Green Pharmacy: Nachhaltigkeit beginnt hinter dem Apothekentresen
Nachhaltigkeit ist längst kein reines Marketingthema mehr. Auch Apotheken stehen zunehmend in der Verantwortung, ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte ihres Handelns zu berücksichtigen. Von der fachgerechten Entsorgung von Medikamenten über die Reduktion von Verpackungsmaterial bis hin zu energieeffizienten Betriebsabläufen. Die sogenannte «Green Pharmacy» entwickelt sich zu einem wichtigen Zukunftsthema für die Schweizer Apothekenlandschaft. Doch welche Massnahmen sind tatsächlich wirksam, und welche Rolle können Apotheker dabei übernehmen?

Eckpunkte
- Apotheken leisten einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz durch die fachgerechte Rücknahme und Entsorgung von Arzneimitteln.
- Verpackungsreduktion, Digitalisierung und energieeffiziente Infrastruktur senken Kosten und Ressourcenverbrauch.
- Green Pharmacy umfasst neben ökologischen auch soziale Aspekte wie Mitarbeiterförderung und Fachkräftesicherung.
- Nachhaltige Beratung hilft, Arzneimittelverschwendung zu reduzieren und die Gesundheitsversorgung langfristig effizienter zu gestalten.
Nachhaltigkeit wird zum Wettbewerbsfaktor
Der Gesundheitssektor verursacht weltweit schätzungsweise rund 4,4 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen. Würde das globale Gesundheitswesen als Staat betrachtet, wäre es der fünftgrösste Emittent der Welt¹. Auch in der Schweiz gewinnt die Diskussion an Bedeutung: Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) stellen Arzneimittelrückstände in Gewässern weiterhin eine relevante Umweltbelastung dar².
Apotheken befinden sich dabei in einer besonderen Position. Sie sind einerseits Teil der Gesundheitsversorgung, andererseits wichtige Schnittstellen zwischen Industrie, Patienten und Entsorgungssystemen. Damit verfügen sie über einen direkten Hebel, nachhaltiges Verhalten zu fördern.
Arzneimittelentsorgung: Eine unterschätzte Umweltaufgabe
Viele Patienten wissen noch immer nicht, dass Medikamente niemals über das Lavabo oder die Toilette entsorgt werden sollten. Rückstände von Schmerzmitteln, Antibiotika oder Hormonen gelangen dadurch in Gewässer und können dort Organismen beeinträchtigen.
In der Schweiz nehmen Apotheken deshalb seit Jahren eine zentrale Rolle bei der Rücknahme von Altmedikamenten ein. Durch die fachgerechte Sammlung und thermische Entsorgung werden potenziell schädliche Wirkstoffe aus dem Wasserkreislauf entfernt.
Besonders relevant sind dabei Antibiotika. Studien zeigen, dass Arzneimittelrückstände zur Entwicklung antibiotikaresistenter Keime beitragen können³. Die Beratung zur korrekten Entsorgung ist daher nicht nur Umweltschutz, sondern auch ein Beitrag zur öffentlichen Gesundheit.
Verpackungsreduktion: Kleine Schritte mit grosser Wirkung
Ein oft übersehener Bereich ist der Verpackungsverbrauch in Apotheken. Versandkartons, Kunststoffbeutel, Einwegtragetaschen oder zusätzliche Umverpackungen erzeugen erhebliche Mengen an Abfall.
Zahlreiche Schweizer Apotheken setzen deshalb zunehmend auf:
- Papiertragetaschen aus Recyclingmaterial
- Mehrweg-Transportboxen für Heime und Pflegeinstitutionen
- Digitale statt gedruckte Kundeninformationen
- Elektronische Quittungen und Rechnungen
- Optimierte Lagerhaltung zur Vermeidung von Verfall und Vernichtung
Gerade digitale Belege und Informationsmaterialien können den Papierverbrauch erheblich senken, ohne die Beratungsqualität zu beeinträchtigen.
Energieeffizienz in der Offizin
Auch der Energieverbrauch bietet Potenzial. Kühlgeräte für Arzneimittel, Beleuchtung, Lüftung und IT-Infrastruktur verursachen einen beträchtlichen Anteil der Betriebskosten.
Moderne LED-Beleuchtung reduziert den Stromverbrauch gegenüber herkömmlichen Leuchtmitteln um bis zu 80 Prozent⁴. Gleichzeitig können intelligente Kühlsysteme und automatisierte Temperaturüberwachung Energie sparen und die Arzneimittelsicherheit erhöhen.
Immer mehr Apotheken integrieren Nachhaltigkeitskriterien zudem bei Umbauten oder Neueröffnungen:
- Einsatz energieeffizienter Geräte
- Nutzung von Ökostrom
- Wärmerückgewinnung
- Nachhaltige Baumaterialien
- Optimierte Logistikwege
Solche Investitionen wirken sich nicht nur positiv auf die Umwelt aus, sondern senken langfristig auch die Betriebskosten.
Soziale Nachhaltigkeit gehört dazu
Green Pharmacy umfasst mehr als ökologische Aspekte. Auch soziale Verantwortung ist Teil des Nachhaltigkeitsgedankens.
Dazu gehören:
- faire Arbeitsbedingungen
- Gesundheitsförderung für Mitarbeitende
- Vereinbarkeit von Beruf und Familie
- kontinuierliche Weiterbildung
- Förderung des pharmazeutischen Nachwuchses
Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels gewinnt insbesondere die Arbeitgeberattraktivität an Bedeutung. Nachhaltigkeit wird damit auch zu einem Instrument der Mitarbeiterbindung.
Die nächste Entwicklungsstufe: Nachhaltige Gesundheitsversorgung
Internationale Fachgesellschaften sprechen zunehmend von einer nachhaltigen Gesundheitsversorgung. Dabei geht es nicht nur um die Reduktion des ökologischen Fussabdrucks, sondern auch um den effizienten Einsatz von Ressourcen.
Apotheker können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten:
- Vermeidung unnötiger Medikamentenabgaben
- Förderung der Therapietreue
- Beratung zu korrekter Anwendung und Lagerung
- Unterstützung von Prävention und Gesundheitsförderung
- Vermeidung von Arzneimittelverschwendung
Jede vermiedene Fehlanwendung und jede nicht vernichtete Packung spart Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Produktion bis zur Entsorgung.
Kompakt
Nachhaltigkeit in der Apotheke bedeutet weit mehr als Recycling oder papierlose Prozesse. Green Pharmacy verbindet Umweltverantwortung, wirtschaftliche Effizienz und gesellschaftliches Engagement. Gerade Schweizer Apotheken verfügen über zahlreiche Möglichkeiten, ihren ökologischen Fussabdruck zu reduzieren und gleichzeitig ihre Rolle als moderne Gesundheitsdienstleister zu stärken. Die Zukunft nachhaltiger Gesundheitsversorgung beginnt nicht erst in Politik und Industrie. Sie beginnt jeden Tag am Apothekentresen.
Referenzen
- Health Care Without Harm. Health Care’s Climate Footprint – How the Health Sector Contributes to the Global Climate Crisis and Opportunities for Action. 2019.
- Bundesamt für Umwelt (BAFU). Mikroverunreinigungen in Schweizer Gewässern – Massnahmen und Herausforderungen. Bern.
- World Health Organization (WHO). Antimicrobial Resistance and the Environment. Genf, aktuelle Fachberichte.
- International Energy Agency. Energy Efficiency 2024 – Lighting Sector Analysis.