Ozempic oder Mounjaro: Lohnt sich ein Wechsel wirklich?

Der Wettbewerb zwischen Novo Nordisk und Eli Lilly wird zunehmend nicht nur auf dem Arzneimittelmarkt, sondern auch auf wissenschaftlicher Ebene ausgetragen. Anlass der jüngsten Diskussion sind neue Daten, die Novo Nordisk auf der diesjährigen Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) vorgestellt hat. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes, die bereits mit Ozempic® (Semaglutid 1 mg) behandelt werden, stärker von einer Aufdosierung auf 2 mg profitieren könnten als von einem Wechsel auf Mounjaro® (Tirzepatid).¹

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Carsten Spang · July 23, 2026 · 3 min read
Ozempic oder Mounjaro: Lohnt sich ein Wechsel wirklich?

Die Ergebnisse sorgten für Aufmerksamkeit und Widerspruch. Lilly Deutschland betont, dass sich aus der Analyse keine allgemeingültigen Therapieempfehlungen ableiten lassen und verweist auf die bestehende Evidenz aus randomisierten klinischen Studien, die Tirzepatid in mehreren Endpunkten als überlegen gegenüber Semaglutid zeigen.²

Was bedeutet das nun für die Praxis? Sollten Patientinnen und Patienten von Ozempic auf Mounjaro wechseln oder besser nicht?

Zwei Studien – zwei Aussagen

Auf den ersten Blick scheinen sich die Ergebnisse zu widersprechen. Tatsächlich unterscheiden sich jedoch die Fragestellungen grundlegend.

Die von Novo Nordisk vorgestellte Analyse untersuchte Menschen mit Typ-2-Diabetes, die bereits mit Semaglutid 1 mg behandelt wurden. Verglichen wurde eine Aufdosierung auf 2 mg mit einem Wechsel auf Tirzepatid. Die Auswertung zeigte, dass beide Strategien ähnlich erfolgreich waren, wenn es darum ging, einen HbA1c-Wert unter 7 % zu erreichen. Beim Erreichen einer Gewichtsreduktion von mindestens fünf Prozent schnitt die Aufdosierung auf Semaglutid in dieser Analyse sogar etwas besser ab.¹

Eli Lilly verweist hingegen auf die grosse randomisierte SURPASS-2-Studie. Dort wurde Tirzepatid direkt mit Semaglutid 1 mg verglichen – allerdings bei Patientinnen und Patienten, die neu in die jeweilige Therapie eingeschlossen wurden. In dieser Studie führte Tirzepatid sowohl zu einer stärkeren Senkung des HbA1c als auch zu einer grösseren Gewichtsabnahme.²

Die scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse erklären sich somit vor allem durch unterschiedliche Studiendesigns und unterschiedliche Fragestellungen.

Real-World-Daten sind wichtig, aber kein Ersatz für klinische Studien

Die von Novo Nordisk präsentierte Untersuchung basiert auf sogenannten Real-World-Daten. Solche Analysen spiegeln den Versorgungsalltag wider und liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, wie Medikamente ausserhalb streng kontrollierter Studien eingesetzt werden.

Allerdings können Real-World-Analysen statistische Unterschiede zwischen Patientengruppen nie vollständig ausschliessen. Faktoren wie Alter, Begleiterkrankungen, Therapietreue oder die Gründe für einen Medikamentenwechsel lassen sich nur begrenzt berücksichtigen. Deshalb gelten randomisierte kontrollierte Studien weiterhin als Goldstandard für den direkten Wirksamkeitsvergleich verschiedener Arzneimittel.

Die neuen Daten liefern daher interessante Hinweise, beantworten die Frage nach dem optimalen Therapiewechsel jedoch nicht abschliessend.¹

Wann kann ein Wechsel sinnvoll sein?

Ein pauschaler Wechsel von Ozempic auf Mounjaro lässt sich auf Basis der derzeit verfügbaren Evidenz nicht empfehlen.

Ob ein Wechsel sinnvoll ist, hängt vielmehr von den individuellen Therapiezielen ab. Wird unter Semaglutid eine gute Blutzuckerkontrolle erreicht und verträgt der Patient die Therapie gut, spricht häufig wenig für einen routinemässigen Wechsel. Ist die glykämische Kontrolle hingegen unzureichend oder wird eine stärkere Gewichtsreduktion angestrebt, kann Tirzepatid aufgrund seiner dualen Wirkung an GLP-1- und GIP-Rezeptoren eine sinnvolle Option darstellen – vorausgesetzt, die individuellen Voraussetzungen und die geltenden Zulassungen werden berücksichtigt.³

Ebenso spielen Verträglichkeit, Begleiterkrankungen, Kosten, Verfügbarkeit und die Präferenz der Patientinnen und Patienten eine wichtige Rolle.

Was bedeutet das für Apotheken?

Für öffentliche Apotheken zeigt die Diskussion vor allem eines: Die Wahl eines GLP-1-basierten Arzneimittels lässt sich nicht auf einfache Vergleiche reduzieren.

Patientinnen und Patienten verfolgen unterschiedliche Ziele. Während für einige die Senkung des HbA1c im Vordergrund steht, wünschen sich andere vor allem eine Gewichtsabnahme oder eine möglichst gute Verträglichkeit. Entsprechend individuell muss auch die Beratung erfolgen.

Apothekerinnen und Apotheker können dabei helfen, unrealistische Erwartungen zu vermeiden. Nicht jede neue Studie bedeutet automatisch, dass bestehende Therapien geändert werden sollten. Ebenso wenig ist jedes neuere Medikament grundsätzlich die bessere Wahl.

Gerade in einem Markt, der zunehmend von intensiven Marketingaktivitäten und konkurrierenden Studiendaten geprägt ist, gewinnt die evidenzbasierte Einordnung an Bedeutung.

Kompakt

Die neuen Daten von Novo Nordisk liefern interessante Hinweise darauf, dass eine Aufdosierung von Semaglutid bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes eine sinnvolle Alternative zu einem Wechsel auf Tirzepatid sein kann. Gleichzeitig sprechen hochwertige randomisierte Studien weiterhin für Vorteile von Tirzepatid hinsichtlich der Blutzuckersenkung und der Gewichtsreduktion in bestimmten Patientengruppen.¹ ²

Die zentrale Botschaft lautet daher nicht „Ozempic oder Mounjaro“, sondern: Die beste Therapie ist diejenige, die zu den individuellen Bedürfnissen, Zielen und Begleiterkrankungen des Patienten passt. Ein Wechsel sollte deshalb nicht aufgrund einzelner Studien oder Schlagzeilen erfolgen, sondern immer auf Basis der gesamten Evidenz und einer individuellen ärztlichen Nutzen-Risiko-Abwägung.

Referenzen
  1. Novo Nordisk. Cardiometabolic Outcomes in Adults With Type 2 Diabetes Treated With 1 mg Semaglutide Who Titrate to 2 mg Semaglutide vs Switch to Tirzepatide. Präsentiert auf der American Diabetes Association (ADA) 2026. https://sciencehub.novonordisk.com/congresses/ada2026/fang.html
  2. Frias JP et al. Efficacy and Safety of Tirzepatide versus Semaglutide Once Weekly as Add-on Therapy to Metformin in People with Type 2 Diabetes (SURPASS-2). New England Journal of Medicine. 2021.
  3. Clodi M. et al. Antihyperglykämische Therapie bei Diabetes mellitus Typ 2 – Update 2026. Wiener Klinische Wochenschrift. 2026.
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Carsten Spang

Autorin/Autor bei Dispensio.

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