Neue Wirkstoffe: Zwischen Wissenschaft, Marketing und tatsächlicher Wirksamkeit
Exosomen, NAD+, Peptide oder Spicules: Kaum ein Bereich der Beautyindustrie entwickelt sich derzeit so schnell wie die Gesichtspflege. Viele neue Wirkstoffe werden als „Revolution“ vermarktet, oft noch bevor belastbare klinische Daten vorliegen. Für Apotheker stellt sich deshalb zunehmend die Frage: Welche Inhaltsstoffe haben tatsächlich evidenzbasierte Vorteile? Welche Konzentrationen sind sinnvoll? Und wo beginnt eher geschicktes Marketing als pharmakologisch relevante Wirkung?

Eckpunkte
- Viele Trendwirkstoffe zeigen in vitro oder in kleinen Studien interessante Effekte, klinisch belastbare Daten fehlen jedoch häufig.
- Die Wirksamkeit hängt stark von Formulierung, Stabilität und Konzentration ab – nicht nur vom „Trend-Inhaltsstoff“ selbst.
- Apotheker gewinnen an Bedeutung als wissenschaftliche Berater, die Marketingversprechen kritisch einordnen können.
Neue Wirkstoffe im Fokus
Exosomen: Die neue „Regenerations-Revolution“?
Exosomen gelten derzeit als einer der grössten Trends der Premium-Dermokosmetik. Dabei handelt es sich um winzige extrazelluläre Vesikel, die Wachstumsfaktoren, Proteine und RNA transportieren. Ursprünglich stammen sie aus der regenerativen Medizin und Wundheilungsforschung.
Kosmetisch sollen Exosomen die Zellkommunikation verbessern, Entzündungen reduzieren und die Kollagensynthese stimulieren. Erste Laborstudien zeigen tatsächlich regenerative Effekte auf Fibroblasten und Hautheilung.1 Allerdings stammen viele Daten aus der ästhetischen Medizin oder aus experimentellen Settings und nicht aus grossen, placebokontrollierten Hautpflegestudien.
Besonders kritisch: In Europa und der Schweiz existiert bislang keine einheitliche regulatorische Definition kosmetischer Exosomen-Produkte. Viele Präparate enthalten lediglich „Exosome-conditioned media“ oder fermentierte Pflanzenextrakte mit exosomenähnlichen Eigenschaften.
Auch die Konzentration bleibt oft unklar. Hersteller kommunizieren selten standardisierte Mengen oder biologische Aktivität. Für Apotheker bedeutet dies: Die wissenschaftliche Evidenz ist interessant, die klinische Datenlage für klassische Topicals aber noch begrenzt.
Praktisch relevante Dosierung
Derzeit existieren keine etablierten therapeutischen Konzentrationsbereiche. Entscheidend scheint eher die Qualität der Aufbereitung und Stabilisierung als eine hohe absolute Dosierung zu sein.
NAD+ und Nicotinamid-Mononukleotid (NMN): Anti-Aging oder Hype?
NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) ist ein zelluläres Coenzym, das eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel spielt. Mit zunehmendem Alter sinken die NAD+-Spiegel im Körper, weshalb NMN und andere Vorstufen derzeit als Anti-Aging-Wirkstoffe intensiv vermarktet werden.
In der Hautpflege sollen sie mitochondriale Funktionen unterstützen und oxidativen Stress reduzieren.2 Tiermodelle und Zellstudien zeigen durchaus interessante Effekte auf DNA-Reparaturmechanismen und Zellalterung.3
Das Problem: Topisch appliziertes NAD+ ist instabil und dringt nur begrenzt in die Haut ein. Viele Produkte werben mit NAD+, enthalten aber nur geringe Mengen oder schlecht stabilisierte Formen.
Dermatologisch deutlich besser untersucht ist hingegen Niacinamid (Vitamin B3). Mehrere randomisierte Studien zeigen Verbesserungen bei Hyperpigmentierung, Hautbarriere, Sebumproduktion und feinen Linien.4
Praktisch relevante Dosierung
- Niacinamid: Evidenzbasiert meist 2–5 %, teilweise bis 10 %
- Höhere Konzentrationen erhöhen das Irritationspotenzial deutlich
- Für NMN/NAD+ existieren bislang keine validierten topischen Dosierungsempfehlungen
Für die Offizin bedeutet dies: Niacinamid bleibt derzeit wissenschaftlich deutlich besser abgesichert als moderne NAD+-Derivate.
Peptide: Wissenschaftlich plausibel – aber oft unterdosiert
Peptide gehören zu den am besten belegten modernen Anti-Aging-Wirkstoffen. Besonders Kupferpeptide sowie sogenannte Signalpeptide wie Palmitoyl Pentapeptide stimulieren Fibroblasten und Kollagenbildung.5
Eine häufig zitierte Studie zu Palmitoyl Pentapeptide-4 zeigte nach 12 Wochen Verbesserungen der Hautstruktur und Faltentiefe.6 Dennoch bestehen grosse Unterschiede zwischen den Formulierungen.
Das Hauptproblem vieler Kosmetikprodukte liegt weniger im Wirkstoff selbst als in der Konzentration und Penetration. Viele Hersteller deklarieren Peptide prominent auf der Verpackung, setzen sie jedoch nur in minimalen Mengen ein, da hochwertige Peptide teuer sind.
Zusätzlich sind Peptide empfindlich gegenüber Oxidation und benötigen geeignete Formulierungen mit stabilisierenden Systemen.
Praktisch relevante Dosierung
- Signalpeptide meist im Bereich von 0.5–5 ppm bis 0.01 %
- Kupferpeptide typischerweise 0.05–0.1 %
- Höhere Konzentrationen bedeuten nicht automatisch bessere Wirksamkeit
Für Apotheker wird daher die qualitative Bewertung der Gesamtformulierung wichtiger als die reine Präsenz eines Trendwirkstoffs.
Spicules: Mikroneedling im Serum?
Besonders in Korea gewinnen sogenannte „Spicules“ an Popularität. Dabei handelt es sich um mikroskopisch kleine silikatische oder marine Nadeln, die Wirkstoffe mechanisch tiefer in die Haut transportieren sollen.
Der Effekt erinnert an ein mildes Mikroneedling. Erste Untersuchungen zeigen tatsächlich eine erhöhte Penetration bestimmter Wirkstoffe.7 Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko für Irritationen, Barriereschäden und entzündliche Reaktionen, insbesondere bei Rosacea oder sensibler Haut.
Langfristige Sicherheitsdaten fehlen bislang weitgehend.
Praktisch relevante Dosierung
Die Wirkung hängt primär von Partikelgrösse und Dichte ab. Einheitliche Standards existieren derzeit nicht.
Was bedeutet das für Apotheker?
Die moderne Dermokosmetik entfernt sich zunehmend von klassischer Pflege und nähert sich pharmakologischen Konzepten an. Gleichzeitig wächst die Diskrepanz zwischen Marketing und evidenzbasierter Dermatologie.
Gerade in der Apotheke entsteht dadurch ein wichtiger Beratungsauftrag:
- Wirkstoffe wissenschaftlich einordnen
- Konzentrationen kritisch hinterfragen
- unrealistische Anti-Aging-Versprechen relativieren
- Irritationspotenziale erkennen
- evidenzbasierte Alternativen empfehlen
Besonders relevant bleibt dabei die Kombination aus Wirksamkeit, Stabilität und Hautverträglichkeit. Ein „Trendwirkstoff“ allein macht noch kein wirksames Produkt.
Viele etablierte Inhaltsstoffe wie Retinal, Niacinamid oder Vitamin C verfügen weiterhin über deutlich bessere klinische Daten als zahlreiche aktuelle Hype-Wirkstoffe.
Kompakt
Die Zukunft der Dermokosmetik liegt vermutlich weniger in immer neuen Trendwirkstoffen als in intelligenten Formulierungen mit klinisch sinnvoller Dosierung. Apotheker können sich hier als wissenschaftlich fundierte Ansprechpartner positionieren, insbesondere gegenüber zunehmend verunsicherten Konsumenten im Spannungsfeld zwischen Social-Media-Hype und echter Evidenz.
Referenzen
- Cho BS et al. Exosomes derived from human adipose tissue-derived mesenchymal stem cells alleviate atopic dermatitis. Stem Cell Research & Therapy. 2018;9(1):187.
- Braidy N et al. NAD+ metabolism in aging and cancer. Trends in Cancer. 2019;5(10):593–610.
- Yoshino J et al. NAD+ intermediates: The biology and therapeutic potential of NMN and NR. Cell Metabolism. 2018;27(3):513–528.
- Draelos ZD et al. The effect of 2% niacinamide on facial sebum production. Journal of Cosmetic and Laser Therapy. 2006;8(2):96–101.
- Gorouhi F, Maibach HI. Role of topical peptides in preventing or treating aged skin. International Journal of Cosmetic Science. 2009;31(5):327–345.
- Robinson LR et al. Topical palmitoyl pentapeptide provides improvement in photoaged human facial skin. International Journal of Cosmetic Science. 2005;27(3):155–160.
- Kim H et al. Enhanced transdermal delivery using microneedle-like marine sponge spicules. Drug Delivery and Translational Research. 2019;9(1):164–173.