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Zwischen Zecke und Zerfall: Kulturgeschichte der Selbstdiagnose

Jeden Tag betreten Menschen Apotheken mit einer Diagnose, die kein Mensch gestellt hat. Eine Würdigung des grössten Diagnostikers unserer Zeit, der nie eine Prüfung bestanden, nie eine Patientin gesehen und trotzdem mehr Menschen um den Schlaf gebracht hat als jede Fachgesellschaft.

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Mario Punch · August 19, 2026 · 6 min read
Zwischen Zecke und Zerfall: Kulturgeschichte der Selbstdiagnose

Eckpunkte

  • Selbstdiagnosen aus dem Internet führen oft zu unbegründeter Angst und verunsicherten Personen in der Apotheke.
  • Online-Recherchen können aber auch Patientinnen und Patienten helfen, korrekte Diagnosen für lange übersehene Krankheiten zu finden.
  • Die Aufgabe der Fachperson ist es, die Sorgen ernst zu nehmen, die Recherche der Patientin oder des Patienten wertzuschätzen und sie mit Fachwissen zu ergänzen.
  • Empathische Kommunikation, die die Person nicht abwertet, ist der Schlüssel zur erfolgreichen Beratung.

Es beginnt immer harmlos.

Ein leichtes Zucken im linken Augenlid, zwanzig Uhr, das Handy liegt ohnehin in der Hand. Man tippt «Augenlid zuckt». Google liefert 42 Millionen Treffer. Auf Platz eins steht Magnesiummangel, das wäre die vernünftige Version der Geschichte, aber wer liest schon Platz eins. Um 20.15 Uhr ist man bei Multipler Sklerose. Um 20.40 Uhr bei amyotropher Lateralsklerose. Um 21.30 Uhr auf einer Website, die nur aus Grossbuchstaben und einem Spendenbutton besteht.

Um 8.30 Uhr am nächsten Morgen steht diese Person in Ihrer Apotheke, mit dunklen Rändern unter beiden Augen, von denen eines immer noch zuckt, und sagt den Satz, der jede Offizin des Landes verbindet: «Ich weiss, Sie werden jetzt lachen, aber ich habe da etwas gelesen.»

Nein. Wir lachen nicht. Wir haben es alle schon gehört.

Die Typologie

Der Mann mit dem Ausdruck. Er kommt nie mit einer Frage, er kommt mit Belegen. Vierzehn Seiten, beidseitig, mit Leuchtstift markiert, darunter mindestens ein Forumsbeitrag von 2011 und eine Studie an sechs Ratten. Er hat die Studie nicht gelesen, aber er hat das Abstract gelesen, und das Abstract ist im entscheidenden Satz missverständlich. Er ist nicht dumm. Er ist gründlich. Das ist das Problem.

Die Rückwärts-Diagnostikerin. Sie hat die Diagnose zuerst und sucht anschliessend die Symptome. Sie hat gelesen, dass Histaminintoleranz sich durch Müdigkeit, Kopfschmerzen, Blähungen, Herzklopfen, Hautrötung, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen äussert, und stellt fest, dass all das auf sie zutrifft. Sie hat recht. Es trifft auf uns alle zu. Genau darin liegt der Charme jener Diagnosen, die alles erklären.

Der Symptom-Checker-Athlet. Er hat drei Apps und gibt in jede leicht abweichende Angaben ein, bis eine davon etwas Beruhigendes ausspuckt. Wenn keine es tut, gibt er das Symptom noch einmal ein und lässt das Fieber weg. Dieses Verfahren hat einen Namen, es heisst Datenmanipulation, und es wird in der Forschung deutlich strenger geahndet als am Küchentisch.

Die Angehörige per Stellvertretung. Sie ist nicht krank. Ihr Mann ist krank, er weiss es nur noch nicht. Sie beschreibt seine Symptome mit einer Präzision, die er selbst nie aufbringen würde, und sie hat vollkommen recht damit, dass er endlich zum Arzt sollte. Sie ist übrigens die wertvollste Kundin des Tages, denn ihre Verdachtsdiagnosen stimmen erstaunlich oft.

Der Selbstoptimierer. Er kommt nicht mit einer Krankheit, sondern mit einem Laborwert, den er sich privat hat messen lassen, und einer Bestellliste von neun Präparaten. Er hat kein Symptom. Er hat ein Ziel.

Und die Königsklasse: die TikTok-Diagnose. Ein Video von neununddreissig Sekunden, unterlegt mit trauriger Klaviermusik, Text: «5 Zeichen, dass dein Cortisol dich zerstört». Zeichen eins: Du bist müde. Zeichen zwei: Du hast Bauchfett. Zeichen drei: Du bist manchmal gereizt. Es folgt der Link zu einem Pulver.

Die schönsten Fehldiagnosen aus dem Alltag

Die Klassiker sind bekannt und trotzdem jedes Mal wieder grossartig.

Der Muskelkater nach dem ersten Skitag, der zur Borreliose wird, weil im Frühling ja Zecken kommen, und Skifahren ist ja irgendwie Natur. Das Kribbeln in der Hand, das nach vier Wochen Handynutzung im Liegen auftritt und einen Schlaganfall bedeutet. Der Zungenbelag, der auf eine systemische Pilzerkrankung hinweist, welche laut Internet für praktisch alle Beschwerden der Menschheit verantwortlich ist und sich ausschliesslich durch eine Diät behandeln lässt, bei der man nichts mehr essen darf, was Freude bereitet.

Besonders schön ist die Kategorie der geografisch unwahrscheinlichen Diagnosen. Der Herr aus dem Mittelland, der sicher ist, Malaria zu haben. Er war nie in einem Malariagebiet. Er war in Rimini. Er hatte aber Fieber, und Fieber steht in der Liste.

Und dann gibt es das Genre der Selbstdiagnose durch Ausschluss aller normalen Erklärungen. Kopfschmerzen können unmöglich vom Wein gestern kommen, weil es nur zwei Gläser waren, also drei, also im Grunde eine Flasche, aber guter Wein macht ja keinen Kopfschmerz.

Warum das passiert, und zwar nicht aus Dummheit

Der Grund liegt weniger bei den Menschen als bei den Werkzeugen.

In der bekanntesten Untersuchung dazu wurden 23 Symptom-Checker mit 45 standardisierten Fallvignetten geprüft. Die richtige Diagnose stand in 34 Prozent der Fälle an erster Stelle, in 51 Prozent unter den ersten drei und in 58 Prozent überhaupt unter den ersten zwanzig genannten Möglichkeiten. Die Triage-Empfehlung war ebenfalls in 58 Prozent korrekt, wobei die Systeme bei den kritischen Fällen besser abschnitten als bei den harmlosen.

Übersetzt: Zwei von drei Malen liegt der erste Vorschlag daneben, und in vier von zehn Fällen kommt die richtige Antwort in einer Liste von zwanzig gar nicht vor. Wer sich zusätzlich vor Augen führt, dass jedes dieser Systeme aus Haftungsgründen lieber einmal zu viel auf die Katastrophe hinweist als einmal zu wenig, versteht, warum aus einem zuckenden Augenlid eine neurodegenerative Erkrankung wird.

Dazu kommt die Ökonomie des Internets. Kein Algorithmus wird dafür belohnt, dass jemand beruhigt einschläft. Belohnt wird, wer weiterklickt. «Das ist harmlos, gehen Sie ins Bett» ist der schlechteste Content der Welt.

Und jetzt der unangenehme Teil

Bevor wir uns zu wohl fühlen: Dr. Google hat manchmal recht, und zwar peinlich oft in genau jenen Fällen, in denen die Fachwelt lange danebenlag.

Die Frau, die jahrelang starke Regelschmerzen als normal hingenommen hat und im Internet zum ersten Mal das Wort Endometriose liest. Die Erwachsene, die mit vierzig eine Erklärung für ein Leben voller verpasster Fristen findet. Die Person mit unklaren Beschwerden, die sich in einem Forum wiedererkennt, weil dort jemand exakt dieselbe seltsame Kombination beschreibt.

Diese Menschen sind nicht hysterisch. Sie sind Betroffene eines Systems, das ihnen jahrelang gesagt hat, es sei nichts. Das Internet hat ihnen ein Wort gegeben, und ein Wort ist der Anfang jeder Abklärung.

Die Kunst besteht also nicht darin, Selbstdiagnosen wegzulachen. Sie besteht darin, zwischen der Malaria aus Rimini und der Endometriose nach acht Jahren zu unterscheiden. Das können Suchmaschinen nicht. Menschen mit einer Fachausbildung schon.

Die Kunst, jemanden herunterzuholen, ohne ihn zu demütigen

Der schlechteste Satz lautet: «Das haben Sie sicher nicht.» Er stimmt meistens und hilft nie, weil er die Recherche entwertet und damit die Person.

Der beste Satz lautet ungefähr so: «Ihre Recherche war nicht falsch. Sie war nur unvollständig, weil das Internet Ihre Vorgeschichte nicht kennt. Erzählen Sie mir das mal von vorne.»

Danach hört man zu, sortiert, benennt die wahrscheinlichste Erklärung, sagt ehrlich, was man nicht ausschliessen kann, und nennt die Bedingung, unter der es abgeklärt gehört. Fertig. Das dauert vier Minuten, kostet nichts und ist die einzige Intervention in diesem Text mit belegter Wirksamkeit.

Und wenn dann jemand mit vierzehn beidseitig bedruckten Seiten vor Ihnen steht, denken Sie daran: Diese Person hat einen halben Abend investiert, um zu verstehen, was mit ihrem Körper los ist. Sie hat es nur mit dem falschen Werkzeug versucht.

Das richtige steht hinter dem Tresen und lacht nicht.

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Mario Punch

Autorin/Autor bei Dispensio.

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