Unter dem Ladentisch: Der Vitaminregal-Krieg
Es begann, wie so viele Konflikte beginnen: mit bester Absicht und einem Missverständnis.
Der Mann war Mitte fünfzig, trug ein Fleece-Jacket und hatte die Energie eines Menschen, der gerade etwas bei Instagram gesehen hat.
«Ich brauche Omega-3, Vitamin D3, Magnesium Malat – nicht Oxid, das ist wichtig – und CoQ10. Am besten liposomales CoQ10, das ist bioverfügbarer.»
Er pausierte kurz. «Und Astaxanthin.»
Ich atmete ein. Ich atmete aus. Ich überlegte, ob «Das ist ein interessanter Ansatz, lassen Sie uns das kurz einordnen» als professionell oder kondeszendierend gilt. Ich entschied mich für den Mittelweg.
«Sie haben sich gut informiert», sagte ich. Es stimmte. Das Problem war: Er hatte sich sehr gut informiert. Nämlich ausschliesslich auf YouTube, wo jemand mit 800 000 Abonnenten erklärt hatte, warum alle Menschen über 50 täglich 23 Nahrungsergänzungsmittel einnehmen sollten.
«Haben Sie derzeit irgendwelche Medikamente?»
«Marcoumar.»
Kurze Pause.
«Omega-3 in hohen Dosen hat einen additiven Effekt auf die Blutgerinnung», sagte ich, mit der Ruhe einer Person, die innerlich «OH NEIN» denkt.
Er sah mich an. Ich sah ihn an. Das Vitaminregal hinter mir summte leise.
«Aber der Typ im Video hat gesagt—»
«Der Typ im Video», sagte ich freundlich, «verschreibt kein Marcoumar.»
Es folgte ein zehnminütiges Gespräch, das ich als eines meiner produktivsten des Jahres bezeichnen würde. Wir einigten uns auf Vitamin D3 (mit Dosisanpassung nach letztem Laborwert), Magnesium (normales Oxid – er würde es nicht merken), und einen Brief an seinen Hausarzt bezüglich der anderen Wünsche.
Er kaufte ausserdem Hustenbonbons.
Beim Hinausgehen drehte er sich nochmal um: «Und das Astaxanthin?»
«Beim nächsten Mal», sagte ich.
Das war eine Lüge. Aber manchmal ist das Beste, was eine Apothekerin tun kann, das Gespräch offen zu halten.
Ursula Bänziger ist approbierte Apothekerin und schreibt monatlich die Glosse «Unter dem Ladentisch» für dispensio.