Impfskepsis in der Apotheke: Vom Reflex zur Strategie
Mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung hat Schwierigkeiten im Umgang mit Impfinformationen. Die Apotheke ist ein zentraler Kontaktpunkt. Ab 2027 wird die Apotheken-Impfung durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung gedeckt, was die Bedeutung einer effektiven Impfberatung weiter erhöht.

Eckpunkte
- Impfskepsis ist ein Spektrum; die grösste Gruppe der Unentschiedenen (ca. 60% in der Schweiz) ist die Hauptzielgruppe der Beratung.
- Motivational Interviewing (MI) ist die evidenzbasierte Methode der Wahl, um die intrinsische Motivation zur Impfung zu stärken, ohne zu drängen.
- Die KVG-Revision ab 2027 macht Apothekenimpfungen OKP-pflichtig, was die Nachfrage und die Bedeutung qualifizierter Beratung massiv erhöhen wird.
- Apotheken müssen strukturell und personell auf die steigende Nachfrage und die Anforderungen einer MI-konformen Beratung vorbereitet sein.
Mehr als die Hälfte der Schweizer Wohnbevölkerung – nach der BAG-Impfkompetenz-Studie 2024 exakt 51 Prozent – hat Schwierigkeiten im Umgang mit Impfinformationen. 63 Prozent finden es schwierig, die Vertrauenswürdigkeit dieser Informationen zu beurteilen. Der Anteil der dezidierten Impfkritiker ist seit 2018 von 10 auf 7 Prozent leicht gesunken; gleichzeitig ist die Gruppe der unentschiedenen Verunsicherten deutlich gewachsen, und in der Wellcome-Global-Monitor-Erhebung von 2018 hielten 22 Prozent der Schweizer Impfstoffe für unsicher – europaweit der zweithöchste Wert nach Frankreich. In dieser Konstellation hat die Schweizer Offizin eine spezifische Rolle. Sie ist niederschwellig, sie ist häufig der erste – manchmal einzige – Kontaktpunkt einer ambivalenten Person mit einer Fachperson, und ab dem 1. Januar 2027 wird die Apotheken-Impfung (Impfakt und Impfstoff) durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung gedeckt sein, sofern die Impfung gemäss Schweizerischem Impfplan empfohlen ist. Damit verschiebt sich die Beratungsfrage: Es geht nicht mehr nur darum, ob man impfen darf, sondern wie man Impfgespräche so führt, dass sie wirken.
Klinischer und epidemiologischer Hintergrund
Impfskepsis ist 2019 von der WHO zu einer der zehn grössten globalen Gesundheitsbedrohungen erklärt worden. Die WHO definiert Vaccine Hesitancy nicht als binäre Ablehnung, sondern als ein Verhaltensspektrum zwischen voller Akzeptanz und voller Ablehnung. Innerhalb dieses Spektrums sind drei Gruppen klinisch besonders relevant: vollständige Akzeptanz mit Bestätigungsbedürfnis («Ich impfe, brauche aber kurz die Bestätigung»), Ambivalenz («Ich bin unsicher») und Ablehnung mit Begründungsbedürfnis («Ich impfe nicht, aber ich möchte verstanden werden»). Die Mehrzahl der Personen, denen die Apotheke begegnet, gehört zur mittleren, unentschiedenen Gruppe.
Die Schweizer Datenlage entspricht diesem Muster. Die BAG-Impfkompetenz-Studie 2024 zeigt, dass 51 Prozent der Bevölkerung Schwierigkeiten haben, Impfinformationen einzuordnen, und dass 63 Prozent es als schwierig empfinden, deren Vertrauenswürdigkeit zu beurteilen; das Erkennen von Falschinformationen wird als ähnlich anspruchsvoll erlebt. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Ärzteschaft mit 85 Prozent Nutzung die mit Abstand wichtigste Informationsquelle für Impfentscheidungen bleibt, gefolgt mit deutlichem Abstand von Gesundheitsbehörden (38 %), dem persönlichen Umfeld (36 %) und Internetquellen (34 %). Die Apotheken sind in dieser Studie nicht separat ausgewiesen, sind aber in der Realität eine wachsende Beratungsinstanz. Seit Herbst 2015 dürfen Schweizer Apotheker mit FPH-Fähigkeitsausweis «Impfen und Blutentnahme» oder eidgenössischem Diplom ab Jahrgang 2022 in fast allen Kantonen ausgewählte Impfungen verabreichen – Stand März 2026 ist das Spektrum kantonal unterschiedlich (von Grippe und FSME bis zu HPV, Masern, Pneumokokken, Tetanus und Hepatitis A/B). Voraussetzung sind kantonale Bewilligung, gültiges BLS-AED-Zertifikat (zwei Jahre) und entsprechende Räumlichkeiten. Per 31. Dezember 2024 waren in der Schweiz 7'341 Apothekerinnen und Apotheker mit Berufsausübungsbewilligung im MedReg registriert.
Die strukturelle Hürde war bisher die Finanzierung: Apotheken-Impfungen mussten von den Patienten selbst bezahlt oder über Zusatzversicherungen abgerechnet werden. Mit der KVG-Revision vom 21. März 2025 ändert sich das: Voraussichtlich ab 1. Januar 2027 werden Impfakt und Impfstoff in der Apotheke durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung gedeckt, sofern die Impfung gemäss Schweizerischem Impfplan empfohlen ist. Die pharmaSuisse-Erhebung 2024 quantifizierte das Nachfragepotenzial: 74 Prozent der Bevölkerung würden sich unter dieser Bedingung in der Apotheke impfen lassen – das entspricht einer Verdopplung der aktuellen Inanspruchnahme.
Das Spektrum der Impfskepsis: Vier Beratungstypen
Eine erste, beratungsrelevante Differenzierung der Impfskepsis hilft, das Gespräch sofort auf die richtige Spur zu setzen. Klinisch und kommunikativ unterscheiden sich vier Idealtypen, denen die Apothekenfachperson typischerweise begegnet:
1. Bestätigungssuchend. Diese Personen sind grundsätzlich impfbereit, brauchen aber kurz eine Fachbestätigung. Die Gesprächsdauer ist kurz (ein bis zwei Minuten), die Aufgabe lautet: kurze, sachliche Bestätigung, gegebenenfalls Verweis auf konkrete Datenquellen wie infovac.ch oder den Impfplan-Auszug.
2. Verunsichert / unentschieden. Diese Gruppe ist die mit Abstand grösste (in der Schweiz rund 60 Prozent der Bevölkerung). Sie ist offen für ein Gespräch, hat aber spezifische Ängste oder Wissenslücken: Nebenwirkungen, mRNA-Technologie nach Covid, kindliche Impfdichte, Autoimmun-Erkrankungen, lokale Impfreaktionen. Die Beratungsaufgabe ist hier am produktivsten – und am zeitaufwendigsten. Hier ist Motivational Interviewing (MI) die methodische Antwort.
3. Selektiv ablehnend. Diese Personen lehnen eine bestimmte Impfung ab, andere nicht. Häufige Konstellationen: HPV-Impfung beim eigenen Kind, Influenza-Impfung bei älteren Personen, COVID-Auffrischung nach Erstimpfung. Die Beratungsaufgabe besteht darin, die spezifische Ablehnung von einer pauschalen Impfablehnung abzugrenzen und die selektive Argumentation zu adressieren.
4. Grundsätzlich ablehnend. Diese Gruppe ist klein (etwa 7 Prozent in der Schweiz). Die Aufgabe der Apotheke ist hier nicht die Bekehrung – die Evidenz für die Erfolgsaussicht eines einmaligen, sechsminütigen HV-Gesprächs ist gering. Die Aufgabe ist Respekt für die Autonomie, Bereitstellung einer Türöffner-Frage, Dokumentation der Beratung, und – wenn klinisch indiziert – das Angebot einer ärztlichen Konsultation.
Motivational Interviewing (MI): Methode und Evidenz
Motivational Interviewing (MI) wurde in den 1980er Jahren von William Miller im Kontext der Suchttherapie entwickelt und ist seit den 2010er Jahren auch in der Impfberatung intensiv evaluiert worden. Es ist eine patientenzentrierte Kommunikationsweise mit dem Ziel, die intrinsische Motivation einer Person zur Verhaltensveränderung zu stärken, ohne sie zu drängen.
Der zentrale Schlüssel ist die Unterdrückung dessen, was die MI-Literatur den righting reflex nennt – den professionellen Impuls, eine Fehlinformation sofort zu korrigieren oder eine Person mit Argumenten zur Impfung zu überzeugen. Empirisch verstärkt dieser Reflex die Reaktanz und die Ablehnung. Die wirksamere Strategie ist eine geführte (nicht direktive) Gesprächsführung, die vier Prinzipien folgt: Partnerschaft, Akzeptanz, Mitgefühl und Evokation – kurz «MI-Spirit».
Methodisch operationalisiert MI diesen Spirit über vier Mikro-Techniken, die unter dem Akronym OARS zusammengefasst werden:
O – Open Questions. Offene, nicht-suggestive Fragen statt geschlossener. «Was beschäftigt Sie an der Impfung?» statt «Sind Sie gegen die Impfung?». Eine Open Question öffnet einen Raum, in dem die Person ihre eigenen Bedenken artikulieren kann.
A – Affirmations. Bestätigende, nicht schmeichelnde Anerkennung der Mühe, die jemand sich macht. «Es ist wertvoll, dass Sie sich mit dieser Entscheidung so gründlich auseinandersetzen.» Das senkt Reaktanz und etabliert eine Beziehung auf Augenhöhe.
R – Reflective Listening. Aktives, paraphrasierendes Spiegeln des Gesagten. «Sie sorgen sich also vor allem darüber, dass Ihr Sohn als Junge eine Impfung bekommen soll, von der Sie ursprünglich dachten, sie sei eine Mädchen-Impfung.» Reflective Listening signalisiert Verstanden-Werden und gibt der Person die Möglichkeit, ihre eigene Position zu hören und gegebenenfalls zu modifizieren.
S – Summaries. Kurze, zusammenfassende Reflexionen am Ende einer Gesprächsphase, die die Position der Person rekapitulieren und die Brücke zur nächsten Phase schlagen.
Eine konkrete MI-Technik, die in der Impfberatung gut funktioniert, ist die Importance-Confidence-Skala: «Auf einer Skala von 0 bis 10 – wie wichtig wäre Ihnen, dass Ihr Kind diese Impfung bekommt?» Bei einer mittleren Antwort wie «5» lautet die produktive Folgefrage nicht «Warum nicht höher?» (das aktiviert Verteidigung), sondern: «Was lässt Sie eine 5 sagen statt einer 2?» Das stimuliert sogenanntes Change Talk – die Person artikuliert eigene Gründe für die Impfung.
Evidenz für MI in der Impfberatung: Die PROMOVAC-Studie aus Quebec (Gagneur et al., BMC Public Health 2018; Lemaitre et al. für die Langzeit-Coverage, Hum Vaccin Immunother 2019) zeigte für eine standardisierte 15-minütige MI-Intervention im postpartalen Setting eine Reduktion der Impfzögerlichkeit bei den Müttern um 40 Prozent und eine signifikante Erhöhung der Säuglings-Durchimpfung mit 7 Monaten von 74 auf 80 Prozent; gleichzeitig sank die parentale Impf-Apprehension von 16 auf 5 Prozent. Eine 2024 publizierte Anwendungsstudie in acht US-Apotheken (MOTIVE-Tool von Chen und Mitarbeitenden, n=362 dokumentierte Gespräche) ergab als unmittelbare Outcomes: 35.4 Prozent der Personen liessen sich nach dem Gespräch im selben Termin impfen, 26 Prozent planten einen baldigen Termin, 25.1 Prozent prüften die Impfung weiter, nur 13.5 Prozent blieben uninteressiert. Die Hauptgründe für die Skepsis waren in dieser Studie: Sicherheit (39 %), Versorgungskoordination (31.5 %) und Wirksamkeit (30.4 %).
Praktischer Zeitrahmen: Eine MI-konforme Beratung erfordert nicht 30 Minuten. Mehrere Studien zeigen, dass auch brief MI von 5–10 Minuten Dauer signifikante Effekte haben kann – ein Zeitrahmen, der mit dem Schweizer Apotheken-HV vereinbar ist, besonders nach Etablierung der OKP-pflichtigen Impfberatung ab 2027.
Was im HV häufig gefragt wird – mit konkreten MI-Beispielen
Vier typische Beratungssituationen in der Schweizer Offizin – mit konkreten MI-Beispielen:
1. Die HPV-skeptische Mutter eines 13-jährigen Jungen
Eine Mutter, ca. 38 Jahre, kommt mit einem Brief der Schulärztin in die Apotheke. Ihr Sohn soll die HPV-Impfung erhalten. Sie sagt: «Mein Sohn ist ein Junge. Wozu HPV? Und ich habe gelesen, dass Mädchen nach der Impfung Autoimmun-Erkrankungen bekommen.» — Offene Frage: «Was möchten Sie für Ihren Sohn entscheiden – und was ist Ihnen dabei am wichtigsten?» Reflective Listening: «Sie wollen also vor allem sicher sein, dass eine Impfung für Ihren Sohn medizinisch sinnvoll ist und keinen Schaden anrichtet – das ist eine gute Grundhaltung.» Fachliche Bestätigung in kurzer Form: HPV-Impfung in der Schweiz seit 1. Januar 2024 Basisimpfung auch für Jungen 11–14 Jahre mit 2-Dosen-Schema (analog zu Mädchen); Nachholimpfung 15–19 Jahre mit 3-Dosen-Schema (oder off-label 2 Dosen), ergänzende Impfung 20–26 Jahre – nicht mehr nur eine ergänzende Empfehlung wie zuvor. Schätzungen: 80–180 vermeidbare Krebsfälle pro Jahr bei Männern in der Schweiz (Anal-, Penis-, Oropharyngealkarzinome). Zur Autoimmun-Frage: Die systematische Übersicht von Phillips und Mitarbeitenden (Drug Saf 2018) wertete 109 Studien aus, darunter 15 populationsbasierte Studien mit über 2.5 Millionen geimpften Personen in sechs Ländern – ohne konsistente Evidenz für ein erhöhtes Risiko von Autoimmun-Erkrankungen oder anderen adverse events of special interest. Autonomie-Wahrung: «Sie müssen das nicht heute entscheiden. Welche Information würde Ihnen helfen, ruhig zu entscheiden?»
2. Der 67-jährige Diabetiker mit Pneumokokken-Empfehlung
Herr B., 67, langjähriger Stammkunde, Typ-2-Diabetiker unter Metformin, Insulin glargin und Atorvastatin. Auf Hinweis der Hausärztin soll er eine Pneumokokken-Impfung bekommen. Er sagt: «Mein Schwager hat sich impfen lassen und war drei Tage krank. Ich brauche das nicht.» — Importance-Skala: «Auf einer Skala 0 bis 10 – wie wichtig wäre Ihnen, eine schwere Lungenentzündung zu vermeiden?» Antwort: «7.» Folgefrage: «Was lässt Sie eine 7 sagen statt einer 3?» Patient: «Naja, mein Vater ist mit 72 an einer Lungenentzündung gestorben.» — Damit ist Change Talk aktiviert. Fachliche Einordnung: Konjugatimpfstoff PCV20 ist seit 2024 für ≥65-Jährige in der Schweiz die Empfehlung; die aktualisierte EKIF-Stellungnahme vom 23.2.2026 differenziert nach Alters- und Risikogruppen. Diabetiker gehören zu den expliziten Risikogruppen. Übliche Reaktion: Lokalreaktion an der Einstichstelle, leichte Müdigkeit für 24–48 Stunden – das deckt sich mit der Erfahrung des Schwagers.
3. Die postcovid-müde Mittelschicht-Patientin bei der Grippeimpfung
Frau M., 52, kommt im Oktober für die Grippeimpfung, hat aber sichtbar Vorbehalte. Sie sagt: «Nach der Covid-Impfung war ich drei Wochen müde. Ich weiss nicht, ob ich das wieder will.» — Reflective Listening: «Drei Wochen Müdigkeit ist eine sehr unangenehme Erfahrung – das verstehe ich.» Nicht: «Aber Studien zeigen, dass das selten ist.» – das wäre der righting reflex. Open Question: «Was hat sich für Sie damals durch die Müdigkeit verändert?» Hört zu. Fachliche Differenzierung erst danach: Influenza-Impfstoffe (inaktiviertes Spaltvakzin oder Subunit-Impfstoff) sind technologisch grundverschieden von mRNA-Vakzinen. Die Reaktogenität ist generell milder; klinisch dokumentierte Müdigkeit nach Grippeimpfung dauert in der Regel 24–48 Stunden. Bei Frau M. wäre eine «low dose»-Strategie – Termin am späten Freitagnachmittag, Wochenende zum Ausruhen – ein konkretes Entgegenkommen, das Autonomie und Bedenken respektiert.
4. Die jüngeren Eltern mit dem Säugling und der 1. MMR-Dosis
Eine Mutter, ca. 33 Jahre, kommt in die Apotheke, ihr 9 Monate alter Sohn soll die 1. MMR-Dosis bekommen (Empfehlung seit 2019 vorgezogen auf 9 Monate). Sie sagt: «So früh schon? Mein Mann und ich sind unsicher.» — Offene Frage: «Was beschäftigt Sie an dem Zeitpunkt 9 Monate?» Hört zu. Häufig kommt: Sorge wegen zu junger Säuglinge, kindliche «Impf-Last». Affirmation: «Sie machen sich Gedanken, das gehört zu einer guten Elternentscheidung.» Fachliche Information knapp: Seit Januar 2019 wird die MMR-Erstimpfung in der Schweiz mit 9 Monaten empfohlen (vorher 12 Monate), die zweite Dosis mit 12 Monaten. Hintergrund: Frühere Studien zeigten, dass der mütterliche Antikörperschutz bei vielen Säuglingen schon vor dem 12. Lebensmonat unzureichend ist – die Vorverlegung soll vor allem eine Schutzlücke schliessen. Schweizer Masernfälle 2024: 87, vs. 0 in 2021/22. Die nationale 2-Dosen-Durchimpfung bei 2-Jährigen lag 2023 bei 91% – der Schwellenwert für Herdenimmunität (95 %) ist noch nicht erreicht. Autonomie-Wahrung: «Wenn Sie zu Hause noch ein paar Tage darüber reden möchten – Sie können den Termin auch bei Ihrer Hausärztin oder uns hier um zwei Wochen verschieben, ohne dass etwas Schlimmes passiert.»
Schweizer Versorgungs- und Tarif-Realität
Die Schweizer Versorgungs- und Tarifrealität rund um die Apothekenimpfung hat in den letzten zwei Jahren einen tektonischen Schritt gemacht.
Bisherige Tarif-Realität (bis Ende 2026): Apothekenimpfungen sind im Wesentlichen Selbstzahler-Leistungen. Personen bezahlen Impfakt und Impfstoff aus eigener Tasche oder über Komplementär-/Zusatzversicherungen. Einzelne Kantone haben Pilotprojekte gefördert; einzelne Krankenversicherer haben über Bonus-Programme oder Komplementärtarife Erstattungen gewährt. Diese Konstellation hat das Nachfragepotenzial faktisch beschränkt: Laut pharmaSuisse-Erhebung 2024 hat etwa ein Viertel der Schweizer Bevölkerung sich schon einmal in einer Apotheke impfen oder beraten lassen – das Interesse ist mit 50 Prozent doppelt so hoch. 74 Prozent würden sich unter OKP-Deckung in der Apotheke impfen lassen.
Neue Tarif-Realität (ab voraussichtlich 1.1.2027): Mit der Verabschiedung des zweiten Massnahmenpakets zur Kostendämpfung durch das Parlament am 21. März 2025 wird die Apothekerleistung Impfen – konkret: Impfakt und Impfstoff – durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung gedeckt, sofern die Impfung gemäss Schweizerischem Impfplan empfohlen ist. Die genauen tariflichen Modalitäten (LOA V Position, kantonale Differenzierungen, Pharma-Assistenz unter Aufsicht) werden derzeit von pharmaSuisse, dem BAG und den Kantonen ausgearbeitet.
Berufsausübungsvoraussetzungen für Apothekerinnen und Apotheker, die in der Schweiz impfen wollen: FPH-Fähigkeitsausweis «Impfen und Blutentnahme» oder eidgenössisches Diplom ab Jahrgang 2022 (in dem die Impfausbildung Bestandteil des Grundstudiums ist); zudem gültiges SRC-anerkanntes BLS-AED-Zertifikat (Gültigkeit 2 Jahre); kantonale Bewilligung pro Apotheke; geeignete Räumlichkeiten mit Liegemöglichkeit, Notfallset, Sondermüllbehälter. Die Fortbildungspflichten werden für FPH-Inhaberinnen und -Inhaber durch FPH Offizin kontrolliert. Per 31. Dezember 2024 waren in der Schweiz 7'341 Apothekerinnen und Apotheker mit Berufsausübungsbewilligung im MedReg registriert. Eine aktuelle, kantonsspezifische Übersicht der erlaubten Impfungen pro Kanton publiziert pharmaSuisse fortlaufend.
Welche Impfungen werden in der Apotheke verabreicht? Stand März 2026 sind die häufigsten Apotheken-Impfungen in der Schweiz: Saisonale Influenza, FSME, Pertussis (Tdpa), Hepatitis A/B, MMR-Nachholimpfungen, Pneumokokken, HPV – in einzelnen Kantonen auch RSV (für Erwachsene) und Reisemedizin (Typhus, Tollwut Prä-Expositions-Prophylaxe, Cholera). Die Liste pro Kanton variiert; pharmaSuisse pflegt eine aktualisierte Übersicht unter pharmaSuisse.org/de/impfberatung.
Sicherheit, Kontraindikationen, Notfall-Management
Klinische Voraussetzungen für die Apothekenimpfung in der Schweiz: Triage über Fragebogen vor jeder Impfung; Ausschluss von Schwangerschaft (bei Lebendimpfstoffen), akuten Infekten mit Fieber >38.5 °C, bekannten schweren Allergien gegen Impfstoffbestandteile, immunsuppressiver Therapie (bei Lebendimpfstoffen). Eine Sitzmöglichkeit, die sich in eine Liegeposition bringen lässt, sowie ein Notfallset (mit Adrenalin-Autoinjektor und Antihistaminikum) sind in der Apotheke Pflicht.
Häufige Nebenwirkungen sind über die Impfstoffklassen vergleichbar: Lokalreaktion an der Einstichstelle (Schwellung, Rötung, Schmerz) in 20–80%, leichte systemische Reaktion (Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, leichtes Fieber) in 10–40%, beides selbstlimitierend über 24–48 Stunden. Diese Reaktionen sind Ausdruck der erwünschten Immunantwort und sollten in der Beratung nicht beschwichtigt, sondern eingeordnet werden – das stärkt die Glaubwürdigkeit der Beratung.
Anaphylaxie ist sehr selten: Die internationale Literatur gibt die Inzidenz nach Impfungen mit etwa 1–5 pro 1 Mio. Dosen an (Grössenordnung, je nach Impfstoff und Kohorte variabel). Sie tritt in der Regel innerhalb von 15–30 Minuten nach der Injektion auf – deshalb die Empfehlung der 15–30-minütigen Nachbeobachtung in der Apotheke (Liege-/Sitzmöglichkeit nötig). Die Apotheke muss BLS-AED-zertifiziertes Personal vorhalten und das Notfallprozedere geübt haben.
Interaktionen mit Dauermedikation: Klinisch relevante Interaktionen sind bei Standard-Impfstoffen selten. Vorsicht bei Personen unter immunsuppressiver Therapie (Methotrexat, Biologika, hochdosierte systemische Glucocorticoide >20 mg Prednison-Äquivalent/Tag): Lebendimpfstoffe (MMR, Varizellen, Gelbfieber) sind kontraindiziert, Totimpfstoffe sind zulässig, können aber eine reduzierte Immunogenität haben. Bei oralen Antikoagulanzien (VKA, DOAK) ist intramuskuläre Injektion möglich, aber die feine Nadel und sanfte Kompression nach Injektion sind wichtig – das Risiko eines schweren Hämatoms ist minimal und kein Kontraindikator.
Dokumentation ist zentral: Jede Apothekenimpfung wird im Patientendossier, im (digitalen oder analogen) Impfausweis und – wenn vom Kanton verlangt – in einem kantonalen System dokumentiert. Die elektronische Dokumentation, z.B. über viavac.ch, wird zunehmend Standard.
Praxistool: Beratungssituationen, MI-Techniken und Formulierungen
| Beratungssituation | Empfohlene MI-Technik | Konkrete Formulierung | Hinweise / Tarif |
|---|---|---|---|
| Bestätigungssuchend (1–2 Min.) | Affirmation + kurze Fachbestätigung | «Sehr gut, dass Sie die Empfehlung beachten. Die Impfung ist gemäss Plan korrekt.» | Standard-HV-Beratung, ab 2027 OKP-pflichtig wenn gemäss Impfplan |
| Verunsichert / unentschieden (5–10 Min.) | OARS + Importance-Skala | «Was beschäftigt Sie an der Impfung am meisten?» – «Auf 0–10, wie wichtig wäre das?» | Hauptanwendungsfeld MI; Evidenz: PROMOVAC −40% Hesitancy |
| Selektiv ablehnend (5–10 Min.) | Differenzierte OARS, Reflective Listening | «Sie unterscheiden zwischen den Impfungen – was ist es bei dieser Impfung im Speziellen?» | Spezifische Argumente identifizieren; nicht pauschal antworten |
| Grundsätzlich ablehnend (2–3 Min.) | Autonomie-Respekt, Türöffner-Frage | «Ich respektiere Ihre Entscheidung. Welche Information wäre für Sie überhaupt eine, die Sie ernst nehmen würden?» | Beratung kurz halten, dokumentieren; keine Bekehrungsversuche |
| Postcovid-Müdigkeitsangst (Influenza) | Reflective Listening + Technologie-Differenzierung | «Drei Wochen Müdigkeit ist eine sehr unangenehme Erfahrung. Influenza-Impfstoffe sind technologisch anders aufgebaut als mRNA – darf ich kurz erklären?» | Technologie-Differenzierung sehr häufiges Bedürfnis post-Covid |
| HPV-Skepsis bei Jungen-Eltern | Open Question + Faktenkorrektur sanft | «Was ist Ihnen bei Ihrem Sohn wichtig?» – Nach 1.1.2024 Basisimpfung auch für Jungen, 80–180 vermeidbare Krebsfälle/Jahr in CH | Häufiges Missverständnis «Mädchen-Impfung»; HPV-Impfung in Apotheke in 18 Kantonen möglich |
| Säuglings-Impfangst bei Eltern | OARS, Autonomie-Wahrung, Realistische Kontextualisierung | «Sie machen sich Gedanken – das gehört zu einer guten Elternentscheidung.» – «Was beschäftigt Sie konkret am Zeitpunkt 9 Monate?» | MMR-1. Dosis seit 2019 mit 9 Monaten; CH 2-Dosen-Quote 2-J. 91% |
| Senior mit Risiko-Komorbidität | Importance-Skala, persönliche Geschichte aktivieren | «Wie wichtig wäre Ihnen, eine schwere Lungenentzündung zu vermeiden?» – «Was lässt Sie diese Zahl sagen?» | Pneumokokken / RSV (kantonsabhängig) / Influenza; Risikoeinordnung gem. Impfplan 2026 |
| Reise-Impfberatung | OARS + konkrete Information | «Wohin reisen Sie, und wie lange? Was beschäftigt Sie am meisten?» | FSME, Hepatitis A/B, Tetanus-Auffrischung; in vielen Kantonen Apothekenleistung |
Ausblick 2026/2027
Drei Entwicklungen werden die Impfberatung in der Schweizer Offizin in den kommenden Jahren prägen.
Erstens: Die KVG-Revision vom 21. März 2025 mit der voraussichtlichen Aktivierung der OKP-Pflicht für Apothekenimpfungen am 1. Januar 2027 wird die Inanspruchnahme massiv erhöhen – pharmaSuisse erwartet eine Verdopplung. Das verlangt strukturell eine Aufrüstung der Apotheke: mehr Räumlichkeiten für die Impfberatung, geschultes Personal (FPH-Fähigkeitsausweis oder Diplom ab 2022), Notfall-Equipment, Dokumentationsinfrastruktur. Es verlangt aber auch eine Aufrüstung der Beratung selbst – das HV-Format mit kurzer Frage und schneller Antwort genügt nicht mehr. Eine MI-konforme Beratung verlangt 5 bis 10 Minuten ungestörter Zeit pro Person.
Zweitens: Der Schweizer Impfplan 2026 (publiziert Februar 2026) und die Ankündigung des Wegfalls der Factsheets ab 2026 verlagern die Informations- und Beratungslast stärker zu den niederschwelligen Anlaufstellen – Apotheken, Hausärztinnen und Hausärzte, Schulgesundheitsdienste. Die digitalen Ressourcen Infovac (infovac.ch) und das BAG-Bulletin werden zentraler. Apotheken sollten ein Kombi-Abonnement viavac®/InfoVac als Standard im Team haben (das von pharmaSuisse zum Vorzugspreis von CHF 103.– angeboten wird).
Drittens: Die Pharma-Assistenz wird zunehmend in die Impfdurchführung einbezogen. Seit der Covid-Pandemie haben mehrere Kantone den Pharma-Assistenten die Impfdurchführung unter Apotheker-Aufsicht erlaubt, sofern sie eine spezifische Fortbildung absolviert haben. Diese Delegation kann den Engpass an FPH-zertifizierten Apothekerinnen und Apothekern entschärfen und die Skalierung der Apothekenimpfungen ab 2027 ermöglichen.
Die Beratung bei Impfskepsis ist 2026 nicht mehr eine Randdisziplin. Sie ist – neben der akuten OTC-Beratung, der Medikationsanalyse und der Adhärenzförderung – eine der zentralen klinischen Kompetenzen, die die Schweizer Offizin in den nächsten Jahren prägen wird. Wer sie beherrscht, prägt nicht nur den eigenen Tarif, sondern auch die Versorgungsrealität der Schweiz.
Fall-Vignette
Frau S., 38, Mutter eines 13-jährigen Sohnes, kommt am Mittwochnachmittag um 16:30 Uhr in die Apotheke. Sie hat einen Brief der Schulärztin in der Hand: Empfehlung HPV-Impfung. Sie sagt: «Ich will das eigentlich nicht. Mein Sohn ist ein Junge. Und ich habe gelesen, dass Mädchen nach der HPV-Impfung Autoimmun-Erkrankungen bekommen. Können Sie mir kurz sagen, was Sie davon halten?»
Die Apothekerin nimmt sich Zeit. Sie bittet Frau S. an den Beratungstisch im Hinterraum. Sie öffnet das Patientendossier des Sohnes (im Computer hinterlegt, da die Familie Stammkundschaft ist). Sie sagt nicht: «Aber die HPV-Impfung ist sicher.» Sie sagt: «Was möchten Sie für Ihren Sohn entscheiden – und was ist Ihnen dabei am wichtigsten?»
Frau S. erzählt. Drei Minuten lang. Sie hat einen Artikel auf einer Facebook-Seite gelesen, der über junge Mädchen berichtet, die nach der HPV-Impfung an POTS, an chronischem Fatigue-Syndrom, an Multipler Sklerose erkrankt seien. Sie habe in ihrem Umfeld eine Bekannte, deren Tochter «nach der Impfung verändert» sei. Sie wisse, dass die Impfung von der Schule empfohlen werde, aber sie wolle das Sicherheits-Niveau besser verstehen.
Die Apothekerin macht das, was MI-Lehrbücher Reflective Listening nennen. Sie sagt: «Sie wollen also vor allem zwei Dinge wissen. Erstens, ob die Impfung für Ihren Sohn als Jungen überhaupt sinnvoll ist. Und zweitens, ob die Sicherheitsdaten verlässlich sind, weil Sie konkret von Schäden gehört haben. Habe ich das richtig verstanden?»
Frau S. nickt. Etwas in ihrer Haltung entspannt sich. Sie ist verstanden worden.
Die Apothekerin geht jetzt – und erst jetzt – zur fachlichen Antwort über. Sie sagt sachlich und kurz: «Seit dem 1. Januar 2024 ist die HPV-Impfung in der Schweiz Basisimpfung auch für Jungen 11 bis 14 Jahre mit einem 2-Dosen-Schema – analog zu den Mädchen. Im Alter 15 bis 19 Jahre wird sie als Nachholimpfung mit 3-Dosen-Schema empfohlen (alternativ off-label 2 Dosen). Der Grund für die Empfehlung bei Jungen ist, dass HPV-Viren bei Männern verschiedene Krebsarten verursachen können – Analkrebs, Peniskrebs und vor allem Krebs im Mund- und Rachenraum. Schätzungen für die Schweiz: 80 bis 180 vermeidbare Krebsfälle pro Jahr bei Männern. Bei Frauen geht es um die schon länger bekannten 300 Fälle pro Jahr, vor allem Gebärmutterhalskrebs.»
Sie pausiert. Lässt Raum. Frau S. fragt: «Und die Autoimmun-Geschichten?»
Die Apothekerin sagt: «Das ist eine sehr ernsthafte Frage. Die systematische Übersicht von Phillips und Mitarbeitenden im Drug Safety-Journal von 2018 hat 109 Studien ausgewertet, darunter 15 populationsbasierte Studien mit über zweieinhalb Millionen geimpften Personen aus sechs Ländern. In keinem dieser Datensätze wurde ein konsistenter Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für Autoimmun-Erkrankungen, neurologische Komplikationen oder andere schwere Ereignisse gefunden. Was es gibt, sind Einzelfälle, die zeitlich nach der Impfung auftraten – das ist nicht dasselbe wie ein kausaler Zusammenhang. Die statistische Auswertung muss zeigen, ob diese Fälle häufiger auftreten als ohne Impfung. Das ist mehrfach untersucht worden, und der Effekt fehlt.»
Sie pausiert wieder. «Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein einseitiges Faktenblatt von Infovac mitgeben, das genau diese Frage adressiert.»
Frau S. überlegt. «Ich nehme das Faktenblatt mit. Mein Sohn ist nicht hier, ich will ohnehin mit meinem Mann darüber reden. Können wir den Impftermin auf nächste Woche verschieben?»
Die Apothekerin nickt. «Selbstverständlich. Die Empfehlung von der Schulärztin ist nicht zeitkritisch. Wenn Sie nächste Woche oder in zwei Wochen kommen, sehen wir uns wieder. Sie können den Termin online buchen oder einfach unangemeldet vorbeischauen. Wenn Sie zwischendurch Fragen haben – hier ist meine Nummer.»
Frau S. geht mit dem Faktenblatt. Sie wirkt nicht überzeugt, aber sie wirkt auch nicht abgewehrt. Das ist nicht das Ende der Geschichte; es ist deren Anfang. Drei Wochen später ist sie zurück, gemeinsam mit ihrem Sohn, für die erste HPV-Dosis.
Drei Take-Aways aus dem Fall
- MI ersetzt nicht die Faktenlage. Aber MI schafft den Raum, in dem die Faktenlage gehört werden kann.
- Die Apothekerin hat nicht überzeugt. Sie hat eine Bedingung geschaffen, unter der Frau S. selbst zu einer informierten Entscheidung kommen konnte. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Verkaufsgespräch und Beratung.
- Drei Wochen sind eine adäquate, oft zwingend nötige Zeitspanne für Impfentscheidungen in der ambivalenten Gruppe. Die Apotheke muss das aushalten können – und ist mit ihrem niedrigschwelligen, wiederkehrenden Kontaktpunkt perfekt dafür positioniert.
Kompakt
- Impfskepsis ist kein Ja/Nein, sondern ein Spektrum – die Schweizer Daten zeigen: 7 % dezidierte Kritikerinnen und Kritiker, etwa 60 % unentschieden, die mittlere Gruppe ist die zentrale Zielgruppe der Beratung.
- Motivational Interviewing (MI) ist die am besten evidenzbasierte Beratungsmethode bei Impfskepsis: Partnerschaft, Akzeptanz, Empathie, Autonomie; OARS (Open Questions, Affirmations, Reflective Listening, Summaries); Importance-Skala; Suppress the righting reflex.
- PROMOVAC-Studie zeigt 40 % Reduktion der Impfskepsis durch 15-Minuten MI-Intervention; MOTIVE-Apothekenstudie 2024 zeigt 35 % unmittelbaren Impfentscheid bei vaccine-hesitant Personen.
- Schweizer Impfplan 2026 (publ. Februar 2026): RSV-maternale Impfung neu, Pneumokokken-Update, HPV-Jungen seit 2024 Basisimpfung, HPV-Impfziel auf 90 % erhöht.
- KVG-Revision 21.3.2025 → ab voraussichtlich 1.1.2027: Apothekerleistung Impfen (Impfakt + Impfstoff) OKP-pflichtig, sofern Impfung gemäss Schweizerischem Impfplan; 74 % der Schweizerinnen und Schweizer würden sich unter dieser Bedingung in der Apotheke impfen lassen.
- Voraussetzungen für die Apothekenimpfung in der Schweiz: FPH-Fähigkeitsausweis «Impfen und Blutentnahme» oder eidg. Diplom ab 2022, BLS-AED-Zertifikat, kantonale Bewilligung.
Referenzen
- Bundesamt für Gesundheit BAG (Hrsg.). Schlussbericht Impfkompetenz der Bevölkerung in der Schweiz 2024. Bern: BAG; 2025. (51 % der Bevölkerung mit Schwierigkeiten bei Impf-Informationsverarbeitung; 7 % dezidierte Impfkritiker:innen; 60 % unentschieden; 22 % Anstieg bei Verunsicherten seit 2018.)
- Wellcome Global Monitor (Hrsg.). How does the world feel about science and health? London: Wellcome Trust; 2018. (Schweiz 22 % «Impfstoffe nicht sicher» – Rang 2 in Europa nach Frankreich.) Ergänzend: Sotomo-/SRG-Corona-Monitor 2020–2021 mit detaillierter Schweizer Impfbereitschafts-Differenzierung post-Covid.
- Schweizerisches Parlament. Revision des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG), zweites Massnahmenpaket zur Kostendämpfung. Schlussabstimmung 21. März 2025; voraussichtliches Inkrafttreten 1. Januar 2027. Neue OKP-Leistungen für Apotheken: Impfen (Impfakt und Impfstoff), Medikationsanalyse, Medikationsabgleich, Therapieoptimierung, Adhärenzförderung (myCare Start), HPV/Darmkrebs-Screening. pharmaSuisse Medienmitteilung 21. März 2025.
- WHO SAGE Working Group on Vaccine Hesitancy. Report of the SAGE Working Group on Vaccine Hesitancy. Geneva: WHO; 2014. (Definition Vaccine Hesitancy als Spektrum; 3C-Modell: Confidence, Complacency, Convenience.) Ergänzend: WHO Ten threats to global health 2019.
- Gagneur A, Lemaître T, Gosselin V, Farrands A, Carrier N, Petit G, Valiquette L, De Wals P. A postpartum vaccination promotion intervention using motivational interviewing techniques improves short-term vaccine coverage: PromoVac study. BMC Public Health. 2018;18(1):811. DOI: 10.1186/s12889-018-5724-y. (Hauptpublikation der PROMOVAC-Strategie in Quebec; 15-Minuten-MI-Intervention im postpartalen Setting; n=2'800 Familien in vier Geburtshäusern; signifikante Erhöhung der Säuglings-Durchimpfung mit 7 Monaten von 74 % auf 80 %, Reduktion der parentalen Apprehension von 16 % auf 5 %.) Ergänzend für Langzeit-Coverage: Lemaitre T, Carrier N, Farrands A, Gosselin V, Petit G, Gagneur A. Impact of a vaccination promotion intervention using motivational interview techniques on long-term vaccine coverage: the PromoVac strategy. Hum Vaccin Immunother. 2019;15(3):732–739. Übersichtsartikel zum MI-Tool: Gagneur A. Motivational interviewing: a powerful tool to address vaccine hesitancy. Can Commun Dis Rep. 2020;46(4):93–97.
- Chen AMH, Anthony A, Balogun A, Pereira R, Cole JW. The Impact of Motivational Interviewing and MOTIVE Tool Use by Pharmacists on Vaccine Acceptance. Pharmacy (Basel). 2024;12(4):114. DOI: 10.3390/pharmacy12040114. (n=362 Apotheken-Encounter in acht US-Apotheken; primäre Skepsisgründe: Sicherheit 39 %, Versorgungskoordination 31.5 %, Wirksamkeit 30.4 %; unmittelbarer Impfentscheid bei 35.4 %, geplanter Impfentscheid bei 26 %.)
- Eidgenössische Kommission für Impffragen EKIF, Bundesamt für Gesundheit BAG. Schweizerischer Impfplan 2026. Bern: BAG; Februar 2026. (Wichtigste Neuerungen: RSV-maternale Impfung, aktualisierte Pneumokokken-PCV-Empfehlung, aktualisierte serologische Korrelate, Impfprinzipien für neuroimmunologische Erkrankungen; Wegfall der Factsheets ab 2026.)
- EKIF. Aktualisierte Stellungnahme zu verschieden-valenten Konjugatimpfstoffen (PCV) pro Altersgruppe. 23. Februar 2026. (Konkretisierung der PCV-Empfehlung für Kinder < 5 Jahre, Risikogruppen 5–17 Jahre, Senior:innen ≥ 65 Jahre.)
- EKIF / BAG. Stellungnahme zur HPV-Impfung. Bull BAG 2024;Nr. 3:22–29. (HPV-Impfung als Basisimpfung für Jungen 11–19 Jahre seit 1.1.2024; Schweizer Durchimpfung 16-Jährige 2020–2022: Mädchen 71 %, Jungen 49 %; Schätzung 300 vermeidbare Krebsfälle/Jahr bei Frauen, 80–180 bei Männern; Anhebung Impfziel von 80 % auf 90 % konform WHO Cervical Cancer Elimination Strategy.) Infovac/BAG-Factsheet HPV 2024.
- pharmaSuisse, Schweizerischer Apothekerverband. Fakten und Zahlen der Schweizer Apotheken 2025. Bern–Liebefeld: pharmaSuisse; 2025. (7'341 Apothekerinnen und Apotheker mit Berufsausübungsbewilligung per 31.12.2024; 25 % der Bevölkerung hat sich schon in Apotheke impfen/beraten lassen; Interesse 50 %; bei OKP-Deckung würden 74 % in Apotheke impfen lassen.)
- pharmaSuisse. Impfen und Impfberatung – Erlaubte Impfungen in der Apotheke nach Kantonen (Stand 10. März 2026). Verfügbar unter: pharmasuisse.org. Ergänzend: impfapotheke.ch (öffentliche Verzeichnisseite der Schweizer Impfapotheken); viavac.ch / Infovac (elektronisches Impfausweissystem; Kombi-Abonnement viavac®/InfoVac über pharmaSuisse CHF 103.– pro Jahr).
- Miller WR, Rollnick S. Motivational Interviewing: Helping People Change. 3rd ed. New York: Guilford Press; 2013. (Standardwerk MI; Spirit-Konzept Partnerschaft–Akzeptanz–Mitgefühl–Evokation; OARS-Techniken.)
- Kubes SE, et al. From vaccine hesitancy to vaccine motivation: A motivational interviewing based approach to vaccine counselling. Hum Vaccin Immunother. 2024;20(1):2391625. DOI: 10.1080/21645515.2024.2391625. (Übersichtsartikel mit konkreten Skill-Beispielen für die Impfberatung; Importance-Confidence-Skala; Change Talk.)
- Phillips A, Patel C, Pillsbury A, Brotherton J, Macartney K. Safety of Human Papillomavirus Vaccines: An Updated Review. Drug Saf. 2018;41(4):329–346. DOI: 10.1007/s40264-017-0625-z. (Systematische Übersicht zu 2vHPV-, 4vHPV- und 9vHPV-Impfstoffsicherheit; 109 Studien ausgewertet, davon 15 populationsbasierte Studien in über 2.5 Millionen geimpften Personen aus sechs Ländern; «no consistent evidence of an increased risk of any AESI, including demyelinating syndromes or neurological conditions such as complex regional pain or postural orthostatic tachycardia syndromes».) Ergänzend: Arnheim-Dahlstrom L, Pasternak B, Svanstrom H, Sparen P, Hviid A. Autoimmune, neurological, and venous thromboembolic adverse events after immunisation of adolescent girls with quadrivalent HPV vaccine in Denmark and Sweden: cohort study. BMJ. 2013;347:f5906.
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Masern – Übertragbare Krankheiten. Bern: BAG; März 2025. (Schweizer Masernfälle 2024: 87 vs. 26 in 2023, 0 in 2021/22; 2-Dosen-Durchimpfung 2-Jährige 91 %; Schwellenwert Herdenimmunität 95 % noch nicht erreicht.) Ergänzend: Infovac. Masern – Krankheit und Impfstoff. März 2026.
- Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion Kanton Bern. Merkblatt: Impfen in öffentlichen Apotheken. DI 0421-02, Version 04, gültig ab 1. März 2024. (Triage-Fragebogen, Räumlichkeiten, Notfall-Equipment, BLS-AED-Zertifikat, Pharma-Assistenz unter Aufsicht.) Ergänzend: FPH Offizin. Fähigkeitsausweis FPH Impfen und Blutentnahme.
- pharmaSuisse. Impfen in der Apotheke durch Pharma-Assistentinnen und Pharma-Assistenten. Konsultationsdokument. Bern: pharmaSuisse; 2023. (Voraussetzungen für die Pharma-Assistenz-Impfung unter Apotheker:innen-Aufsicht; während Covid-Pandemie in mehreren Kantonen erlaubt; perspektivische Skalierung ab 2027.)