Phytotherapie bei Atemwegsinfekten: Evidenzbasierte Beratung

Akute Atemwegsinfekte sind meist viral bedingt, Antibiotika oft nicht indiziert. Angesichts steigenden Antibiotikaverbrauchs und Lieferengpässen wird die evidenzbasierte Beratung in der Apotheke immer wichtiger. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage und den praktischen Einsatz von Phytotherapeutika wie Pelargonium, Echinacea und Cineol im Rahmen des Antibiotic Stewardship.

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Rosa Berg · May 25, 2026 · 15 min read
Phytotherapie bei Atemwegsinfekten: Evidenzbasierte Beratung

Eckpunkte

  • Akute Atemwegsinfekte sind meist viral; Phytotherapie ist eine evidenzbasierte Standardoption.
  • Pelargonium sidoides, Echinacea purpurea und 1,8-Cineol haben eine gute Studienlage für akute Bronchitis, Erkältung und Rhinosinusitis.
  • Die Beratung in der Apotheke ist zentral für das Antibiotic Stewardship und erfordert die Kenntnis von Indikationen und Warnzeichen.
  • Die meisten Phytotherapeutika sind Selbstmedikation, einzelne Präparate sind kassenpflichtig (SL), was bei der Beratung zu berücksichtigen ist.

Im ambulanten Bereich werden in der Schweiz 9.4 definierte Tagesdosen Antibiotika pro 1'000 Einwohner und Tag (DID) verbraucht, ein Anstieg gegenüber der Covid-Tiefphase (7.3 DID 2021). Mehr als 30 Prozent dieser Verschreibungen entfallen auf Erkrankungen der oberen Atemwege, wo Antibiotika in der grossen Mehrheit der Fälle nicht indiziert sind. [1,2] Gleichzeitig sind in der Schweiz Ende 2025 knapp 600 Präparate nicht lieferbar, darunter zahlreiche Antibiotika. [3] Damit wird die Offizin als wohnortnahe Beratungsinstanz für die symptomatische Selbstmedikation – und für die evidenzbasierte Indikationsprüfung – wichtiger denn je. Phytotherapeutika spielen in dieser Konstellation eine zentrale Rolle: nicht als Ersatz, wo Antibiotika indiziert sind, sondern als wirksame und sichere Option für die symptomatische Behandlung des akuten viralen Atemwegsinfekts.

Auf einen Blick

  • Akute Atemwegsinfekte sind zu über 90% viral; Antibiotika sind in der grossen Mehrheit der Fälle nicht indiziert. Die Schweizer Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) und der One Health-Aktionsplan 2024–2027 zielen auf eine Stabilisierung des ambulanten Verbrauchs (aktuell 9.4 DID, Zielwert ≤10.2 DID) und auf den Abbau der grossen regionalen Unterschiede (Deutschschweiz 7.8 DID vs. Westschweiz 13.1 DID). [1,2]
  • Pelargonium sidoides (EPs 7630, Kaloba/Umckaloabo): HMPC Traditional Use (Revision 2, 29.5.2024; Erweiterung Kinder ab 3 Jahren); Cochrane-Review 2013 und Meta-Analysen zeigen Symptomreduktion bei akuter Bronchitis (BSS-Reduktion 2.80 Punkte gegenüber Placebo). [4,5,6]
  • Echinacea purpurea: HMPC Well-established Use (radix); Cochrane 2014 mit gemischter Evidenz, neue Meta-Analyse 2025 bei Kindern mit signifikanter Reduktion der Antibiotikaverschreibungen (RR 0.18; 95% KI 0.13–0.25). [7,8]
  • 1,8-Cineol (Eukalyptol): mehrere placebokontrollierte RCTs bei akuter Bronchitis, nicht-purulenter Rhinosinusitis und COPD-Exazerbation; mucolytisch, antientzündlich, bronchodilatatorisch. [9,10,11]
  • Schweizer Tarif-Realität: Die meisten Phytotherapeutika für Atemwegsinfekte sind Selbstmedikation (Abgabekategorie D); einzelne Präparate (z.B. EchinaMed Tabletten und Halsschmerzspray von A. Vogel) sind auf der Spezialitätenliste und damit bei ärztlicher Verordnung OKP-kassenpflichtig. [12]

Klinischer Hintergrund

Akute Infekte der oberen Atemwege (uRTI) – akute Rhinosinusitis, Pharyngitis, akute Bronchitis – gehören zu den häufigsten Konsultationsgründen in der hausärztlichen Praxis und zu den häufigsten Beratungsanlässen in der Offizin. Die Ätiologie ist in über 90% der Fälle viral. Antibiotika sind, mit wenigen Ausnahmen (gesicherte bakterielle Sinusitis mit Komplikationen, GAS-Pharyngitis bei klinisch eindeutigen Befunden, bakterielle Superinfektion bei Risikopopulationen), nicht indiziert. [1,2]

In der Schweiz ist der ambulante Antibiotikaverbrauch nach der Covid-Tiefphase wieder deutlich gestiegen: 9.4 DID im Jahr 2023 gegenüber 7.3 DID 2021. Diese 9.4 DID liegen weiterhin unter dem europäischen Mittel (EU-Durchschnitt 2022: 17.0 DID), aber das Wachstum ist klar: 87 Prozent des Verbrauchs erfolgen in der ambulanten Praxis. Bei den Hausärzt:innen entfallen 30 Prozent der Antibiotikaverschreibungen auf obere Atemwegserkrankungen, weitere 28 Prozent auf Harnwegsinfekte. [2] Regional sind die Unterschiede gross: Die Deutschschweiz liegt bei 7.8 DID, die Westschweiz bei 13.1 DID, das Tessin bei 12.4 DID.

Die Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) wird seit 2015 umgesetzt; der One Health-Aktionsplan 2024–2027 wurde am 26. Juni 2024 vom Bundesrat verabschiedet. [1] Die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie (SSI) publiziert evidenzbasierte Verschreibungsrichtlinien für die Behandlung der häufigsten Infekte (ssi.guidelines.ch); das Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) hat Entscheidungshilfen für die partizipative Antibiotika-Entscheidungsfindung entwickelt; das Projekt ASAP (Antimicrobial Stewardship in Ambulatory care Platform) wurde 2023 lanciert. [13,14] Der Bundesrat hat 2025 zudem die Einzelabgabe von Antibiotika auf den gesetzgeberischen Weg gebracht – ein Vernehmlassungsentwurf ist bis Ende 2026 angekündigt, die Einzelabgabe soll für Apotheken verbindlich, für Arztpraxen freiwillig sein. [15]

In dieser Konstellation ist die Phytotherapie ein klinisch und politisch relevanter Baustein der Beratung. Mehrere pflanzliche Wirkstoffe haben für akute virale Atemwegsinfekte eine etablierte oder traditionelle HMPC-Einstufung sowie randomisiert-kontrollierte Studienevidenz. Die kontrollierte Anwendung von Phytotherapeutika bei akuter Bronchitis und Erkältungssyndromen ist deshalb keine “weichere” Alternative, sondern ein evidenzgestütztes Standardvorgehen, das in den europäischen Leitlinien zur Antibiotic Stewardship explizit berücksichtigt wird. [16]

Pelargonium sidoides (EPs 7630, Kaloba / Umckaloabo)

Pelargonium sidoides (Kapland-Pelargonie, Wurzelextrakt EPs 7630) ist in der Schweiz unter den Markennamen Kaloba und Umckaloabo als Tropfen, Lutschtabletten und Filmtabletten verfügbar (Abgabekategorie D). Der wässrig-ethanolische Wurzelextrakt enthält Cumarine, einfache Phenole und proanthocyanidinhaltige Polyphenole.

Indikation und Wirkprofil: Die HMPC-Monographie der EMA wurde am 29. Mai 2024 in Revision 2 verabschiedet (EMA/HMPC/648100/2022). [4] Sie führt Pelargonium sidoides als Traditional Herbal Medicinal Product (Traditional Use), mit den Anwendungsgebieten Linderung der Symptome bei akuter Bronchitis und Erkältungskrankheiten. Die Revision 2 erweitert die Zielpopulation auf EU-HMPC-Ebene neu auf Kinder ab 3 Jahren (vorher ab 6 Jahren), gestützt auf Sicherheitsdaten bei über 1'600 Kindern im Alter von 3 bis 5 Jahren aus dem klinischen Entwicklungsprogramm. In der Schweiz waren Kaloba und Umckaloabo bereits zuvor von Swissmedic ab 2 Jahren zugelassen.

Studienlage: Der Cochrane-Review von Timmer und Mitarbeitenden (2013) fasst mehrere randomisierte Studien zu Pelargonium sidoides bei akuten Atemwegsinfekten zusammen. [5] Die Meta-Analyse von Agbabiaka und Mitarbeitenden (Phytomedicine 2008) zeigt für die akute Bronchitis bei Erwachsenen eine Verbesserung des Bronchitis Severity Score (BSS) gegenüber Placebo nach sieben Tagen Therapie um durchschnittlich 2.80 Punkte (95% KI 2.44–3.15). Eine spätere Meta-Analyse (Matthys et al. 2016) belegt zudem eine signifikante Reduktion der Arbeitsunfähigkeitsdauer um durchschnittlich 1.73 Tage gegenüber Placebo. [6] Cochrane stuft die Evidenzqualität für akute Bronchitis als “low” und für akute Rhinosinusitis und Erkältung als “very low” ein – methodologische Heterogenität, vorwiegend herstellergesponserte Studien.

Mechanistische Erkenntnisse 2024: Ein aktueller Übersichtsartikel in Frontiers in Pharmacology (Cinatl et al., 2024) beschreibt mehrere antivirale und immunmodulatorische Mechanismen von EPs 7630, einschliesslich Hemmung der SARS-CoV-2-Replikation in vitro, Förderung der ciliären Schlagfrequenz und Modulation des angeborenen Immunsystems. [17] Diese Mechanismen erklären das breite klinische Indikationsspektrum, ersetzen jedoch keine klinische Evidenz.

Praktische Dosierung (HMPC): Erwachsene und Jugendliche ≥12 Jahre: 30 Tropfen 3× täglich; Kinder 6–12 Jahre: 20 Tropfen 3× täglich; Kinder 3–5 Jahre (neu seit HMPC Revision 2): 10 Tropfen 3× täglich. Behandlungsdauer typisch 7–10 Tage. In der Schweiz beginnt die Compendium-Dosierung bereits ab 2 Jahren (5 Tropfen 3× täglich); die Dosierungen 6–12 J. und ≥12 J. entsprechen der HMPC.

Echinacea purpurea (Echinaforce, EchinaMed)

Echinacea purpurea (Roter Sonnenhut, Asteraceae) ist die in der Schweiz mit Abstand am häufigsten verwendete Phytotherapie-Substanz bei Erkältungssymptomen. Hauptpräparat ist Echinaforce (A. Vogel), ein ethanolischer Extrakt aus 95% blühendem Kraut und 5% Wurzel; auf der Spezialitätenliste finden sich die Schwesterpräparate EchinaMed Tabletten und EchinaMed Halsschmerzspray (Kombination mit Salbei). [12,18]

HMPC-Einstufung: Die EMA-Monographie führt Echinacea purpurea radix als Well-established Use zur Vorbeugung und Therapie von Erkältungskrankheiten (EMA/HMPC/424583/2016), Echinacea purpurea herba recens als Traditional Use (EMA/HMPC/48704/2014). Die Kommission E-Monographie und ESCOP führen vergleichbare Indikationen. [19,20]

Studienlage – Cochrane 2014: Die systematische Übersicht von Karsch-Völk und Mitarbeitenden (Cochrane Database Syst Rev 2014) wertete 24 doppelblinde Studien mit insgesamt 4'631 Teilnehmer:innen aus. [8] Aufgrund erheblicher Heterogenität in den verwendeten Echinacea-Präparaten (verschiedene Spezies, Pflanzenteile, Extraktionsmethoden) verzichteten die Autoren auf eine gepoolte Hauptanalyse. Die Autor:innen schlussfolgern, dass alkoholische Extrakte und Pressäfte auf Basis der oberirdischen Teile von E. purpurea möglicherweise günstige Effekte auf Erkältungssymptome bei Erwachsenen haben, die Evidenz für klinisch relevante Behandlungseffekte aber schwach sei.

Neue Meta-Analyse 2025 bei Kindern: Eine im April 2025 publizierte systematische Übersicht und Meta-Analyse (Komplementärtherapie-Medizin, 9 RCTs mit n=3'169) zeigt für Echinacea purpurea bei pädiatrischen URTI eine Reduktion der Behandlungsdauer (SMD −0.19), der Inzidenz (RR 0.81, 95% KI 0.75–0.87) und – klinisch besonders relevant – des Antibiotikaverbrauchs um über 80 Prozent (RR 0.18, 95% KI 0.13–0.25). [7] Unerwünschte Ereignisse waren leichtgradig erhöht (RR 1.38).

Schweizer Versorgungsrealität: Echinaforce ist nicht auf der SL und damit reine Selbstmedikation. EchinaMed Tabletten und EchinaMed Halsschmerzspray sind hingegen kassenpflichtig (mit ärztlicher Verordnung), was bei Risikopatient:innen oder rezidivierenden Infekten relevant sein kann. [12] Zusatzversicherungen für Komplementärmedizin decken bei den meisten grossen Schweizer Krankenversicherern 75–90 Prozent der Phytotherapie-Kosten ab.

Kontraindikationen und Vorsicht: Echinacea ist bei Korbblütler-Allergie kontraindiziert. Aus theoretischen Erwägungen werden Echinacea-Präparate bei progressiven Systemerkrankungen wie Tuberkulose, Leukosen, Kollagenosen, Multipler Sklerose, AIDS, HIV-Infektion und anderen Autoimmunerkrankungen sowie bei immunsuppressiver Therapie nicht empfohlen – diese Vorsichtsmassnahme stützt sich nicht auf dokumentierte Schadenssignale, sondern auf den immunmodulatorischen Wirkmechanismus.

1,8-Cineol (Eukalyptol, Soledum forte)

1,8-Cineol (Eukalyptol, der Hauptbestandteil von Eukalyptusöl, 77–84%) ist ein monoterpenoides Oxid mit dokumentierter mucolytischer, anti-inflammatorischer, bronchodilatatorischer und antimikrobieller Wirkung. In der Schweiz ist 1,8-Cineol vor allem in Form von magensaftresistenten Weichkapseln verfügbar (Soledum forte, Bronchoforton).

Studienlage: Drei placebokontrollierte randomisierte Studien sind besonders relevant:

Fischer und Dethlefsen (Cough 2013) untersuchten in einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie 242 Patient:innen mit akuter Bronchitis. Die mit 200 mg Cineol dreimal täglich behandelte Gruppe zeigte nach vier Behandlungstagen eine signifikant grössere Reduktion des Bronchitis Sum Score gegenüber Placebo (p = 0.0383). [9]

Kehrl, Sonnemann und Dethlefsen (Laryngoscope 2004) prüften Cineol bei 152 Patient:innen mit akuter, nicht-purulenter Rhinosinusitis und fanden eine schnellere Beschwerdebesserung gegenüber Placebo. [10]

Worth, Schacher und Dethlefsen (Respiratory Research 2009) zeigten in einer doppelblinden Studie bei 242 COPD-Patient:innen mit 200 mg Cineol dreimal täglich über sechs Monate eine Reduktion der mittleren Exazerbationsrate. [11]

Eine aktuelle systematische Übersicht aus 2025 (Laryngoscope Investig Otolaryngol) bestätigt die Evidenz für 1,8-Cineol bei akuter Rhinosinusitis im Vergleich zu Placebo und phytotherapeutischen Vergleichspräparaten. [21]

Praktische Dosierung: Standarddosis 200 mg 3× täglich, mind. 30 Minuten vor dem Essen, bei akuter Bronchitis 4–10 Tage. Bei Kindern unter 12 Jahren nicht empfohlen (Aspirationsgefahr bei flüssigen Eukalyptus-Zubereitungen). Bei Inhalation äusserste Vorsicht bei Kindern unter 2 Jahren wegen Laryngospasmus-Risiko.

Thymian-Efeu-Kombination (Bronchipret)

Thymian (Thymus vulgaris) und Efeu (Hedera helix) werden in der Schweiz häufig als Fixkombination eingesetzt; bekannteste Marke ist Bronchipret in Saft- und Tropfenform (BNO 1200, hergestellt von Bionorica). Thymian wirkt antimikrobiell (Thymol, Carvacrol), spasmolytisch und sekretomotorisch; Efeu enthält Saponine mit expektorierender und bronchodilatatorischer Wirkung.

Studienlage: Die Phase-IV-Studie von Kemmerich (Drug Res 2007, n=361) zeigt für die Thymian-Efeu-Fixkombination im Vergleich zu Placebo eine signifikante Reduktion der Hustenanfälle und des Bronchitis Severity Score über 11 Tage Behandlung. [22] Eine Schweizer apothekenbasierte Beobachtungsstudie (Kruttschnitt et al. 2020, n=139) bestätigte die Wirksamkeit eines Efeu-Monopräparats (EA 575) im Vergleich zu Acetylcystein. [23]

Hedera helix Monopräparat: Die aktualisierte systematische Übersicht von Holzinger und Chenot (Eur J Clin Pharmacol 2021) wertet 6 RCTs, 1 CCT und 4 Beobachtungsstudien aus und schlussfolgert: Efeu-Präparate sind sicher in der Anwendung bei Husten durch akute uRTI und Bronchitis, die Effekte sind im besten Fall minimal und von unsicherer klinischer Relevanz. [24] Diese Einschätzung muss bei der Beratung transparent gemacht werden.

Praktische Dosierung Bronchipret Saft: Erwachsene und Jugendliche: 5.4 ml 3× täglich; Kinder 6–11 Jahre: 4.0 ml 3× täglich; Kinder 2–5 Jahre: 3.2 ml 3× täglich. Tropfenformulierung enthält Alkohol – bei Kindern Saft bevorzugen.

Spitzwegerich (Plantago lanceolata)

Spitzwegerich (Plantago lanceolata) wird traditionell bei Reizungen der Mund- und Rachenschleimhaut und damit verbundenem trockenen Reizhusten eingesetzt. Die HMPC-Monographie führt Spitzwegerichblätter als Traditional Use (EMA/HMPC/437858/2010 Corr.). [25] Die Wirkung beruht auf Schleimstoffen, die einen schützenden Film auf den Schleimhäuten bilden, sowie auf Iridoidglykosiden (Aucubin, Catalpol) mit anti-inflammatorischer und antimikrobieller Aktivität.

In der Schweiz ist Spitzwegerich in zahlreichen Hustenmitteln verfügbar: als Frischpflanzenpresssaft, Sirup, Bonbons und in Kombinationsprodukten (z.B. Drosinula von A. Vogel als Kombination mit Sonnentau). Spitzwegerich-Bonbons und -Lutschtabletten sind eine sinnvolle Empfehlung bei trockenem Reizhusten und Halsschmerzen mit Schleimhautreizung – mit der Einschränkung, dass es sich um Traditional-Use-Präparate handelt, die ihre Wirkung über die ortständige Schleimhautwirkung entfalten. Bei ausgeprägtem Reizhusten ist auch Eibischwurzel (Althaea officinalis radix, HMPC Traditional Use, EMA/HMPC/436680/2015) eine gut belegte Option; ihre Schleimstoffe (Polysaccharide) bilden einen vergleichbaren mukosalen Schutzfilm. Schweizer Präparate enthalten Eibischwurzel z.B. in Phytopharma-Hustensirupen sowie in Kombinationspräparaten mit Spitzwegerich.

Salbei und Halsbeschwerden

Bei akuter Pharyngitis ohne Hinweis auf eine streptokokken-bedingte Tonsillopharyngitis (Centor-Score 0–2, kein Fieber, kein Eiter, keine Lymphknotenschwellung) ist die symptomatische Selbstmedikation Mittel der Wahl. Salbei (Salvia officinalis, HMPC Well-established Use für topische Anwendung) hat dokumentierte adstringierende und antimikrobielle Eigenschaften; das EchinaMed Halsschmerzspray (A. Vogel) kombiniert Salbeiextrakt mit Echinacea und ist in der Schweiz auf der Spezialitätenliste. [12,26] Eine vergleichende Studie zeigte für Salbei-Echinacea-Spray eine vergleichbare Wirksamkeit zu einer Chlorhexidin-Lidocain-Kombination bei akuter Pharyngitis. [27]

Schweizer Versorgungs- und Tarif-Realität

Die Schweizer Versorgungsrealität für Phytotherapeutika bei Atemwegsinfekten ist heterogen strukturiert:

Selbstmedikation (Abgabekategorie D, OTC): Die grosse Mehrheit der relevanten Präparate – Kaloba und Umckaloabo (Pelargonium), Echinaforce in allen Darreichungsformen, Bronchipret, Soledum forte, Drosinula, Spitzwegerich-Bonbons und -Sirupe – gehört zur Selbstmedikation. Die Beratung erfolgt in der Apotheke nach den entsprechenden LOA-V-Tarifpositionen (Sicherheits-Check Medikament, ggf. Sicherheits-Check Patient für Stammkund:innen mit Dossierführung).

Spezialitätenliste (SL, OKP-kassenpflichtig): Einzelne Phytotherapeutika sind auf der SL und bei ärztlicher Verordnung von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen. Im Bereich Atemwegsinfekte sind dies vor allem EchinaMed Tabletten (Echinacea purpurea, A. Vogel) und EchinaMed Halsschmerzspray (Salbei-Echinacea-Kombination, A. Vogel). [12] Diese Möglichkeit ist bei Patient:innen mit chronischer Bronchitis, rezidivierenden Atemwegsinfekten oder kostensensiblen Konstellationen relevant.

Ärztliche Phytotherapie als Komplementärmedizin: Seit 1999 (provisorisch) und seit 2017 dauerhaft sind ärztliche Leistungen der Phytotherapie in der OKP-Pflicht (Art. 4b KLV). [29] Voraussetzung ist ein eidgenössischer Facharzttitel mit komplementärmedizinischer Weiterbildung. Die Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie SMGP betreut das Fachgebiet wissenschaftlich.

Zusatzversicherungen: Praktisch alle grossen Schweizer Krankenversicherer (CSS, Helsana, Sanitas, KPT, Swica u.a.) bieten in ihren Komplementärmedizin-Zusatzversicherungen Erstattungen von 50–90 Prozent für Phytotherapeutika, in der Regel mit Plafond von 500–3'000 CHF pro Kalenderjahr. Voraussetzung ist meist eine ärztliche Verordnung oder die Verordnung durch eine anerkannte Therapeutin.

Was im HV häufig gefragt wird

Vier typische Beratungssituationen in der Schweizer Offizin:

1. «Ich habe seit gestern einen Husten – können Sie mir etwas Pflanzliches empfehlen?»

Erste Frage: produktiver Husten (mit Auswurf) oder trockener Reizhusten? Bei trockenem Reizhusten sind Spitzwegerich-Präparate (Sirup, Bonbons) und Eibischwurzel sinnvoll. Bei produktivem Husten mit Bronchitis-Symptomatik im Erwachsenenalter steht eine Wahl zwischen Pelargonium sidoides (EPs 7630 / Kaloba), Thymian-Efeu-Fixkombination (Bronchipret) und 1,8-Cineol (Soledum forte). Alle drei haben placebokontrollierte RCT-Evidenz. Pelargonium wird bevorzugt eingesetzt, wenn auch eine immunmodulatorische Komponente erwünscht ist; Cineol bei expectorationsbedürftigem Husten und ausgeprägter Schleimproblematik; Thymian-Efeu als gut verträgliche Option mit langer Anwendungstradition. Bei Symptompersistenz über 7–10 Tage, hohem Fieber, Auswurf mit eitriger oder blutiger Verfärbung, Dyspnoe oder Risikopopulationen (COPD, Immunsuppression, ≥75 Jahre) gehört die Beurteilung in ärztliche Hand.

2. «Mein Kind ist erkältet und hustet seit zwei Tagen – brauche ich Antibiotika?»

Bei Kindern mit akuter uRTI ohne Komplikationszeichen sind Antibiotika in der grossen Mehrheit der Fälle nicht indiziert (über 90% virale Genese). [1,2] Konkret zu empfehlen: Pelargonium sidoides ist in der Schweiz als Kaloba- bzw. Umckaloabo-Tropfen ab 2 Jahren zugelassen (Swissmedic-Compendium); die EU-HMPC-Monographie hat in der Revision 2 (29. Mai 2024) ihre Empfehlung neu bis auf Kinder ab 3 Jahren ausgeweitet (vorher ab 6 Jahren). Thymian-Efeu-Saft (Bronchipret Saft) ist ab 2 Jahren zugelassen; Echinacea purpurea (EchinaMed Junior, Echinaforce Junior) ab 4 Jahren. Eine neue Meta-Analyse von 2025 zeigt für Echinacea bei Kindern eine Reduktion der Antibiotikaverschreibungen um über 80 Prozent (RR 0.18). [7] Eltern auf folgende Warnzeichen aufmerksam machen: Atemnot, hohes Fieber >39 °C über 3 Tage, Trinkschwäche, deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustands, Symptompersistenz über 10 Tage – dann ärztliche Konsultation.

3. «Ich nehme schon Pelargonium, jetzt habe ich auch Halsschmerzen. Kann ich beides nehmen?»

Pelargonium sidoides Tropfen wirken systemisch (immunmodulatorisch und antiviral); ein Salbei- oder Echinacea-Salbeispray wirkt lokal an der Rachenschleimhaut. Die Kombination ist unproblematisch und auch klinisch sinnvoll. EchinaMed Halsschmerzspray oder Salbei-Lutschtabletten sind hier die naheliegende Empfehlung. Bei Centor-Score ≥3 (Fieber >38 °C, Tonsillenexsudat, schmerzhaft geschwollene Halslymphknoten, kein Husten) Verweisung zum Hausarzt zur GAS-Pharyngitis-Abklärung.

4. «Reicht es, wenn ich Echinacea nehme, um die Erkältung zu vermeiden?»

Die Evidenz für Echinacea in der Prophylaxe ist heterogen. Der Cochrane-Review 2014 fand keine statistisch signifikanten Unterschiede bei der Frage “mindestens eine Erkältungsepisode” zwischen Echinacea- und Placebogruppen; eine 2012 publizierte 4-Monats-Studie (Jawad et al., n=755) mit Echinaforce zeigte hingegen einen präventiven Effekt mit Reduktion der Episodenzahl und der Symptomdauer. [28] Bei der Beratung ehrlich kommunizieren: Echinacea kann die Häufigkeit und Schwere von Erkältungen möglicherweise leicht reduzieren, ist aber kein verlässlicher Vermeidungs-Mechanismus. Allgemeinmassnahmen (Händehygiene, ausreichend Schlaf, Bewegung, ausgewogene Ernährung, Impfungen gemäss Schweizerischem Impfplan) sind in der Prävention robuster belegt.

Sicherheit, Kontraindikationen, Interaktionen

Pelargonium sidoides: Insgesamt sehr gut verträglich. Gelegentliche unerwünschte Wirkungen: Magen-Darm-Beschwerden, allergische Hautreaktionen. Frühere Sicherheitssignale zu hepatotoxischen Ereignissen (Schweden, 2011) wurden durch nachfolgende systematische Auswertungen relativiert; die HMPC-Revision 2 vom 29. Mai 2024 erweitert die Zielpopulation explizit auf Kinder ab 3 Jahren. [4,30] Keine bekannten klinisch relevanten Interaktionen mit häufig verschriebenen Medikamenten.

Echinacea purpurea: Kontraindikationen sind Korbblütler-Allergie, progressive Systemerkrankungen (Tuberkulose, Leukosen, Kollagenosen, Multiple Sklerose, HIV-Infektion) und Autoimmunerkrankungen unter immunsuppressiver Therapie. [19,20] Die Datenlage zu tatsächlichen Schäden unter solchen Konstellationen ist limitiert; die Vorsichtsempfehlung ist mechanistisch begründet, nicht klinisch dokumentiert. Bei Schwangerschaft kann Echinacea purpurea kurzfristig (≤7 Tage) angewendet werden; die prospektive Motherisk-Studie von Gallo und Mitarbeitenden (Arch Intern Med 2000) verglich 206 Echinacea-exponierte Schwangere mit 206 alters- und risikogematchten Kontrollen ohne signifikante Unterschiede bei Major-Malformationen oder anderen Schwangerschaftsausgängen. Allergische Reaktionen vereinzelt (selten Anaphylaxie bei Korbblütler-Sensibilisierten).

1,8-Cineol: Magenbeschwerden, selten Magen-Darm-Unverträglichkeit, allergische Reaktionen. Vorsicht bei Kindern unter 2 Jahren (Laryngospasmusrisiko bei direkter Aufnahme), bei Asthma bronchiale theoretisch Bronchospasmus möglich, in den klinischen Studien jedoch nicht dokumentiert.

Interaktionspotenzial: Pelargonium-Cumarine wurden gelegentlich mit einer theoretischen Verstärkung der Wirkung oraler Antikoagulanzien diskutiert; relevante klinische Evidenz dafür liegt nicht vor. Bei Patient:innen unter Vitamin-K-Antagonisten oder direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) und gleichzeitig hochfrequenter Phytotherapie-Anwendung ist eine bewusste Dokumentation im Patientendossier sinnvoll, klinisch zwingende Restriktionen ergeben sich aus der heutigen Datenlage nicht. [4,5]

Praxistool: Entscheidungstabelle Phytotherapie bei Atemwegsinfekten

BeschwerdebildEmpfehlung 1. WahlEvidenzstufeCaveat
Akute Bronchitis Erwachsene, produktiver HustenPelargonium sidoides oder 1,8-Cineol oder Thymian-Efeu-KombinationHMPC Traditional bzw. Well-established, mehrere RCTsVerweisung Arzt bei Persistenz >10 Tagen, Fieber, Dyspnoe
Akute Bronchitis Kinder (produktiv)Pelargonium sidoides Tropfen (in CH ab 2 J.; HMPC-Erweiterung auf 3-5 J. seit 5/2024)HMPC Traditional, RCTs für 6–18-JährigePflegerische Warnzeichen abklären; Antibiotika nur bei klarer Indikation
Trockener ReizhustenSpitzwegerich-Sirup oder -Bonbons; EibischwurzelHMPC Traditional, SchleimstoffwirkungBei langer Persistenz (>3 Wochen) Husten-Abklärung
Akute, nicht-purulente Rhinosinusitis1,8-Cineol 200 mg 3×/Tag; ggf. PelargoniumRCT-Evidenz (Kehrl 2004 Laryngoscope)Bei Sinusitis-Komplikationen (Stirnschmerz, einseitige Symptomatik, Antibiotika-Indikation prüfen) Hausarzt
ErkältungsprophylaxeEchinacea purpurea (Echinaforce)Cochrane 2014 heterogen, präventive Studien einzeln positivKorbblütler-Allergie und Autoimmunerkrankungen ausschliessen
Pharyngitis ohne GAS-HinweiseSalbei-Echinacea-Spray oder -LutschtablettenVergleichbar zu Chlorhexidin-Lidocain (Schapowal 2009, n=154)Centor-Score ≥3 → Hausarzt-Abklärung
Erkältungssymptome Kinder 2–6 J.Thymian-Efeu-Saft (Bronchipret Saft) ab 2 J.; Pelargonium ab 3 J.RCTs, HMPCBei Atemnot, hohem Fieber sofort ärztlich
Wiederkehrende Infekte (≥4/Jahr)Hausarzt-Konsultation; ggf. EchinaMed Tabletten (SL)Echinacea-Präventionsstudien einzeln positivImmunologische Abklärung erwägen
Erwachsene unter AntikoagulationPelargonium oder Echinacea grundsätzlich möglichKeine harten klinischen Daten zu InteraktionenIm Patientendossier dokumentieren, Hausarzt informieren

Ausblick 2026/2027

Drei Entwicklungen prägen die kommenden Jahre für die Phytotherapie bei Atemwegsinfekten in der Schweizer Offizin.

Erstens: Die Schweizer Antibiotic-Stewardship-Strategie StAR mit ihrem One Health-Aktionsplan 2024–2027 wird die Beratungsrolle der Apotheke weiter aufwerten. Das ASAP-Projekt (Antimicrobial Stewardship in Ambulatory care Platform) bezieht zunehmend auch die Apothekerschaft ein. [13,15] Das wahrscheinliche Inkrafttreten der Einzelabgabe von Antibiotika (Vernehmlassung bis Ende 2026, anschliessend gesetzgeberische Umsetzung) wird die Rolle der Apotheke als kritische Schaltstelle weiter stärken: Wer Antibiotika nur in der pro Behandlung notwendigen Menge abgibt, sieht die Patient:innen zwingend, dokumentiert die Abgabe und kann gleichzeitig phytotherapeutische Alternativen für die symptomatische Begleittherapie anbieten. [15]

Zweitens: Die KVG-Revision vom 21. März 2025 (Kostendämpfungspaket 2) schafft ab voraussichtlich 1. Januar 2027 die Grundlage dafür, dass bestimmte Apothekenleistungen unabhängig von der Arzneimittelabgabe über die OKP abgerechnet werden können – darunter explizit Medikationsanalyse, Medikationsabgleich, Therapieoptimierung und Adhärenzförderung (myCare Start). [31] Die strukturierte Beratung zu rezidivierenden Atemwegsinfekten könnte im Verlauf in diese OKP-fähigen Leistungen integriert werden, mit erheblichem Potenzial für die phytotherapeutisch geschulte Apothekerin oder den geschulten Apotheker.

Drittens: Die HMPC-Monographien werden laufend überarbeitet. Die Pelargonium-Revision 2 (29. Mai 2024) mit der Erweiterung auf Kinder ab 3 Jahren ist nur ein Beispiel. [4] Wer in der Offizin auf dem aktuellen Stand der Evidenz bleiben will, sollte die HMPC-Monographien (verfügbar unter ema.europa.eu) und die ESCOP-Monographien als Referenzwerk neben dem PharmaWiki und dem Schweizerischen Arzneimittelkompendium nutzen. Die Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie SMGP bietet zudem hochwertige Fortbildungen für Apotheker:innen an. [32]

Fall-Vignette

Herr K., 47 Jahre, kommt am Donnerstagmorgen mit Husten seit fünf Tagen, gelblichem Auswurf, leichten Kopfschmerzen, kein Fieber. Er fragt: «Ich denke, ich brauche Antibiotika – können Sie mir nicht etwas geben? Ich kann nicht zum Hausarzt, ich habe morgen eine Geschäftsreise.»

Die Apothekerin erhebt die zentralen Punkte. Husten produktiv mit gelblichem Sekret seit fünf Tagen; kein Fieber, keine Atemnot, keine Brustschmerzen; keine Vorerkrankungen, kein Asthma, kein Rauchen; keine Risikomedikation; keine Allergien. Bei der Auskultation – soweit über das Stethoskop in einem ruhigen Hinterraum möglich – ein leicht giemendes Geräusch ohne Krepitation.

Sie erklärt: Antibiotika sind in dieser Konstellation nicht indiziert. Die Gelbfärbung des Sekrets ist nicht ein Hinweis auf eine bakterielle Infektion, sondern auf neutrophile Granulozyten – die kommen auch bei viralen Infektionen vor. Die SSI-Richtlinien und die BIHAM-Entscheidungshilfen zeigen klar: Bei akuter unkomplizierter Bronchitis ohne Risikofaktoren ist symptomatische Behandlung Standard. [13,14] Sie verweist Herrn K. auf die Möglichkeit einer telemedizinischen Hausarztkonsultation am gleichen Nachmittag (über Medi24 oder ähnlich) für den Fall, dass er eine ärztliche Bestätigung wünscht.

Für die symptomatische Therapie empfiehlt sie: Pelargonium sidoides (Kaloba Tropfen, 30 Tropfen 3× täglich über 7 Tage) oder alternativ 1,8-Cineol-Kapseln (Soledum forte, 200 mg 3× täglich vor dem Essen). Sie erklärt die Wahlmöglichkeit: Pelargonium hat eine etwas breitere immunmodulatorische Wirkung, Cineol mehr expectorationsfördernde Eigenschaften.

Herr K. entscheidet sich für Kaloba. Die Apothekerin gibt ihm einen ergänzenden Hinweis: ausreichend trinken, Nasenspülungen mit Meersalz, bei Bedarf Paracetamol oder Ibuprofen für die Kopfschmerzen, kein Antitussivum am Tag (sollte abhusten), gegebenenfalls Codein-haltiges Antitussivum nachts (Abgabekategorie B+ – Konsultation und Dokumentation). Sie dokumentiert die Beratung im Patientendossier (LOA V Pos. 3004.00, Sicherheits-Check Patient).

Sie sagt Herrn K. zum Schluss: Wenn nach sieben Tagen die Symptome nicht abklingen, wenn Fieber, Dyspnoe oder ausgeprägte Allgemeinsymptome dazukommen, oder wenn er sich auf der Geschäftsreise unsicher fühlt – jederzeit ärztliche Konsultation, telemedizinisch oder persönlich. Sie schreibt ihm die Notfallnummer der hausärztlichen Permanence in der Nähe seines Reiseziels auf den Kassenzettel.

Drei Take-Aways aus dem Fall

  1. Die Apotheke ist häufig die erste – und manchmal einzige – Beratungsinstanz bei akuten viralen Atemwegsinfekten. Hier wird die Entscheidung gefällt, ob ein Patient mit eigenständig erworbener Phytotherapie nach Hause geht oder zum Hausarzt verwiesen wird.
  2. Antibiotic Stewardship beginnt nicht beim Hausarzt. Es beginnt in der Apotheke, bei der ruhigen, evidenzbasierten Beratung zu einem Symptom, das die Patient:innen ohne pharmazeutische Begleitung sehr wahrscheinlich mit einem Antibiotikum-Wunsch konfrontiert hätten.
  3. Phytotherapie ersetzt nicht die Indikationsprüfung. Sie ist Teil davon.

Kompakt

  • Akute Atemwegsinfekte sind zu >90% viral – Antibiotika sind in der Mehrheit nicht indiziert. Phytotherapie ist evidenzgestützte Standardoption, nicht “weichere Alternative”.
  • Pelargonium sidoides (Kaloba/Umckaloabo) ist nach HMPC-Revision 2 (29.5.2024) ab 3 Jahren zugelassen und hat solide RCT-Evidenz für die akute Bronchitis (BSS-Reduktion 2.80 Punkte vs. Placebo).
  • Echinacea purpurea (Echinaforce, EchinaMed) hat HMPC Well-established Use; neue Meta-Analyse 2025 zeigt bei Kindern eine Reduktion der Antibiotikaverschreibungen um über 80 Prozent (RR 0.18).
  • 1,8-Cineol (Soledum forte) hat RCT-Evidenz für akute Bronchitis, nicht-purulente Rhinosinusitis und COPD-Exazerbation; Dosis 200 mg 3× täglich.
  • Beratung im Antibiotic-Stewardship-Kontext: Symptompersistenz >10 Tage, hohes Fieber, Dyspnoe, Risikopopulationen → ärztliche Konsultation. Alles andere: symptomatische Phytotherapie und Verlaufsbeobachtung.
  • Schweizer Tarif-Realität: Die meisten Phytotherapeutika sind Selbstmedikation (Abgabekategorie D); EchinaMed Tabletten und Halsschmerzspray sind auf der SL und OKP-kassenpflichtig. Zusatzversicherungen erstatten 50–90% der Phytotherapie-Kosten.
Referenzen
  1. Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR), One Health-Aktionsplan 2024–2027. Verabschiedet vom Bundesrat am 26. Juni 2024. Verfügbar unter: star.admin.ch.
  2. ANRESIS – Schweizerisches Zentrum für Antibiotikaresistenzen. Swiss Antibiotic Resistance Report (SARR) 2024 – Usage of Antibiotics and Occurrence of Antibiotic Resistance in Switzerland. Bern: BAG/BLV; 18. November 2024. (Ambulanter Verbrauch 9.4 DID 2023; 87% in ambulanten Praxen; 30% Antibiotikaverschreibungen für obere Atemwege, 28% für Harnwege bei Hausärzt:innen.)
  3. drugshortage.ch (Initiator: Enea Martinelli, Chefapotheker FMI). Aktuelle Lieferengpässe in der Schweiz – Stand Ende 2025: knapp 600 nicht lieferbare Präparate.
  4. European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). European Union herbal monograph on Pelargonium sidoides DC; Pelargonium reniforme Curt., radix. Revision 2, final. EMA/HMPC/648100/2022; 29. Mai 2024. (Traditional Use; neu Erweiterung der Zielpopulation auf Kinder ab 3 Jahren.)
  5. Timmer A, Günther J, Motschall E, Rücker G, Antes G, Kern WV. Pelargonium sidoides extract for treating acute respiratory tract infections. Cochrane Database Syst Rev. 2013;(10):CD006323. DOI: 10.1002/14651858.CD006323.pub3.
  6. Agbabiaka TB, Guo R, Ernst E. Pelargonium sidoides for acute bronchitis: a systematic review and meta-analysis. Phytomedicine. 2008;15(5):378–385. (BSS-Reduktion vs. Placebo: WMD 2.80 Punkte; 95% KI 2.44–3.15.) Ergänzend: Matthys H, Lehmacher W, Zimmermann A, et al. EPs 7630 in acute respiratory tract infections – a systematic review and meta-analysis. J Lung Pulm Respir Res. 2016;3(1):4–15.
  7. Echinacea purpurea pediatric URTI Meta-Analyse: “Efficacy and safety of Echinacea purpurea in treating upper respiratory infections and complications of otitis media in children: Systematic review and meta-analysis.” Complement Ther Med. 2025. PMID: 40311928. (n=3'169; URTI-Inzidenz RR 0.81 [95% KI 0.75–0.87]; Antibiotikaverbrauch RR 0.18 [95% KI 0.13–0.25].)
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  11. Worth H, Schacher C, Dethlefsen U. Concomitant therapy with cineole (eucalyptole) reduces exacerbations in COPD: a placebo-controlled double-blind trial. Respir Res. 2009;10:69.
  12. Schweizerisches Heilmittelinstitut Swissmedic. Liste der zugelassenen Arzneimittel mit Abgabekategorien. Bern: Swissmedic; laufend aktualisiert. Ergänzend: Bundesamt für Gesundheit (BAG). Spezialitätenliste (SL): EchinaMed Tabletten und EchinaMed Halsschmerzspray (A. Vogel) sind kassenzulässig.
  13. Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie (SSI). Antibiotika-Richtlinien. Verfügbar unter: ssi.guidelines.ch. Ergänzend: Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM). Entscheidungshilfen zur partizipativen Antibiotika-Entscheidungsfindung in der hausärztlichen Praxis.
  14. Kollegium für Hausarztmedizin (KHM). ASAP – Antimicrobial Stewardship in Ambulatory care Platform. Lanciert 2023, finanziell unterstützt durch das BAG im Rahmen der StAR-Strategie.
  15. Schweizerischer Bundesrat. Einzelabgabe von Antibiotika. Bericht in Erfüllung der Motion 17.3942 Tornare; Vernehmlassungsentwurf bis Ende 2026 angekündigt; verbindliche Einzelabgabe für Apotheken, freiwillig für Arztpraxen. Bern: admin.ch; 2025.
  16. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). S3-Leitlinie Akuter und chronischer Husten. Berlin: DEGAM; aktuelle Version mit Phytotherapie-Empfehlung als evidenzbasierte symptomatische Therapie bei akuter Bronchitis.
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  21. Schürmann M, Oppel F, Shao S, Volland-Thurn V, Kaltschmidt C, Kaltschmidt B, Scholtz LU, Sudhoff H. Rhinosinusitis Treatment with Cineole: Patient-Reported Quality of Life Improvements from a Non-Interventional, Pharmacy-Based Survey. PMC10301941. (Real-World-Daten zur Cineol-Therapie bei Rhinosinusitis.) Ergänzend: Aktuelle systematische Übersicht zu 1,8-Cineol in respiratorischen Erkrankungen: Matl et al. Effects of Essential Oils in the Treatment of Acute Rhinosinusitis: A Systematic Review. Laryngoscope Investig Otolaryngol. 2025;10:e70189.
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  29. Eidgenössisches Departement des Innern (EDI). Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV), Art. 4b – Ärztliche Komplementärmedizin. Die Phytotherapie ist seit 2017 dauerhaft in der OKP-Pflicht. Bern: BAG; admin.ch.
  30. Teschke R, Frenzel C, Wolff A, Eickhoff A, Schulze J. Drug induced liver injury: accuracy of diagnosis in published reports. Ann Hepatol. 2014;13(2):248–255. (Differenzierte Auseinandersetzung mit den vereinzelt diskutierten hepatotoxischen Signalen von Pelargonium-Präparaten; methodische Kausalitätsprobleme in den Einzelfallberichten.)
  31. Schweizerisches Parlament. Revision des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG), Artikel 25 und 26 – zweites Massnahmenpaket zur Kostendämpfung. Verabschiedung in der Schlussabstimmung am 21. März 2025; voraussichtliches Inkrafttreten 1. Januar 2027. Konkrete neue OKP-Leistungen für Apotheken: Impfen, Medikationsanalyse, Medikationsabgleich, Therapieoptimierung, Adhärenzförderung (myCare Start). pharmaSuisse Medienmitteilung 21.3.2025.
  32. Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie SMGP. Pflanzliche Arzneimittel – Fachgesellschaft und Weiterbildung. Verfügbar unter: smgp-sspm.ch.
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Rosa Berg

Autorin/Autor bei Dispensio.

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