Wearables: Ringe, Smartwatches und Sensoren
Vom Smart Ring über die EKG-Smartwatch bis zum rezeptfreien Glukosesensor: Gesundheits-Wearables sind längst im Regal und am Handgelenk der Kundschaft angekommen. Der Überblick zeigt, welche Geräte aktuell erhältlich sind, was sie tatsächlich messen, wo die Grenze zwischen Lifestyle und Medizinprodukt verläuft – und was der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte zu den sensiblen Gesundheitsdaten sagt.
Eckpunkte
- Ringe, Uhren, Patches, Brillen: Wearables messen heute HF, HRV, SpO₂, Hauttemperatur, Schlaf, EKG und sogar kontinuierlich die Gewebeglukose.
- Wellness ≠ Medizinprodukt: Nur zertifizierte Funktionen (z. B. EKG/Vorhofflimmern, CGM) sind klinisch validiert – der Rest ist unverbindlicher «Wellness».
- Datenschutz zuerst: Der EDÖB stuft Gesundheitsdaten als besonders schützenswert ein und rät, vor dem Kauf Speicherort, Verschlüsselung und Zweckbindung zu prüfen.
- Chance für die Apotheke: Wearables lohnen sich als Sortimentsergänzung – wer die Geräte führt und die Kundschaft kompetent dazu berät, gewinnt Umsatz, Kompetenzprofil und Kundenbindung.
Der Körper wird zum Datenlieferanten
Was vor zehn Jahren als Schrittzähler begann, ist heute ein dichtes Netz aus Sensoren am und im Körper. Ein Drittel der Bevölkerung trägt bereits eine Smartwatch oder einen Fitness-Tracker, und die Geräte messen längst nicht mehr nur Bewegung: Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität (HRV), Sauerstoffsättigung, Hauttemperatur, Schlafphasen, ein einkanaliges EKG oder – über einen dünnen Faden in der Unterhaut – kontinuierlich den Glukosewert. Für die Apotheke ist das doppelt relevant: Die Kundschaft kommt mit Werten, Warnungen und Fragen in die Beratung, die vor Kurzem noch der Arztpraxis vorbehalten waren – und viele dieser Geräte lassen sich zugleich sinnvoll ins Sortiment aufnehmen.
Der Markt sortiert sich dabei in Bauformen: Ringe am Finger, Uhren und Armbänder am Handgelenk, Patches am Oberarm oder auf der Brust und zunehmend Brillen. Ein grundlegender Unterschied in der Messtechnik erklärt viele Genauigkeitsdebatten: Uhren messen den Puls meist per Reflexion (grünes Licht wird von der Haut zurückgeworfen), Ringe nutzen häufig die Transmission – Licht durchdringt das dünnere Gewebe des Fingers, was am ruhenden Körper präzisere Werte liefert.
Aktuelle Geräte im Überblick
Die folgende Auswahl bildet ab, was 2026 im Handel breit verfügbar ist – und trennt die unverbindliche Wellness-Messung von jenen Funktionen, die als Medizinprodukt (CE/Swissmedic) beziehungsweise mit FDA-Clearance zugelassen sind.
| Produkt | Bauform | Was es misst | Regulatorischer Status |
|---|---|---|---|
| Oura Ring 4 | Ring | HF, HRV, SpO₂, Hauttemperatur, Atemfrequenz, Schlaf, Aktivität | Wellness (kein Medizinprodukt), Abo |
| Samsung Galaxy Ring | Ring | HF, HRV, Hauttemperatur, Schlaf inkl. Apnoe-Hinweisen, Aktivität | Wellness, ohne Abo |
| Ultrahuman Ring Air | Ring | HF, HRV, Hauttemperatur, Schlaf, Bewegung, Glukose-Coaching | Wellness, ohne Abo |
| Apple Watch (Series/Ultra) | Smartwatch | 1-Kanal-EKG, Vorhofflimmern-Hinweis, SpO₂, HF, Sturzerkennung | EKG-/AFib-Funktion als Medizinprodukt zugelassen |
| Withings ScanWatch 2 | Hybrid-Smartwatch | EKG, Vorhofflimmern, SpO₂, Hauttemperatur, Schlaf, HF | Medizinische CE-Kennzeichnung / FDA-Clearance |
| Whoop (Band) | Armband | HF, HRV, Atemfrequenz, Hauttemperatur, Schlaf, Belastung | Grösstenteils Wellness, Abo-Modell |
| Dexcom Stelo / Abbott Lingo | Patch/Sensor | Gewebeglukose, kontinuierlich (CGM) | Medizinprodukt, teils rezeptfrei erhältlich |
| Ray-Ban Meta / Smart Glasses | Brille | Kamera, Audio, Display – (noch) keine Vitalparameter | Kein Gesundheitsprodukt, hohe Datenschutzrelevanz |
Auffällig ist das rezeptfreie CGM: Mit Geräten wie Stelo und Lingo hat der kontinuierliche Glukosesensor die Nische der Diabetestherapie verlassen und richtet sich an gesundheitsbewusste Anwenderinnen ohne Diabetes. Für die Beratung heisst das: Erklären, dass diese Consumer-Varianten – anders als die therapeutischen Systeme – bewusst ohne Hypo-/Hyperglykämie-Alarme auskommen und kein Ersatz für eine ärztlich begleitete Therapie sind.
Wellness oder Medizinprodukt – die entscheidende Grenze
Der wichtigste Satz für jedes Beratungsgespräch lautet: Nicht jede Zahl auf dem Display ist ein klinischer Messwert. Ein und dasselbe Gerät kann geprüfte Medizinprodukt-Funktionen und rein informelle Wellness-Werte kombinieren. Die EKG-Funktion der Apple Watch etwa ist zugelassen und wurde in der gross angelegten Apple Heart Study untersucht: Bei über 419'000 Teilnehmenden hatten von jenen, die eine Benachrichtigung über einen unregelmässigen Puls erhielten und anschliessend ein EKG-Pflaster trugen, 34 Prozent tatsächlich Vorhofflimmern; der positive Vorhersagewert der Puls-Warnung lag bei 0,84. Ein starkes Signal – aber kein Screening-Freibrief, weil es ebenso zu Fehlalarmen und unnötiger Verunsicherung kommt.
Bei reinen Wellness-Werten wie «Stresslevel», «Readiness» oder «Schlafqualität» fehlt eine solche Validierung meist ganz. Sie beruhen auf herstellereigenen Algorithmen, deren Grundlage nicht öffentlich ist. Sie taugen zur Selbstbeobachtung von Trends, nicht zur Diagnose. Wer diese Trennlinie sauber zieht, verhindert beides: die Überbewertung eines Wellness-Werts und die Bagatellisierung eines echten Medizinprodukt-Alarms.
Kriterien für Sortiment und Beratung
Ob ein Gerät ins Sortiment passt und wie man dazu berät, lässt sich mit einem kleinen Raster klären, mit dem sich jedes Modell bewerten lässt:
- Zulassung: Ist die konkrete Funktion ein Medizinprodukt (CE/Swissmedic, FDA)? Nur dann ist sie für gesundheitliche Entscheidungen gedacht.
- Messverfahren und Genauigkeit: Transmission oder Reflexion, gibt es unabhängige Validierungsstudien? Werte am ruhenden Körper sind belastbarer als solche unter Bewegung.
- Nutzen statt Datenflut: Führt die Messung zu einer sinnvollen Handlung – oder produziert sie nur Zahlen, die Druck und Selbstüberwachung verstärken?
- Alltagstauglichkeit: Akkulaufzeit, Tragekomfort und vor allem laufende Abo-Kosten, die viele Funktionen erst freischalten.
- Datenschutz: Wo liegen die Daten, wie werden sie übertragen, und wofür werden sie weiterverwendet?
Gerade der letzte Punkt wird oft unterschätzt – und ist der, bei dem die Apotheke echten Mehrwert bietet.
Datenschutz: sensibelste Daten am Handgelenk
Gesundheitsdaten gelten rechtlich als besonders schützenswerte Personendaten mit hohem Missbrauchspotenzial. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) weist darauf hin, dass Wearables durch das ständige Tragen lückenlose Bewegungs- und Vitalprofile erzeugen, die tief in die Privat- und Intimsphäre reichen. Weil die Geräte so unauffällig sind, erfassen sie zudem leicht Daten unbeteiligter Dritter.
Der EDÖB empfiehlt, bereits vor dem Kauf die Datenschutzerklärung zu lesen und zu prüfen, ob die Daten verschlüsselt übertragen werden, wo sie gespeichert sind (lokal oder in der Cloud), ob es langfristige Sicherheitsupdates gibt und ob eine Ansprechstelle in der Schweiz besteht. Im Betrieb gilt: der App nur die wirklich nötigen Berechtigungen erteilen, Updates zeitnah installieren und ungenutzte Apps deinstallieren. Für die Nutzung von Gesundheitsdaten zu Marketingzwecken braucht es eine ausdrückliche Einwilligung.
Besonders kritisch bewertet der EDÖB smarte Brillen: Ihre versteckte Foto- und Videofunktion kann das Umfeld unbemerkt aufzeichnen – ein Grund, warum diese Kategorie trotz fehlender Vitalsensorik in jede Wearable-Debatte gehört. Das heimliche Aufnehmen kann in der Schweiz zudem strafrechtlich relevant sein (Art. 179bis ff. StGB).
Lohnt sich das für die Apotheke?
Ja – und zwar auf beiden Wegen: als Produkt im Regal und als Beratungsleistung. Wearables verlagern Messungen aus der Klinik in den Alltag und damit Fragen aus der Arztpraxis in die Apotheke. Wer ausgewählte Geräte führt, bedient eine wachsende Nachfrage genau dort, wo die Kundschaft ohnehin Vertrauen und Fachwissen sucht – und hebt sich vom reinen Online-Kauf ab, bei dem niemand die Werte einordnet.
Der Verkauf allein reicht aber nicht; erst die Beratung macht das Produkt wertvoll. Sie beantwortet die drei Fragen, an denen die Kundschaft im Netz scheitert: Ist dieser Wert ein validierter Medizinprodukt-Befund oder ein Wellness-Trend? Rechtfertigt eine Vorhofflimmern-Warnung eine ärztliche Abklärung – oder befeuert ein «schlechter Schlafscore» nur unnötige Sorge? Und was passiert mit den sensiblen Daten dahinter?
Wer diese drei Ebenen – Evidenz, Nutzen und Datenschutz – souverän trennt und die passenden Geräte gleich mitverkaufen kann, macht aus einem Lifestyle-Gadget ein sinnvolles Gesundheitswerkzeug. Genau darin liegt die Chance: Die Apotheke wird zum vertrauenswürdigen Lotsen in einem Markt, der schneller wächst als das Wissen darüber, was die Zahlen wirklich bedeuten.
Referenzen
- Perez MV, Mahaffey KW, Hedlin H, et al. Large-Scale Assessment of a Smartwatch to Identify Atrial Fibrillation (Apple Heart Study). New England Journal of Medicine. 2019.
- Godfrey A, Hetherington V, Shum H, et al. From A to Z: Wearable technology explained. Maturitas. 2018;113:40–47.
- Babu M, Lautman Z, Lin X, et al. Wearable Devices: Implications for Precision Medicine and the Future of Health Care. Annual Review of Medicine. 2024;75:401–415.
- US Food and Drug Administration. Clearance des Dexcom Stelo Glucose Biosensor System als erste rezeptfreie kontinuierliche Glukosemessung (März 2024) sowie des Abbott Lingo (Juni 2024).
- Withings. Medizinische CE-Kennzeichnung und FDA-Clearance der ScanWatch für EKG-Aufzeichnung und Vorhofflimmern-Erkennung. Herstellerinformation.
- Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter (EDÖB). Wearables. edoeb.admin.ch. Abgerufen im August 2026.
- Swissmedic. Medizinprodukte – Informationen zur Regulierung und Marktüberwachung in der Schweiz. Abgerufen im August 2026.
- Bitkom. Nutzung von Smartwatches und Fitness-Trackern in Deutschland. 2024.


