Hippokrates und der Eid, den niemand mehr schwört
Jeder Arzt schwört den Hippokratischen Eid – heisst es. Stimmt nicht. Und „Primum non nocere"? Hat Hippokrates auch nie geschrieben. Eine kleine Reise zu einem grossen Missverständnis.
Eckpunkte
- Der Hippokratische Eid in seiner antiken Form wird heute praktisch nirgends mehr geleistet.
- Was geschworen wird, ist die Genfer Deklaration des Weltärztebundes von 1948 – ein vollständiger Neutext.
- „Primum non nocere" stammt nicht aus dem Eid. Die nächste Stelle findet sich in den „Epidemien".
- Was die Genfer Deklaration vom Eid übernommen hat, ist sein Kerngedanke: Der Patient steht an erster Stelle.
Stellen Sie sich vor, ein 62-jähriger Arzt aus Kos käme heute zu Besuch. Bart, Sandalen, eine Papyrusrolle unter dem Arm. Sie sagen ihm, dass jeder Arzt auf diesem Planeten immer noch seinen Eid schwört. Er müsste sich setzen.
Und das wäre, wissenschaftlich betrachtet, eine kleine Notlüge.
Denn der Hippokratische Eid, dieser feierliche Text, den angeblich jeder Medizinstudent am Ende seines Studiums hochhält wie ein Pfadfinder das Versprechen – wird heute praktisch nirgends mehr in seiner antiken Form geleistet. Was geleistet wird (und auch das nicht überall verbindlich), ist die Genfer Deklaration. Sie wurde 1948 vom Weltärztebund formuliert, mehrfach überarbeitet, zuletzt 2017. Sie trägt Hippokrates’ Namen ungefähr so, wie ein Restaurant „Bei Mama" heisst: aus Pietät und Marketing.
Die Originalfassung hätte einem modernen Ärzteverband nämlich einigermassen Mühe gemacht.
Da ist zunächst die Eingangsformel: „Ich schwöre bei Apollon dem Arzt, bei Asklepios, bei Hygieia und Panakeia." Vier Götter, gleich auf den ersten Zeilen. Im Plenum der Genfer Versammlung von 1948 dürfte das, vorsichtig formuliert, nicht mehrheitsfähig gewesen sein.
Dann das berühmte chirurgische Verbot: „Ich werde nicht schneiden, auch nicht Blasensteine." Hippokrates hielt die Operation für etwas, das man Spezialisten überlassen solle – ein Standpunkt, mit dem heutige Chirurgen schlecht leben könnten.
Es folgt die wirtschaftlich heikelste Klausel: Der Arzt verpflichtet sich, seinen Lehrer zu versorgen wie einen Vater. Und dessen Söhne ohne Honorar zu unterrichten. Sie können sich vorstellen, wie diese Idee in einer Welt mit Lohnstrukturen und FMH-Statistik aufgenommen würde.
Und dann ist da noch dieser eine Satz, den jeder zu kennen glaubt: Primum non nocere. Erstens nicht schaden.
Steht nicht im Eid.
Steht überhaupt nicht in den überlieferten Schriften des Hippokrates – jedenfalls nicht so. Was wirklich da steht, findet sich in den „Epidemien", und es klingt deutlich pragmatischer: helfen, oder zumindest nicht schaden. Aus diesem nüchternen Klinikermotto wurde irgendwann zwischen Galen und der Renaissance ein lateinisches Bonmot, das sich besser auf Kühlschrankmagnete prägen lässt.
Was übrig bleibt, wenn man die Götter, das Chirurgieverbot, die Erbnachfolge und das berühmteste Zitat der Medizingeschichte abzieht – das ist die Genfer Deklaration. Sie hat einen Kernsatz, und sie meint ihn ernst: Die Gesundheit und das Wohlergehen meines Patienten stehen für mich an erster Stelle.
Das ist, wenn man genau hinsieht, dasselbe in neu: die Sache, um derentwillen Hippokrates den ganzen Text damals überhaupt geschrieben hat. Den Patienten an die erste Stelle setzen. Nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Berufsethos.
Insofern hat unser Gast aus Kos durchaus Grund, sich wieder hinzusetzen – diesmal aus Erleichterung. Sein Lieblingsgedanke hat 2'400 Jahre überlebt. Nur ist er jetzt knapper formuliert, weniger götterlastig, und stammt ausdrücklich aus Genf.
Was bleibt, ist ein hübsches Beispiel dafür, wie Tradition funktioniert. Man behält den Namen. Man behält die Idee. Man wirft den Rest weg. Und alle nicken weiterhin ehrfürchtig.
Vielleicht ist das ohnehin das Lehrreichste an der Geschichte. Nicht jeder geflügelte medizinische Satz stammt von dem, dem er zugeschrieben wird. Nicht jeder feierliche Eid wird tatsächlich geleistet. Und nicht jede Tradition ist so alt, wie sie tut.
Aber der Kerngedanke – Patient zuerst – ist deutlich älter als Genf.
Und deutlich aktueller als Apollon.
Lust auf solche Geschichten als kurze Videos? Komm mit uns und Mia von pharmapunk in die Vergangenheit auf Tiktok und auf Instagram. Wir besuchen historische Persönlichkeiten bei ihren Entdeckungen.
Referenzen
- Hippokrates, „Epidemien" Buch I
- Weltärztebund, „Declaration of Geneva" (1948, zuletzt revidiert 2017)
- Encyclopædia Britannica, Hippocratic Oath


