifische Beschwerden wurden historisch wenig untersucht, normalisiert oder primär aus einer männlich geprägten Forschungsperspektive betrachtet. Digitale Technologien können helfen, Symptome longitudinal zu dokumentieren, Veränderungen sichtbar zu machen und bislang schwer zugängliche Daten aus dem Alltag der Betroffenen zu erfassen.[3]
Eine Patientin kann beispielsweise über mehrere Monate Blutungsdauer, Schmerzintensität, Stimmung, Schlaf, Migräne, gastrointestinale Beschwerden oder Medikamenteneinnahmen festhalten. Solche strukturierten Aufzeichnungen können das ärztliche Gespräch unterstützen und Muster sichtbar machen, die bei einer punktuellen Anamnese möglicherweise übersehen werden. Grosse Datensätze aus Zyklus-Apps zeigen zugleich, dass Menstruationszyklen erheblich variieren und einfache, auf einem standardisierten 28-Tage-Zyklus beruhende Berechnungen der Realität vieler Nutzerinnen nicht gerecht werden.[4]
Die Technologie kann die Diagnostik jedoch nicht ersetzen. Eine App kann dokumentieren, dass starke Schmerzen regelmässig auftreten. Sie kann aber nicht zuverlässig unterscheiden, ob eine primäre Dysmenorrhoe, Endometriose, Adenomyose, eine Infektion, ein Myom oder eine andere Ursache vorliegt. Gerade bei Endometriose bestehen weiterhin erhebliche diagnostische Verzögerungen.[5] Ein professionell gestaltetes Interface darf deshalb nicht mit medizinischer Validität verwechselt werden.
Zwischen Selbstbestimmung und Selbstvermessung
Femtech-Produkte können Nutzerinnen mehr Wissen über den eigenen Körper vermitteln und den Zugang zu niedrigschwelliger Unterstützung verbessern. Dies ist insbesondere bei Beschwerden relevant, über die Betroffene aus Scham oder wegen gesellschaftlicher Tabus nur ungern sprechen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, normale körperliche Schwankungen zu pathologisieren. Wer täglich Temperatur, Blutung, Schlaf, Stimmung und Symptome erfasst, erhält zwar mehr Daten, aber nicht automatisch mehr Sicherheit.
Vorhersagen werden zudem häufig präziser dargestellt, als sie tatsächlich sind. Bei Zyklus-Apps beruhen Prognosen auf den eingegebenen Daten, statistischen Modellen und teilweise auf zusätzlichen Messwerten wie der Basaltemperatur. Fehlende Einträge, unregelmässige Schlafzeiten, Erkrankungen, Alkohol, Reisen, Stillzeit, Schichtarbeit oder unregelmässige Zyklen können die Aussagekraft erheblich beeinflussen. Selbst umfangreiche Datensätze enthalten immer auch sogenannte Tracking-Artefakte: Ein scheinbar ungewöhnlich langer Zyklus kann beispielsweise dadurch entstehen, dass eine Blutung nicht eingetragen wurde.[6]
Besonders kritisch wird dies, wenn eine App nicht nur der Beobachtung, sondern der Verhütung dienen soll. Ein einfacher Menstruationskalender ist kein zuverlässiges Verhütungsmittel. Apps, die fruchtbare Tage anzeigen, können sehr unterschiedliche Funktionen und regulatorische Einstufungen besitzen. Nur Anwendungen, die ausdrücklich zur Kontrazeption bestimmt und entsprechend als Medizinprodukt zertifiziert sind, dürfen als digitale Verhütungsmethode betrachtet werden. Auch dann hängt ihre Wirksamkeit stark von der korrekten und konsequenten Anwendung ab.[7]
Der blinde Fleck: hochsensible Gesundheitsdaten
Zyklus-, Fertilitäts- und Schwangerschaftsdaten gehören zu den intimsten personenbezogenen Informationen. In Apps können zusätzlich Angaben zu Sexualkontakten, Kinderwunsch, Verhütung, Fehlgeburten, Medikamenten, Stimmung oder diagnostizierten Erkrankungen gespeichert werden. Studien und technische Analysen zeigen, dass manche Anwendungen Daten an Analyse-, Marketing- oder Werbedienste übermitteln oder mehr Zugriffsrechte verlangen, als für ihre Kernfunktion notwendig wäre.[8]
Für eine Empfehlung genügt es daher nicht, ausschliesslich Funktionen und Nutzerbewertungen zu betrachten. Entscheidend ist auch, ob klar erläutert wird, welche Daten erhoben werden, wo sie gespeichert werden, ob eine Nutzung ohne Klarnamen möglich ist, welche Drittanbieter eingebunden sind und wie Daten vollständig gelöscht werden können. Kostenlose, werbefinanzierte Geschäftsmodelle verdienen besondere Aufmerksamkeit. Ein hoher Downloadwert ist weder ein Beleg für Datenschutz noch für medizinische Qualität.
Reguliert oder nur überzeugend vermarktet?
Bei digitalen Gesundheitsangeboten ist die vom Hersteller festgelegte Zweckbestimmung entscheidend. Eine App, die lediglich Informationen dokumentiert, kann als allgemeine Gesundheits- oder Lifestyle-Anwendung angeboten werden. Sobald Software zur Diagnose, Behandlung, Überwachung oder Verhütung bestimmt ist, kann sie regulatorisch als Medizinprodukt einzustufen sein. Die Behörden verfolgen dabei grundsätzlich einen risikobasierten Ansatz.[9]
In der Schweiz werden Medizinprodukte im Unterschied zu Arzneimitteln nicht durch Swissmedic einzeln zugelassen. Die Verantwortung für Konformitätsbewertung und Marktzugang liegt zunächst bei Hersteller und beteiligten Konformitätsbewertungsstellen; Swissmedic ist insbesondere für die Marktüberwachung zuständig.[10] Eine CE-Kennzeichnung beziehungsweise ein regulatorisch korrekter Marktzugang zeigt somit, dass die rechtlichen Anforderungen für die jeweilige Zweckbestimmung erfüllt wurden. Sie bedeutet aber nicht automatisch, dass ein Produkt jeder Alternative klinisch überlegen ist.
Wie relevant die Zweckbestimmung ist, zeigt ein Schweizer Gerichtsentscheid zu einer Fertilitäts-App: Eine Anwendung, die zur Empfängnisverhütung eingesetzt werden soll, wurde als Medizinprodukt eingestuft und musste ein entsprechendes Zertifizierungsverfahren durchlaufen.[11] Für die Apothekenberatung folgt daraus eine einfache Regel: Je grösser der mögliche gesundheitliche Schaden einer falschen Empfehlung, desto höher müssen die Anforderungen an Evidenz, Regulierung und individuelle Abklärung sein.
Welche Femtech-Produkte können Apotheken empfehlen?
Eine verantwortbare Empfehlung sollte sich nicht allein auf ein trendiges Design oder die Selbstdarstellung des Herstellers stützen. Sinnvoll sind Produkte, deren Funktionsprinzip medizinisch plausibel ist, deren Einsatzgebiet klar begrenzt werden kann und für deren zugrunde liegende Intervention zumindest belastbare Evidenz vorliegt. Dabei muss zwischen Evidenz für die Produktkategorie und einem klinischen Wirksamkeitsnachweis des konkreten Markenprodukts unterschieden werden.
Clue für Zyklus- und Symptomdokumentation
Clue kann als Zyklus- und Symptomtagebuch empfohlen werden, wenn Nutzerinnen ihren Menstruationsverlauf, Beschwerden und mögliche Muster strukturiert dokumentieren möchten. Die Anwendung ermöglicht unter anderem die Erfassung von Blutungen, Schmerzen, Stimmung, Schlaf und weiteren Symptomen. Sie wird von einem in Deutschland ansässigen Unternehmen angeboten, das sich ausdrücklich auf wissenschaftsbasierte Inhalte und Datenschutz nach europäischem Recht beruft. Nach Angaben des Unternehmens werden die Gesundheitsdaten für den Kerndienst verarbeitet und auf Servern innerhalb der Europäischen Union gespeichert.[12]
Die Empfehlung muss jedoch klar eingegrenzt werden: Ein Zyklus-Tracker eignet sich zur Beobachtung und zur Vorbereitung eines ärztlichen Gesprächs, nicht zur sicheren Diagnose eines Eisprungs oder zur Verhütung. Angezeigte fruchtbare Zeitfenster dürfen nicht mit einer medizinisch geprüften Kontrazeptionsmethode gleichgesetzt werden. In der Beratung sollte zudem darauf hingewiesen werden, nur tatsächlich benötigte Daten einzutragen und die Datenschutz- sowie Freigabeeinstellungen zu prüfen.
Natural Cycles als digitale Verhütungsmethode – aber nur nach ausführlicher Beratung
Natural Cycles nimmt unter den Zyklus-Apps eine Sonderstellung ein, weil die Anwendung ausdrücklich als digitale Verhütungsmethode entwickelt und als Medizinprodukt reguliert wurde. Sie kombiniert Zyklusinformationen mit regelmässigen Temperaturmessungen und klassifiziert Tage als fruchtbar oder nicht fruchtbar. Das Unternehmen gibt eine Wirksamkeit von 93 Prozent bei typischer und 98 Prozent bei perfekter Anwendung an. Publizierte Kohortendaten untersuchten die kontrazeptive Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen.[13]
Eine Empfehlung «guten Gewissens» ist dennoch nur unter klaren Voraussetzungen möglich. Die Nutzerin muss verstehen, dass sie an fruchtbaren Tagen auf vaginalen Geschlechtsverkehr verzichten oder eine zusätzliche Barrieremethode verwenden muss. Die Methode verlangt regelmässige Messungen und eine hohe Adhärenz. Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass fertilitätsbasierte Methoden weniger zuverlässig sind als langwirksame reversible Verhütungsmethoden oder viele hormonelle Verfahren.[14]
Natural Cycles ist deshalb keine pauschale Empfehlung für Kundinnen, bei denen eine Schwangerschaft unbedingt vermieden werden muss. Weniger geeignet ist die Methode unter anderem bei sehr unregelmässigem Tagesablauf, Schwierigkeiten mit konsequenter Anwendung oder wenn die Nutzung von Kondomen beziehungsweise Abstinenz an fruchtbaren Tagen nicht realistisch ist. Die Apotheke sollte eine ergebnisoffene Verhütungsberatung anbieten und deutlich machen, dass die App nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen schützt.
Perifit Care oder Care+ für angeleitetes Beckenbodentraining
Perifit kombiniert eine intravaginale Drucksonde mit einer App und gibt während der Beckenbodenkontraktionen ein visuelles Biofeedback. Das Produkt ist dafür vorgesehen, Beckenbodenübungen zu unterstützen und insbesondere Beschwerden bei Stress-, Drang- oder gemischter Harninkontinenz zu adressieren. Die amerikanische FDA beschreibt das Gerät als Perineometer zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur mit Smartphone-basiertem Biofeedback.[15] In Schweizer Apotheken ist der Beckenbodentrainer bereits erhältlich.[16]
Die Grundlage der Empfehlung ist vor allem die gut etablierte Wirksamkeit eines korrekt ausgeführten Beckenbodentrainings. Für Perifit selbst liegen unter anderem Real-World-Daten von mehreren Tausend Nutzerinnen vor, die auf eine mögliche Verbesserung von Inkontinenzsymptomen hinweisen. Aufgrund des Studiendesigns sind diese Daten jedoch weniger aussagekräftig als eine unabhängige randomisierte kontrollierte Studie.[17]
Das Gerät kann vor allem für Frauen sinnvoll sein, die Schwierigkeiten haben, die richtige Muskulatur wahrzunehmen, oder die durch Feedback und spielerische Übungen regelmässiger trainieren. Vor der Empfehlung sollte abgeklärt werden, ob Schmerzen, eine frische Operation, eine unklare Blutung, eine Infektion, eine ausgeprägte Senkung oder eine möglicherweise überaktive beziehungsweise verspannte Beckenbodenmuskulatur vorliegen. In diesen Situationen ist zunächst eine gynäkologische oder spezialisierte physiotherapeutische Beurteilung angezeigt. «Mehr Anspannung» ist nicht bei jedem Beckenbodenproblem die richtige Therapie.
Beurer EM 50 Menstrual Relax bei primärer Dysmenorrhoe
Das Beurer EM 50 kombiniert transkutane elektrische Nervenstimulation, kurz TENS, mit lokaler Wärme. Das wiederaufladbare Pad wird am Unterbauch befestigt und verfügt über mehrere einstellbare TENS-Intensitätsstufen. Das Produkt wird auch über Schweizer Apotheken vertrieben.[18]
Die Empfehlung kann sich auf die Evidenz zum Wirkprinzip stützen. Systematische Übersichten kommen zu dem Ergebnis, dass hoch- und niedrigfrequente TENS Menstruationsschmerzen gegenüber Placebo oder keiner Behandlung wahrscheinlich reduzieren können. Die Sicherheit und Verträglichkeit werden insgesamt als günstig eingeschätzt, auch wenn Qualität und Umfang der Studien unterschiedlich sind.[19]
Das Gerät eignet sich damit als nichtmedikamentöse Ergänzung bei bekannter primärer Dysmenorrhoe, beispielsweise wenn Wärme allein nicht genügt oder Schmerzmittel nicht gewünscht beziehungsweise nicht gut vertragen werden. Es darf jedoch nicht dazu führen, neu aufgetretene oder ungewöhnlich starke Schmerzen über längere Zeit selbst zu behandeln. Bei zunehmenden Beschwerden, Schmerzen ausserhalb der Menstruation, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Fieber, Kreislaufproblemen, ungewöhnlicher Blutung oder Verdacht auf eine Schwangerschaft ist eine medizinische Abklärung erforderlich. Auch Kontraindikationen und Warnhinweise des Herstellers, etwa im Zusammenhang mit elektronischen Implantaten oder einer Anwendung während der Schwangerschaft, müssen beachtet werden.
Menstruationstassen als «Low-Tech-Femtech»
Auch wenn Menstruationstassen nicht digital sind, werden sie häufig zum erweiterten Femtech-Bereich gezählt, da sie ein frauenspezifisches Gesundheitsbedürfnis durch Produktinnovation adressieren. Eine grosse systematische Übersichtsarbeit kam zu dem Ergebnis, dass Menstruationstassen bei korrekter Anwendung grundsätzlich eine sichere und akzeptable Möglichkeit des Menstruationsmanagements darstellen. Die verfügbare Evidenz deutet auf vergleichbare oder geringere Leckageraten gegenüber anderen Menstruationsprodukten hin, wobei eine gewisse Eingewöhnungszeit erforderlich sein kann.[20]
Apotheken können etablierte, aus medizinischem Silikon hergestellte Produkte wie die AllMatters Menstrual Cup oder vergleichbare Tassen seriöser Anbieter empfehlen. Wichtiger als die Marke sind passende Grösse, verständliche Anwendungshinweise, korrekte Reinigung und eine realistische Erwartung an die Lernphase. Bei gleichzeitiger Verwendung eines Intrauterinpessars ist besondere Vorsicht erforderlich. Eine systematische Übersicht beschreibt einen möglichen Zusammenhang zwischen Menstruationstassen und einer IUD-Ausstossung, wobei die Datenlage noch begrenzt ist.[21] Die Tasse sollte nicht am Stiel herausgezogen werden; vielmehr muss vor dem Entfernen der Unterdruck gelöst werden. Bei einem IUD ist eine vorgängige Rücksprache mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen sinnvoll.
Was Femtech für die Apothekenberatung bedeutet
Femtech erweitert die klassische Produktberatung um digitale Gesundheitskompetenz. Künftig wird es nicht genügen, Anwendung, Preis und technische Funktionen eines Geräts zu erklären. Apothekerinnen und Apotheker müssen zusätzlich beurteilen, welchen medizinischen Zweck ein Produkt verfolgt, ob es als Medizinprodukt reguliert ist, welche Daten es erhebt und wo die Grenzen seiner Aussagekraft liegen.
Dabei kann die Apotheke eine wichtige Orientierungsfunktion übernehmen. Viele Kundinnen entdecken Femtech-Angebote über Influencerinnen, soziale Medien oder personalisierte Werbung. Die Apotheke kann Marketingversprechen in eine medizinisch nachvollziehbare Sprache übersetzen: Was misst das Produkt tatsächlich? Welche Aussage lässt sich aus diesem Messwert ableiten? Wurde das konkrete Produkt untersucht oder lediglich das zugrunde liegende Prinzip? Welche Konsequenzen hätte ein falsches Ergebnis?
Besonders relevant ist die Unterscheidung zwischen Tracking, Screening, Diagnostik und Therapie. Eine App, die Symptome aufzeichnet, stellt keine Diagnose. Ein Test mit auffälligem Resultat ersetzt keine ärztliche Abklärung. Ein digitaler Beckenbodentrainer ist kein universelles Mittel gegen sämtliche Beschwerden im Beckenbereich. Eine Verhütungs-App ist nicht mit einem gewöhnlichen Periodenkalender gleichzusetzen.
Für die Beratung empfiehlt sich ein kurzer, aber strukturierter Qualitätscheck. Dabei sollten Zweckbestimmung, regulatorischer Status, vorhandene klinische Daten, Datenschutz, mögliche Interessenkonflikte und Eignung für die konkrete Nutzerin geprüft werden. Ebenso wichtig ist eine klare Triage. Starke oder plötzlich veränderte Schmerzen, sehr starke Blutungen, Blutungen nach der Menopause, ungeklärte Zwischenblutungen, Fieber, auffälliger Ausfluss, Schwangerschaftsverdacht, tastbare Veränderungen, wiederkehrende Harnwegsbeschwerden oder anhaltende Inkontinenz gehören nicht ausschliesslich in die Selbstversorgung.
Vom Produktverkauf zur begleiteten Anwendung
Für Apotheken liegt das Potenzial nicht allein im Verkauf eines Geräts. Ein sinnvoller Femtech-Service kann aus Produktauswahl, Ersteinrichtung, Anwendungsschulung und einer späteren Verlaufskontrolle bestehen. Bei einer Zyklus-App könnten Kundinnen beispielsweise lernen, welche Symptome für ein ärztliches Gespräch hilfreich sind und wie sie einen übersichtlichen Verlauf erstellen. Bei einem TENS-Gerät kann die korrekte Platzierung und sichere Anwendung erklärt werden. Bei einem Beckenbodentrainer können realistische Trainingsziele sowie Kriterien für eine Überweisung an eine Beckenbodenphysiotherapie besprochen werden.
Damit entsteht eine neue Form der Adhärenzbegleitung. Viele digitale Produkte scheitern nicht an ihrer technischen Funktion, sondern daran, dass sie nach wenigen Wochen nicht mehr genutzt werden. Die Apotheke kann Erwartungen einordnen, anfängliche Schwierigkeiten auffangen und überprüfen, ob sich der gewünschte Nutzen tatsächlich zeigt.
Auch die interprofessionelle Zusammenarbeit gewinnt an Bedeutung. Kooperationen mit gynäkologischen Praxen, Hebammen, Beckenbodenphysiotherapeutinnen, Sexualberatungsstellen und spezialisierten Endometriosezentren könnten dazu beitragen, Femtech-Produkte in nachvollziehbare Versorgungspfade einzubetten. Die Technologie wird dadurch nicht zur Konkurrenz der Fachperson, sondern zu einem Werkzeug zwischen Beratung, Selbstmanagement und medizinischer Behandlung.
Ausblick: Die Apotheke als Vertrauensanker im Femtech-Markt
Femtech wird sich voraussichtlich über Zykluskalender und Fitnessgeräte hinausentwickeln. Zu erwarten sind intelligentere Wearables, digitale Biomarker, KI-gestützte Symptomanalysen, häusliche Diagnostik und personalisierte Angebote für Schwangerschaft, Menopause und chronische Erkrankungen. Gleichzeitig nehmen regulatorische und ethische Fragen zu. Je stärker Algorithmen therapeutische oder diagnostische Entscheidungen beeinflussen, desto wichtiger werden transparente Datengrundlagen, repräsentative Studienpopulationen und eine Überprüfung möglicher Verzerrungen.[22]
Für Apotheken bietet sich die Chance, frühzeitig Qualitätsstandards zu etablieren. Empfehlenswert sind nicht möglichst viele Femtech-Produkte, sondern ein kuratiertes Sortiment mit klarer Zweckbestimmung, nachvollziehbarer Evidenz, gutem Datenschutz und definierten Beratungsgrenzen. Clue kann als strukturiertes Zyklustagebuch, Natural Cycles nach ausführlicher individueller Verhütungsberatung, Perifit als Unterstützung eines indizierten Beckenbodentrainings und das Beurer EM 50 als nichtmedikamentöse Option bei bekannten Menstruationsschmerzen sinnvoll sein.
Femtech kann Frauen mehr Wissen, Handlungsspielraum und Zugang zu Unterstützung geben. Diese Stärke entfaltet sich jedoch nur, wenn Technologie nicht mit Diagnose verwechselt und Selbstbestimmung nicht zur alleinigen Selbstverantwortung umgedeutet wird. Genau hier kann die Apotheke ihre besondere Position nutzen: als leicht erreichbare, fachlich unabhängige und vertrauenswürdige Instanz zwischen digitaler Innovation und medizinischer Versorgung.
Referenzen
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