Resistente Gonorrhoe auf dem Vormarsch

Gonorrhoe galt lange als unkompliziert behandelbare bakterielle Infektion. Doch diese Einschätzung gerät zunehmend ins Wanken. Im Juli 2026 warnte das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erstmals ausdrücklich vor einer zunehmenden lokalen Übertragung ceftriaxonresistenter Gonokokken in Europa. Gleichzeitig stehen mit Zoliflodacin und Gepotidacin erstmals seit Jahrzehnten neue Antibiotika zur Verfügung. Zwischen wachsender Resistenzentwicklung und therapeutischer Innovation gewinnt die Apotheke als niederschwellige Anlaufstelle eine neue Bedeutung.

R
Rita Schwanke · July 27, 2026 · 9 min read
Resistente Gonorrhoe auf dem Vormarsch

Wenn ein altbekannter Erreger wieder zur Bedrohung wird

Kaum eine bakterielle Infektionskrankheit verdeutlicht das Problem der Antibiotikaresistenzen so eindrücklich wie die Gonorrhoe. Die durch Neisseria gonorrhoeae verursachte sexuell übertragbare Infektion zählt weltweit zu den häufigsten STI. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) infizieren sich jährlich mehr als 80 Millionen Menschen neu mit Gonorrhoe.[2]

Über Jahrzehnte war die Erkrankung gut behandelbar. Doch der Erreger besitzt eine aussergewöhnliche Fähigkeit, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln. Bereits Sulfonamide, Penicillin, Tetrazykline, Fluorchinolone und später Makrolide verloren nach und nach ihre Wirksamkeit.[3] Heute bildet Ceftriaxon, ein Cephalosporin der dritten Generation, in Kombination mit einer gezielten Diagnostik und Resistenzüberwachung die wichtigste Säule der Therapie.[4]

Genau diese letzte zuverlässige Behandlungsoption gerät nun zunehmend unter Druck.

Das ECDC schlägt Alarm

Am 16. Juli 2026 veröffentlichte das ECDC eine neue Risikoanalyse, die in Fachkreisen grosse Aufmerksamkeit erregte.[1] Während resistente Gonokokken bislang überwiegend als importierte Einzelfälle nach Reisen nach Südostasien oder in den pazifischen Raum galten, zeichnet sich inzwischen ein anderes Bild ab.

Mehrere europäische Länder berichten über eine steigende Zahl von Gonorrhoe-Fällen mit verminderter oder vollständiger Resistenz gegenüber Ceftriaxon. Besonders besorgniserregend ist, dass diese Infektionen zunehmend ohne Reiseanamnese auftreten. Damit gilt erstmals eine lokale Übertragung innerhalb Europas als wahrscheinlich.[1]

Parallel veröffentlichte das ECDC einen Evaluationsbericht zum europäischen Resistenzprogramm. Dieser zeigt, dass zwar Fortschritte bei Leitlinien und Surveillance erzielt wurden, gleichzeitig jedoch Defizite bei der Erkennung von Therapieversagen, der mikrobiologischen Diagnostik und der systematischen Resistenzüberwachung bestehen.[5]

Für Europa bedeutet dies einen Paradigmenwechsel: Resistenzentwicklung ist nicht länger ein Problem einzelner Importfälle, sondern entwickelt sich zunehmend zu einer Herausforderung der öffentlichen Gesundheitsversorgung.

Was bedeutet eigentlich „multiresistent“?

Nicht jede resistente Gonorrhoe ist gleich gefährlich. Fachgesellschaften unterscheiden zwischen multiresistenten (MDR) und extensiv resistenten (XDR) Gonokokken.

Von einer multiresistenten Gonorrhoe spricht man, wenn der Erreger gegenüber mehreren wichtigen Antibiotikaklassen unempfindlich geworden ist. Extensiv resistente Stämme weisen darüber hinaus Resistenzen gegen nahezu sämtliche verfügbaren Therapieoptionen auf und können im Einzelfall kaum noch behandelt werden.[6]

Die in den vergangenen Jahren identifizierten XDR-Stämme zeigten unter anderem Resistenzen gegen Ceftriaxon und gleichzeitig gegen Azithromycin, Ciprofloxacin sowie weitere Reserveantibiotika. Solche Fälle wurden zunächst vor allem in Japan, Grossbritannien und Frankreich beschrieben. Inzwischen mehren sich Hinweise auf eine weitere Ausbreitung innerhalb Europas.[1,6]

Noch handelt es sich um vergleichsweise wenige Fälle. Aus infektiologischer Sicht sind sie jedoch von hoher Relevanz, da bereits einzelne resistente Klone zu regionalen Ausbrüchen führen können.

Warum Gonorrhoe so geschickt Resistenzen entwickelt

Neisseria gonorrhoeae gehört zu den anpassungsfähigsten bakteriellen Krankheitserregern überhaupt. Anders als viele andere Bakterien verändert der Erreger sein Erbgut ausgesprochen schnell und kann Resistenzgene sowohl durch spontane Mutationen als auch durch genetischen Austausch mit anderen Neisserien erwerben.[3]

Hinzu kommt, dass Gonokokken häufig den Rachen besiedeln. Gerade dort treffen sie auf zahlreiche harmlose Neisserien-Arten, mit denen genetisches Material ausgetauscht werden kann. Der Pharynx gilt deshalb als ein zentrales Reservoir für die Entstehung neuer Resistenzen.[3]

Ein weiterer Faktor ist die häufig symptomarme oder vollständig asymptomatische Infektion. Schätzungsweise bis zu 80 Prozent der Frauen und ein erheblicher Anteil der pharyngealen oder rektalen Infektionen verlaufen zunächst ohne Beschwerden.[2] Dadurch bleibt die Erkrankung häufig unerkannt und wird unbewusst weitergegeben.

Die Schweiz ist keine Insel

Auch wenn in der Schweiz bislang keine breite Verbreitung ceftriaxonresistenter Gonokokken dokumentiert wurde, beobachten Fachstellen die Entwicklung aufmerksam. Internationale Reisetätigkeit, grenzüberschreitende Mobilität und eng vernetzte sexuelle Kontakte machen eine Ausbreitung auch hierzulande grundsätzlich möglich.

Gleichzeitig steigen die gemeldeten Gonorrhoe-Fälle seit Jahren kontinuierlich an. Fachpersonen gehen zudem von einer erheblichen Dunkelziffer aus, da viele Infektionen asymptomatisch verlaufen oder aufgrund von Scham beziehungsweise fehlender Symptome gar nicht getestet werden.[2]

Für Schweizer Apotheken bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit zunimmt, Kundinnen und Kunden mit Fragen zu STI, Selbsttests oder ersten Symptomen zu beraten. Die Offizin entwickelt sich damit zunehmend zu einer wichtigen Schnittstelle zwischen Prävention, Früherkennung und medizinischer Versorgung.

Neue Hoffnung durch neue Antibiotika, aber keine Entwarnung

Über Jahrzehnte blieb die Entwicklung neuer Antibiotika gegen Neisseria gonorrhoeae nahezu stehen. Während der Erreger kontinuierlich neue Resistenzen entwickelte, kamen kaum neue Wirkstoffe auf den Markt. Entsprechend gross war die Aufmerksamkeit, als mit Zoliflodacin und Gepotidacin erstmals zwei neue Antibiotika mit neuartigen Wirkmechanismen in klinischen Studien überzeugende Ergebnisse zeigten.[7,8]

Zoliflodacin hemmt die bakterielle DNA-Gyrase an einer anderen Bindungsstelle als Fluorchinolone und bleibt dadurch auch gegen viele resistente Gonokokken wirksam. In den bisherigen Phase-III-Studien erreichte der Wirkstoff hohe mikrobiologische Heilungsraten bei unkomplizierter urogenitaler Gonorrhoe.[7] Besonders erfreulich ist, dass bisher keine Kreuzresistenzen zu den heute eingesetzten Standardantibiotika beobachtet wurden.

Auch Gepotidacin gehört einer neuen Antibiotikaklasse an. Der Wirkstoff hemmt ebenfalls die bakterielle DNA-Replikation, jedoch über einen anderen Mechanismus als bisher verfügbare Substanzen. Die internationale Phase-III-Studie EAGLE-1 zeigte eine Nichtunterlegenheit gegenüber der bisherigen Standardtherapie aus Ceftriaxon und Azithromycin bei unkomplizierter Gonorrhoe.[8]

Trotz dieser Fortschritte mahnen Infektiologen zur Zurückhaltung. Neue Antibiotika lösen das Resistenzproblem nicht dauerhaft. Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten zeigen vielmehr, dass nahezu jede neu eingeführte Antibiotikaklasse früher oder später durch Resistenzentwicklungen an Wirksamkeit verliert.[3] Entscheidend bleibt deshalb ein verantwortungsvoller Einsatz im Sinne des Antibiotic Stewardship.

Warum Diagnostik heute wichtiger ist als je zuvor

Die Zeit einer empirischen Behandlung ohne mikrobiologische Absicherung geht zunehmend zu Ende. Während früher häufig bereits aufgrund der Symptomatik behandelt wurde, gewinnt heute die gezielte Diagnostik erheblich an Bedeutung.

Molekularbiologische Nukleinsäure-Amplifikationstests (NAAT) besitzen zwar eine sehr hohe Sensitivität und stellen heute den diagnostischen Standard für den Erregernachweis dar.[9] Für die Resistenzbestimmung reichen sie jedoch nicht aus. Diese erfordert weiterhin kulturell angezüchtete Erreger mit anschliessender Empfindlichkeitsprüfung.

Gerade hierin sehen Fachgesellschaften derzeit eine der grössten Herausforderungen. Da in vielen Ländern fast ausschliesslich PCR-basierte Diagnostik eingesetzt wird, gehen wichtige Informationen zur Resistenzlage verloren.[5] Das ECDC fordert deshalb ausdrücklich, die kulturelle Diagnostik wieder stärker in die Routineversorgung einzubinden und Therapieversagen konsequent mikrobiologisch abzuklären.[1]

Für die Apotheke bedeutet dies auch eine wichtige Botschaft in der Beratung: Ein negativer Selbsttest oder ein ausschliesslicher PCR-Nachweis ersetzt bei Verdacht auf Therapieversagen oder persistierenden Beschwerden keinesfalls eine ärztliche Untersuchung mit Resistenzdiagnostik.

Welche Rolle spielen STI-Selbsttests?

Parallel zur Resistenzentwicklung wächst der Markt für STI-Selbsttests rasant. Immer mehr Hersteller bieten Heimtests für Chlamydien, Gonorrhoe oder kombinierte STI-Panels an. Diese Entwicklung eröffnet Chancen, wirft aber gleichzeitig neue Fragen hinsichtlich Qualität, Aussagekraft und Beratung auf.

Während validierte Probenentnahmesets mit Laboranalyse inzwischen eine gute diagnostische Sicherheit erreichen können, unterscheiden sich Schnelltests erheblich hinsichtlich Sensitivität und Spezifität.[10] Erst kürzlich musste in Australien ein zugelassener Heimtest nach Berichten über falsch-negative Resultate vorsorglich vom Markt genommen werden.[11] Der Fall verdeutlicht, dass regulatorische Zulassungen allein keine Garantie für eine dauerhaft hohe diagnostische Qualität darstellen.

Für Apotheken ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Beratungsaufgabe. Kundinnen und Kunden erwarten zunehmend eine Orientierung, welcher Test in welcher Situation geeignet ist, wann ein negatives Ergebnis zuverlässig interpretiert werden kann und wann trotz unauffälligem Resultat eine ärztliche Abklärung erforderlich bleibt.

Gerade bei Gonorrhoe gilt: Ein negativer Selbsttest schliesst eine Infektion insbesondere kurz nach einer Risikosituation oder bei ungeeigneter Probenentnahme nicht sicher aus. Ebenso wenig kann ein Selbsttest Aussagen über mögliche Antibiotikaresistenzen treffen.

Die Apotheke wird zur ersten Anlaufstelle

In vielen europäischen Gesundheitssystemen verändert sich die Rolle der öffentlichen Apotheke spürbar. Während STI-Beratung früher fast ausschliesslich in Arztpraxen oder spezialisierten Zentren stattfand, suchen heute immer mehr Menschen zunächst die Apotheke auf. Gründe hierfür sind die niederschwellige Erreichbarkeit, längere Öffnungszeiten und die Möglichkeit einer diskreten Erstberatung.

Internationale Studien zeigen, dass Apotheken insbesondere bei der Aufklärung über Übertragungswege, der Einschätzung individueller Risikosituationen und der Empfehlung geeigneter Testverfahren einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Gesundheit leisten können.[12]

Auch in der Schweiz erweitert sich das pharmazeutische Dienstleistungsangebot kontinuierlich. Bereits heute beraten zahlreiche Apotheken zu HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP), HPV-Impfung, Notfallkontrazeption oder STI-Selbsttests. Die zunehmende Resistenzentwicklung dürfte diese Rolle künftig weiter stärken.

Dabei geht es weniger darum, Diagnosen zu stellen oder Therapien einzuleiten. Vielmehr liegt die Stärke der Apotheke darin, Unsicherheiten abzubauen, Risikosituationen frühzeitig zu erkennen und Patientinnen und Patienten rasch in die richtige Versorgungsebene zu lotsen. Gerade bei asymptomatischen Infektionen kann diese niederschwellige Beratung dazu beitragen, Übertragungsketten frühzeitig zu unterbrechen.

MDR und XDR einfach erklärt

MDR (Multidrug Resistant) beschreibt Gonokokken, die gegen mehrere wichtige Antibiotikaklassen resistent sind. Dazu können beispielsweise Resistenzen gegen Penicilline, Fluorchinolone, Makrolide und Tetrazykline gehören. Die Erkrankung ist häufig noch behandelbar, die Therapieoptionen werden jedoch deutlich eingeschränkt.[6]

XDR (Extensively Drug Resistant) bezeichnet Erreger, die zusätzlich Resistenzen gegen die verbleibenden wirksamen Reserveantibiotika, insbesondere Cephalosporine der dritten Generation wie Ceftriaxon, entwickelt haben. Solche Infektionen stellen weltweit bislang eine Ausnahme dar, gelten jedoch als ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit.[6]

Für die Praxis bedeutet dies: Nicht jede resistente Gonorrhoe ist automatisch «unheilbar». Dennoch verdeutlichen MDR- und XDR-Stämme, wie dringend neue Antibiotika, eine konsequente Resistenzüberwachung und eine frühzeitige Diagnostik benötigt werden.

Die Beratung verändert sich und mit ihr das Berufsbild

Die zunehmende Resistenzentwicklung bei Neisseria gonorrhoeae verändert nicht nur die medizinische Behandlung, sondern auch die Anforderungen an Gesundheitsfachpersonen. Für Apotheken bedeutet dies, dass die klassische Arzneimittelabgabe zunehmend durch eine evidenzbasierte Präventions- und Gesundheitsberatung ergänzt wird.

Gerade bei sexuell übertragbaren Infektionen suchen viele Betroffene zunächst eine möglichst niederschwellige Anlaufstelle auf. Scham, Unsicherheit oder die Sorge vor einer Stigmatisierung führen häufig dazu, dass zunächst in der Apotheke Rat eingeholt wird. Dies eröffnet Apothekerinnen und Apothekern die Möglichkeit, frühzeitig aufzuklären, über geeignete Testverfahren zu informieren und bei Verdacht auf eine Gonorrhoe oder andere STI rasch an eine ärztliche Diagnostik zu verweisen.[12]

Von zentraler Bedeutung ist dabei eine wertfreie Kommunikation. Die Beratung sollte sich konsequent an individuellen Risikosituationen orientieren und nicht an vermeintlichen Risikogruppen. Internationale Leitlinien empfehlen ausdrücklich einen personenzentrierten Beratungsansatz, der sexuelle Gesundheit als selbstverständlichen Bestandteil der Gesundheitsversorgung versteht.[9]

Auch Präventionsmassnahmen gewinnen weiter an Bedeutung. Dazu gehören neben der Empfehlung konsequenter Kondomnutzung die Aufklärung über regelmässige STI-Screenings bei erhöhtem Expositionsrisiko, die HPV-Impfung sowie die Information über HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP), sofern diese für die individuelle Situation relevant ist.[2,12]

Die Apotheke entwickelt sich damit zunehmend zu einem Bindeglied zwischen Prävention, Diagnostik und medizinischer Versorgung. Gerade in einem Gesundheitssystem mit begrenzten ärztlichen Ressourcen kann diese Lotsenfunktion künftig erheblich an Bedeutung gewinnen.

Was Apotheker Patienten heute konkret empfehlen sollten

Bei Verdacht auf eine Gonorrhoe oder nach einer Risikosituation sollten Apothekerinnen und Apotheker zunächst die Beschwerden, den Zeitpunkt eines möglichen Risikokontakts sowie die Art der sexuellen Exposition erfragen. Besteht der Verdacht auf eine STI, sollte zeitnah eine ärztliche Abklärung mit geeigneter Diagnostik erfolgen.

Bis zum Vorliegen der Untersuchungsergebnisse sollten ungeschützte sexuelle Kontakte vermieden werden. Wichtig ist ausserdem der Hinweis, dass auch Sexualpartner untersucht und gegebenenfalls behandelt werden müssen, um erneute Infektionen zu verhindern.

Selbsttests können in geeigneten Situationen eine sinnvolle Ergänzung darstellen, ersetzen jedoch weder eine ärztliche Diagnostik noch eine Resistenztestung. Persistierende Beschwerden trotz Behandlung oder erneut auftretende Symptome sollten immer Anlass für eine weiterführende Abklärung sein.

Die Apotheke übernimmt dabei eine wichtige Lotsenfunktion: Sie schafft Orientierung, reduziert Hemmschwellen und unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, frühzeitig die richtige medizinische Versorgung zu erhalten.

Fall-Vignette

„Es brennt ein bisschen – wahrscheinlich nur eine Blasenentzündung.“

Ein 28-jähriger Mann betritt an einem Samstagmorgen die Apotheke. Er berichtet über leichtes Brennen beim Wasserlassen und bittet um ein pflanzliches Präparat gegen eine vermutete Blasenentzündung. Im Gespräch erwähnt er, dass er vor etwa zehn Tagen ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer neuen Partnerin hatte. Weitere Beschwerden bestünden nicht.

Die Apothekerin erkennt, dass die Symptome ebenso auf eine Gonorrhoe oder eine andere sexuell übertragbare Infektion hinweisen könnten. Sie empfiehlt keine Selbstmedikation, sondern erklärt die Bedeutung einer raschen ärztlichen Abklärung mit gezielter Diagnostik. Gleichzeitig informiert sie den Patienten darüber, bis zum Vorliegen eines Testergebnisses auf sexuelle Kontakte zu verzichten und gegebenenfalls auch die Sexualpartnerin über eine mögliche Exposition zu informieren.

Wenige Tage später bestätigt ein Nukleinsäure-Amplifikationstest eine Gonorrhoe. Dank der frühzeitigen Beratung konnte eine gezielte Behandlung eingeleitet und eine weitere Übertragung verhindert werden.

Praxisbotschaft: Häufig sind nicht die Symptome entscheidend, sondern die richtigen Fragen zur Anamnese. Eine diskrete, offene Gesprächsführung kann wesentlich dazu beitragen, sexuell übertragbare Infektionen frühzeitig zu erkennen.

Kompakt

Die Geschichte der Gonorrhoe zeigt eindrücklich, wie schnell medizinische Erfolge durch bakterielle Anpassungsmechanismen wieder infrage gestellt werden können. Während Penicillin in den 1940er-Jahren als nahezu revolutionär galt, stehen heute selbst moderne Reserveantibiotika unter wachsendem Druck.

Mit Zoliflodacin und Gepotidacin stehen erstmals seit Jahrzehnten neue therapeutische Optionen in Aussicht. Gleichzeitig macht die aktuelle Entwicklung deutlich, dass Resistenzprobleme nicht allein durch neue Antibiotika gelöst werden können. Entscheidend bleiben ein verantwortungsvoller Antibiotikaeinsatz, eine konsequente Resistenzüberwachung, moderne Diagnostik und eine wirksame Prävention.

Für Apotheken eröffnet sich daraus ein neues Tätigkeitsfeld. Die öffentliche Apotheke entwickelt sich zunehmend zu einem Ort der sexuellen Gesundheitsberatung, an dem Prävention, Früherkennung und evidenzbasierte Information zusammenkommen. Gerade bei sensiblen Themen wie sexuell übertragbaren Infektionen kann die niedrigschwellige Beratung einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen und Patientinnen und Patienten in die richtige Versorgung zu begleiten.

Resistente Gonorrhoe ist deshalb weit mehr als ein infektiologisches Problem. Sie zeigt exemplarisch, wie sich das Berufsbild der Apotheke verändert, von der klassischen Arzneimittelabgabe hin zu einem zentralen Akteur der modernen Primärversorgung.

Referenzen
  1. European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Drug-resistant gonorrhoea on the rise in Europe, ECDC warns. 16. Juli 2026.
  2. World Health Organization (WHO). Epidemiologie der Gonorrhoe und globale STI-Daten.
  3. Jacobsson S, et al. Antimicrobial resistance in Neisseria gonorrhoeae and its public health implications. The Lancet Regional Health – Europe. 2025.
  4. Europäische Leitlinien zur Behandlung der Gonorrhoe sowie ECDC-Empfehlungen.
  5. ECDC. Progress towards implementation of the Response Plan to control and manage the threat of multidrug-resistant gonorrhoea in Europe. Juli 2026.
  6. WHO. Multi-drug resistant gonorrhoea. Hintergrundpapier und Lagebeurteilung.
  7. Taylor SN, et al. Phase 3 trial of zoliflodacin for uncomplicated gonorrhoea. New England Journal of Medicine. 2025.
  8. O’Donnell J, et al. EAGLE-1: Gepotidacin versus ceftriaxone plus azithromycin for uncomplicated gonorrhoea. The Lancet. 2025.
  9. International Union against Sexually Transmitted Infections (IUSTI). European Guideline for the Diagnosis and Treatment of Gonorrhoea. 2024.
  10. World Health Organization. Recommendations on sexually transmitted infection testing and diagnostics. 2024.
  11. Therapeutic Goods Administration (Australia). Safety alert regarding home STI test performance. Juli 2026.
  12. International Pharmaceutical Federation (FIP). Community pharmacists’ role in sexual and reproductive health services. 2025.
R

Rita Schwanke

Autorin/Autor bei Dispensio.

Alle Beiträge →