Fernweh trifft Prävention: Reiseimpfungen
Von der Grundimpfung bis zum Gelbfieber-Zertifikat: Was die Apotheke in der Reiseberatung leisten kann, wo die Grenze zum reisemedizinischen Zentrum verläuft und was bei Dengue, Chikungunya und Malaria heute gilt.
Eckpunkte
- Beratung idealerweise 4–6 Wochen vor Abreise planen, um vollständige Impfschemata zu ermöglichen.
- Basis jeder Reiseberatung ist die Überprüfung der Grundimpfungen (Diphtherie, Tetanus, Polio, Masern) und Hepatitis A.
- Die Apotheke hat klare Grenzen: Gelbfieberimpfung und Malariaprophylaxe gehören zum Arzt oder ins reisemedizinische Zentrum.
- Neue Impfstoffe (Dengue) und sich ändernde Empfehlungen erfordern tagesaktuelle Information (z.B. via HealthyTravel).
«In drei Wochen geht’s nach Thailand – brauche ich Impfungen?» Solche Fragen häufen sich vor jeder Ferienzeit. Die Offizin ist dabei oft die erste Anlaufstelle: niederschwellig, ohne Termin, mit Blick auf Impfausweis und Reiseplan. Gute Reiseberatung beginnt früh – ein Termin sollte idealerweise vier bis sechs Wochen vor Abreise stattfinden, damit mehrdosige Impfschemata noch wirken.[12]
Reisemedizin ist allerdings ein bewegliches Feld: Einreisebestimmungen, Ausbruchslagen und Impfempfehlungen ändern sich laufend. Verbindliche Grundlage in der Schweiz sind die Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit und des Schweizerischen Expertenkomitees für Reisemedizin (EKRM), zugänglich über die Plattform HealthyTravel (vormals safetravel.ch).[1] [2]
Die Reiseberatung in der Offizin: Rolle und Grenzen
Die Stärke der Apotheke liegt im Triagieren und im Erledigen des Naheliegenden: Impfausweis prüfen, Grundimpfungen und Masernschutz auffrischen, gängige Reiseimpfungen verabreichen (wo kantonal erlaubt) sowie die Reiseapotheke und den Mücken- und Durchfallschutz beraten. Klare Grenzen gibt es bei der Gelbfieberimpfung – sie darf nur an autorisierten Stellen erfolgen – sowie bei verschreibungspflichtiger Malariaprophylaxe und komplexen Konstellationen (Schwangerschaft, Immunsuppression, Säuglinge, chronische Erkrankungen). Hier wird an den Hausarzt oder ein reisemedizinisches Zentrum verwiesen.[3] [12]
Vier Fragen, die jede Reiseberatung strukturieren
Welche Impfungen sinnvoll oder vorgeschrieben sind, ergibt sich nicht aus dem Reiseland allein, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
| Frage | Worauf es ankommt |
|---|---|
| Wer reist? | Alter, Schwangerschaft/Stillzeit, Immunstatus, chronische Erkrankungen – sie bestimmen Eignung und Verweisbedarf. |
| Wohin? | Land und Region, Stadt versus ländliches Gebiet, Endemiegebiete und Einreisevorschriften. |
| Wie & wie lange? | Reisestil (Resort vs. Rucksack/Trekking), Aufenthaltsdauer, Tierkontakt, Aktivitäten. |
| Wann? | Vorlauf: 4–6 Wochen erlauben vollständige Schemata; bei Last-Minute pragmatisch priorisieren. |
Zuerst die Basis: Grundimpfungen und Masern
Bevor exotische Impfungen zur Sprache kommen, gehört der Blick in den Impfausweis. Für alle Reisenden empfohlen sind ein aktueller Schutz gegen Diphtherie, Tetanus, Poliomyelitis und Masern sowie gegen Hepatitis A; in speziellen Situationen kommen Hepatitis B, Abdominaltyphus und Tollwut hinzu.[3]
Der Masernschutz verdient besondere Aufmerksamkeit: Reisen erhöhen das Expositions- und Ausbruchsrisiko, und gerade in Europa kommt es immer wieder zu Ausbrüchen. Alle nach 1963 geborenen Personen ohne dokumentierten Schutz sollten zwei MMR-Dosen vorweisen.[3] Die Überprüfung des Masern- und Grundimpfschutzes ist eine genuine, schnell erbrachte Offizinleistung – und oft die wertvollste.
Die wichtigsten Reiseimpfungen im Überblick
| Impfung | Für wen / wann |
|---|---|
| Hepatitis A | Praktisch alle Fernreisen |
| Hepatitis B | Längere/risikoreichere Reisen, enger Kontakt |
| Abdominaltyphus | Schlechte Hygiene, Subkontinent, längere Reisen |
| Tollwut | Tierkontakt, abgelegene Gebiete, lange Reisen |
| FSME | Outdoor in Risikogebieten (CH/Europa) |
| Japan. Enzephalitis | Ländliches Asien, längere Aufenthalte |
| Gelbfieber | Endemiegebiete (Afrika/Südamerika), Einreisepflicht |
| Meningokokken ACWY | Hadj/Umrah (Pflicht), Meningitisgürtel |
| Cholera | Selten; gewisse Risikolagen |
Eine Neuerung betrifft die Tollwut: Das präexpositionelle Schema in der Reisemedizin wurde aktualisiert und kommt nun mit zwei Dosen (Tag 0 und 7) aus. Wichtig bleibt die Botschaft, dass eine Impfung vor der Reise die Postexpositionsprophylaxe vereinfacht, aber nicht ersetzt: Nach Biss oder Kratzer ist auch bei Geimpften sofort eine ärztliche Weiterbehandlung nötig.[10]
Vorgeschrieben statt nur empfohlen sind Impfungen vor allem in zwei Konstellationen: Gelbfieber (siehe unten) sowie die Meningokokken-Impfung (ACWY) als Voraussetzung für die Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien (Hadj/Umrah), wo zusätzlich eine Polio-Auffrischung verlangt wird.[11]
Gelbfieber: der reisemedizinische Sonderfall
Gelbfieber kommt in Subsahara-Afrika und in Südamerika vor; für Europa und Asien ist keine Impfung nötig. Die Impfung ist teils Einreisevoraussetzung, teils dringend empfohlen – und sie unterliegt besonderen Regeln: Sie darf nur an WHO-autorisierten Gelbfieber-Impfstellen verabreicht werden, sollte mindestens zehn Tage vor Einreise erfolgen und wird in das internationale Impfzertifikat (ICVP, «gelbes Büchlein») eingetragen.[5] [3]
Zur Gültigkeit: Seit 2016 gilt das WHO-Zertifikat nach einer Dosis grundsätzlich lebenslang.[5] Das EKRM empfiehlt für immungesunde Personen dennoch eine einmalige Auffrischung zehn Jahre nach der Erstimpfung (maximal zwei Dosen im Leben), bevor von lebenslanger Immunität ausgegangen wird.[4] Für die Offizin heisst das: Gelbfieber stets an ein reisemedizinisches Zentrum verweisen – gerade bei Schwangeren, Stillenden oder Immungeschwächten.
Neue Impfstoffe: Dengue und Chikungunya
Beide Krankheiten werden von tagaktiven Mücken übertragen und nehmen weltweit zu – entsprechend häufig kommen Fragen dazu auf. Hier ist differenzierte Beratung gefragt.
Für Dengue ist seit 2024 der Impfstoff Qdenga in der Schweiz zugelassen. Das EKRM empfiehlt ihn jedoch nur Reisenden mit Hinweisen auf eine frühere Dengue-Infektion, die sich in Regionen mit hoher Übertragung aufhalten – weil bei zuvor nicht Infizierten ein schwererer Verlauf nicht ausgeschlossen ist. Eine Konsultation bei einer Fachperson für Tropen- und Reisemedizin wird empfohlen.[1] [6]
Gegen Chikungunya sind in Europa zwei Impfstoffe zugelassen (Ixchiq, 2024; Vimkunya, 2025), in der Schweiz jedoch beide nicht; eine Anwendung ist nur off-label über spezialisierte Stellen möglich, einige EKRM-Zentren halten den Impfstoff vorrätig. Das EKRM erwägt die Impfung etwa für Personen über 12 Jahren mit Reise in aktuelle Ausbruchsgebiete.[7] In beiden Fällen bleibt konsequenter Mückenschutz die wichtigste Massnahme.
Malaria: keine Impfung für Reisende – dafür drei Säulen
Wichtig vorweg: Eine Malaria-Impfung steht für Reisende nicht zur Verfügung. Die von der WHO empfohlenen Impfstoffe (RTS,S, R21) sind für Kinder in Endemiegebieten gedacht und werden nicht routinemässig bei Reisenden eingesetzt.[9] Der Schutz beruht stattdessen auf drei Säulen.
Malariaschutz – die drei Säulen
- 1. Expositionsprophylaxe: Mückenschutz in allen Malariagebieten – Repellentien, imprägnierte Kleidung, Moskitonetz. Schützt zugleich vor Dengue, Chikungunya und Zika.
- 2. Medikamentöse Prophylaxe: in Hochrisikogebieten dringend empfohlen – regelmässige Einnahme (z. B. Atovaquon/Proguanil). Verschreibungspflichtig.
- 3. Notfallselbstbehandlung (NSB/Standby): für Gebiete mit geringem/mittlerem Risiko ohne rasch erreichbare medizinische Hilfe; Medikament wird vorab ärztlich verschrieben und erklärt (Atovaquon/Proguanil oder Artemether/Lumefantrin).
Welche Strategie gilt, hängt von Region, Saison und Reisestil ab und wird individuell festgelegt.[8] Da alle Malariamedikamente verschreibungspflichtig sind, ist die Offizin hier beratend tätig und verweist für Verordnung und Auswahl an den Hausarzt oder ein reisemedizinisches Zentrum.[9]
Drei Reiseprofile aus der Praxis
Wie unterschiedlich dieselben Grundregeln ausfallen, zeigen drei häufige Reiseziele. Massgeblich bleibt stets die tagesaktuelle Länderinformation – die folgenden Profile dienen der Orientierung.
Ostafrika (Kenia, Tansania / Sansibar)
- Standard: Grundimpfungen, Masern, Hepatitis A; je nach Reisestil Hepatitis B, Typhus, Tollwut.[3]
- Gelbfieber: routenabhängig – das EKRM empfiehlt die Impfung derzeit für ganz Kenia; für das tansanische Festland ist sie aus Europa nicht erforderlich, doch Sansibar verlangt bei Anreise vom Festland häufig einen Nachweis.[13] [14]
- Malaria: ganzjährig hohes Risiko (P. falciparum) unterhalb rund 1800 m, auch auf Sansibar – Chemoprophylaxe dringend empfohlen; Nairobi-Stadt und Höhenlagen gelten als risikoarm.[14]
Thailand
- Standard: Grundimpfungen, Masern, Hepatitis A, Tollwut; je nach Reisestil Hepatitis B, Typhus, Japanische Enzephalitis (ländlich, Regenzeit, Langzeitaufenthalte).[15]
- Gelbfieber: keine Pflicht bei Direktanreise aus Europa – nur bei Transit über ein Endemieland.[15]
- Malaria / Mücken: nur geringes Risiko in Grenz-, Wald- und einzelnen Inselzonen; Bangkok, Phuket, Ko Samui, Chiang Mai und Pattaya gelten als malariafrei – meist keine Chemoprophylaxe, allenfalls Standby. Dengue kommt landesweit und auch in Städten vor – Tagschutz ist wichtig.[15]
Südamerika & Karibik
- Standard: Grundimpfungen, Masern, Hepatitis A (Festland und Karibik); je nach Reisestil Typhus und Tollwut (in Südamerika auch durch Fledermäuse übertragen).[16]
- Gelbfieber: für Amazonas-Risikogebiete dringend empfohlen, teils Einreisepflicht; 2025 kam es zu einer Ausweitung der Ausbrüche in Südamerika. Mindestens 10 Tage vorher, nur an autorisierten Zentren. Die Karibik verlangt meist keinen Nachweis – ausser bei Anreise aus einem Endemieland.[16] [17]
- Malaria: weitgehend auf das Amazonasbecken beschränkt (Anden, grosse Städte und Küsten sind frei); die Karibik ist meist malariafrei, Ausnahmen sind Haiti und Teile der Dominikanischen Republik (Standby).[16] [17]
- Mücken: Dengue, Zika und Chikungunya werden tagsüber übertragen – konsequenter Tagschutz; eine Chikungunya-Impfung ist für über 12-Jährige bei Reise in Ausbruchsgebiete zu erwägen.[17]
An ein reisemedizinisches Zentrum / den Arzt verweisen bei …
- Gelbfieber-Indikation oder -Einreisepflicht (nur autorisierte Impfstellen)
- Reisen in Malariagebiete (verschreibungspflichtige Prophylaxe/NSB)
- Schwangerschaft, Stillzeit, Immunsuppression, Säuglingen, relevanten Vorerkrankungen
- komplexen oder Last-Minute-Reisen mit mehreren erforderlichen Impfungen
- Dengue-/Chikungunya-Fragen und nach Tierbiss/-kratzer (Tollwut-Postexposition – immer Notfall)
Beratungs-Quintessenz
1. Früh und strukturiert. Termin 4–6 Wochen vorher; Wer – Wohin – Wie lange – Wann als Raster.
2. Basis vor Exotik. Grundimpfungen und Masernschutz prüfen – das ist oft das Wichtigste.
3. Quellen sind beweglich. Einreise- und Impfempfehlungen über EKRM/HealthyTravel tagesaktuell verifizieren.
4. Grenzen kennen. Gelbfieber nur an autorisierten Zentren; Malaria verschreibungspflichtig; Dengue/Chikungunya differenziert – im Zweifel verweisen.
Referenzen
- [1] BAG & EKRM: Reisemedizin – Impfungen und Malariaschutz bei Auslandreisen (bag.admin.ch); Empfehlungen inkl. EKRM-Stellungnahme zu Qdenga (Dengue).
- [2] HealthyTravel / Swiss TPH (vormals safetravel.ch): reisemedizinische Plattform des EKRM – Impf- und Länderinformationen.
- [3] safetravel.ch (EKRM): Basisempfehlungen für Reisende (Diphtherie, Tetanus, Polio, Masern, Hepatitis A); Masernschutz für nach 1963 Geborene; Gelbfieberimpfung nur in Impfzentren.
- [4] Zentrum für Reisemedizin, Universität Zürich (EKRM): Gelbfieber – nur für Endemiegebiete; EKRM-Auffrischung 10 Jahre nach Erstdosis, maximal 2 Dosen im Leben.
- [5] HealthyTravel: Gelbfieber – Verabreichung an autorisierten Zentren, mindestens 10 Tage vor Einreise, Eintrag im ICVP; WHO 2016: Zertifikat grundsätzlich lebenslang gültig.
- [6] HealthyTravel / EKRM: Qdenga (Dengue) – Empfehlung nur für Reisende mit früherer Dengue-Infektion in Hochrisikoregionen; Spezialistenkonsultation empfohlen.
- [7] HealthyTravel / EKRM: Chikungunya-Impfstoffe Ixchiq (2024) und Vimkunya (2025) in EU zugelassen, in der Schweiz nicht; Anwendung off-label, an EKRM-Zentren; Erwägung ab >12 Jahren bei Reise in Ausbruchsgebiete.
- [8] BAG & EKRM: Malariaschutz für Kurzzeitaufenthalter – Richtlinien und Empfehlungen (Expositionsprophylaxe, medikamentöse Prophylaxe, Notfallselbstbehandlung).
- [9] SwissTPH / netDoktor.ch: keine Malaria-Impfung für Reisende (RTS,S/R21 nur für Kinder in Endemiegebieten); Standby-Medikamente Atovaquon/Proguanil oder Artemether/Lumefantrin (verschreibungspflichtig).
- [10] SSTTM / Swiss TPH: Neues Tollwutimpfschema in der Reisemedizin (präexpositionell 2 Dosen, Tag 0 und 7); Postexposition auch bei Geimpften erforderlich.
- [11] HealthyTravel: Saudi-Arabien – Hadj/Umrah: Routineimpfungen und Polio-Auffrischung (EKRM); Meningokokken-Impfung (ACWY) als Pilgerpflicht.
- [12] Swiss TPH Travelmedicine / reisemedizinische Zentren: WHO-zertifizierte Gelbfieber-Impfstellen; Apotheken verweisen Gelbfieber an Zentren; Beratungstermin 4–6 Wochen vor Abreise.
- [13] HealthyTravel / EKRM: Kenia – Gelbfieberimpfung vom EKRM derzeit für das ganze Land empfohlen (Ausbruch im Distrikt Isiolo); Einreiseregeln und Malariarisiko.
- [14] HealthyTravel / EKRM: Tansania/Sansibar – aus Europa keine Gelbfieberpflicht (WHO nicht mehr endemisch), Sansibar verlangt bei Anreise vom Festland häufig einen Nachweis; Wiederanstieg der Malaria, Chemoprophylaxe auch für Kurzreisen empfohlen.
- [15] HealthyTravel / osir.ch: Thailand – Malaria nur in Grenz-, Wald- und einzelnen Inselzonen (Touristenzentren malariafrei); Japanische Enzephalitis ländlich/Regenzeit; Dengue landesweit; Gelbfieber nur bei Transit.
- [16] HealthyTravel / Tropeninstitut: Südamerika – Gelbfieber für Amazonas-Risikogebiete (≥ 10 Tage vorher), Ausweitung der Ausbrüche 2025; Malaria weitgehend auf das Amazonasbecken beschränkt, Anden und grössere Städte frei.
- [17] osir.ch / Sanofi-Reiseinfo: Karibik – meist malariafrei, Ausnahmen Haiti und Teile der Dominikanischen Republik (Standby); Gelbfieber-Nachweis nur bei Anreise aus einem Endemieland; Dengue und Chikungunya weit verbreitet.