STI-Tests in der Apotheke: Die nächste Ausbaustufe der Offizin?

Sexuell übertragbare Infektionen nehmen in der Schweiz seit Jahren einen wichtigen Platz in der öffentlichen Gesundheitsversorgung ein. Gleichzeitig verhindern Scham, Unsicherheit und lange Wartezeiten häufig eine frühzeitige Abklärung. Könnte die Apotheke künftig eine grössere Rolle bei der niederschwelligen STI-Diagnostik übernehmen? Zwischen Prävention, Beratung und Triage eröffnet sich ein neues Tätigkeitsfeld – mit Chancen, aber auch klaren Grenzen.

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Rita Schwanke · July 24, 2026 · 6 min read
STI-Tests in der Apotheke: Die nächste Ausbaustufe der Offizin?

Noch vor wenigen Jahren wäre die Vorstellung ungewöhnlich gewesen: Ein Kunde betritt eine Apotheke, schildert diskret eine Risikosituation oder Beschwerden und lässt sich direkt vor Ort zu einer sexuell übertragbaren Infektion (STI) beraten oder testen. Heute ist dieses Szenario längst keine Zukunftsmusik mehr. International übernehmen Apotheken zunehmend Aufgaben im Bereich der sexuellen Gesundheit, von der Abgabe validierter HIV-Selbsttests über Beratungen bis hin zu Schnelltestangeboten oder der Vermittlung in weiterführende medizinische Versorgung. Auch in der Schweiz gewinnt das Thema an Bedeutung.

Der Bedarf ist vorhanden. Nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG) bewegen sich die Melderaten von Chlamydien, Syphilis und HIV seit 2022 auf einem stabilen Niveau, während insbesondere Gonorrhö in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat und sich erst 2025 auf hohem Niveau stabilisierte.¹ Gleichzeitig verlaufen viele STI über lange Zeit symptomlos. Gerade Chlamydien oder Gonorrhö werden häufig erst erkannt, wenn Komplikationen auftreten oder zufällig getestet wird.¹

Welche STI können heute zuverlässig getestet werden?

Nicht jede sexuell übertragbare Infektion lässt sich mit derselben Methode oder zum gleichen Zeitpunkt nachweisen. Entscheidend sind der Erreger, das diagnostische Zeitfenster und das geeignete Probenmaterial.

ErkrankungHäufiges TestverfahrenGeeignetes ProbenmaterialBesonderheiten
HIVAntigen-/Antikörpertest (4. Generation)BlutFrühester Nachweis ab ca. 2 Wochen, hohe Sicherheit nach etwa 6 Wochen¹
ChlamydienPCRUrin, Vaginal-, Rachen- oder RektalabstrichHäufig symptomlos
GonorrhöPCRUrin oder AbstricheResistenzentwicklung nimmt weltweit zu
SyphilisAntikörpertestBlutPositiver Suchtest muss bestätigt werden
Hepatitis BAntigen-/AntikörpertestBlutImpfstatus berücksichtigen
Hepatitis CAntikörpertest, PCRBlutFrühdiagnostik bei Risikopersonen wichtig
HPVHPV-PCRZervixabstrichKein Routinetest für Männer empfohlen

Zwischen Scham und Versorgungslücke

Sexuelle Gesundheit gehört noch immer zu den Themen, über die viele Menschen nur ungern sprechen. Der Gang in eine Arztpraxis wird häufig hinausgezögert – sei es aus Scham, Angst vor Stigmatisierung oder weil Beschwerden als harmlos eingestuft werden.

Genau hier liegt eine Stärke der öffentlichen Apotheke. Sie ist niederschwellig erreichbar, benötigt meist keinen Termin und geniesst in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen. Für viele Menschen stellt sie bereits heute die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Fragen dar. Die Möglichkeit, dort diskret über sexuelle Gesundheit zu sprechen, könnte dazu beitragen, Hemmschwellen abzubauen und Infektionen früher zu erkennen.

Die Apotheke als erste Anlaufstelle – nicht als Ersatz der Arztpraxis

Wichtig ist jedoch die Abgrenzung: Die Apotheke wird auch künftig keine vollständige STI-Diagnostik ersetzen.

Vielmehr könnte sie eine wichtige Rolle bei der Triage übernehmen. Apothekerinnen und Apotheker können Risikosituationen einschätzen, geeignete Testmöglichkeiten erläutern, HIV-Selbsttests erklären, auf diagnostische Zeitfenster hinweisen und Patientinnen und Patienten gezielt an Ärztinnen, Ärzte oder spezialisierte Testzentren weiterleiten. Das BAG empfiehlt ausdrücklich, dass jede HIV- oder STI-Testung von einer strukturierten Anamnese sowie einer Vor- und Nachberatung begleitet wird.²

Die beratende Kompetenz gehört seit jeher zum pharmazeutischen Berufsbild und könnte künftig noch stärker genutzt werden.

Diese Fragen helfen bei der Triage

  • Wann fand die mögliche Risikosituation statt?
  • Bestehen Beschwerden? Falls ja, welche?
  • Gab es ungeschützten vaginalen, analen oder oralen Geschlechtsverkehr?
  • Handelt es sich um einen neuen Sexualpartner?
  • Besteht eine Schwangerschaft?
  • Wurde bereits früher eine STI diagnostiziert?
  • Besteht ein erhöhtes HIV-Risiko oder kommt eine PrEP infrage?
  • Ist der Impfstatus gegen Hepatitis B und HPV bekannt?

HIV-Selbsttests: Ein erster Schritt

Bereits heute dürfen HIV-Selbsttests in der Schweiz frei verkauft werden. Seit ihrer Einführung im Jahr 2018 empfehlen BAG und die damalige Eidgenössische Kommission für sexuelle Gesundheit ausdrücklich, diese möglichst über Apotheken oder Drogerien zu beziehen, da dort die Qualität der Produkte gewährleistet und gleichzeitig eine kompetente Beratung möglich ist.³

Dabei ist insbesondere das sogenannte diagnostische Fenster entscheidend. Ein negatives Testergebnis unmittelbar nach einer Risikosituation schliesst eine Infektion nicht aus. Das BAG weist darauf hin, dass ein HIV-Schnelltest der vierten Generation eine HIV-Infektion frühestens zwei Wochen nach einer Risikosituation erkennen und eine Infektion erst rund sechs Wochen nach Exposition mit hoher Sicherheit ausschliessen kann.²

Die korrekte Interpretation eines Testergebnisses ist deshalb mindestens ebenso wichtig wie der Test selbst.

Wann ist welcher Test sinnvoll?

Risikokontakt

├────► 2 Wochen: HIV-Labortest (4. Generation) kann erste Infektionen erkennen¹

├────────► 3–4 Wochen: Chlamydien- und Gonorrhö-PCR sinnvoll²

├────────────► 6 Wochen: HIV praktisch sicher ausschliessbar¹

└────────────────► 12 Wochen: Syphilis und Hepatitis zuverlässig beurteilbar²

(Die Zeitpunkte sind Richtwerte und hängen von Testverfahren und individueller Situation ab.)

Mehr als HIV: Wohin entwickelt sich die Offizin?

International erweitern zahlreiche Apotheken ihr Angebot bereits um Schnelltests für weitere sexuell übertragbare Infektionen oder bieten strukturierte Screening-Programme in Zusammenarbeit mit medizinischen Einrichtungen an.

Auch in der Schweiz wird zunehmend diskutiert, ob die Apotheke künftig stärker in die Prävention und Früherkennung eingebunden werden könnte. Dabei geht es weniger darum, sämtliche STI direkt vor Ort zu diagnostizieren, sondern vielmehr um einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratung, Erstabklärung und geeigneter Weitervermittlung.

Ein solcher Ausbau würde sich nahtlos in die Entwicklung der vergangenen Jahre einfügen. Bereits heute übernehmen Apotheken Impfungen, Medikationsanalysen, Blutdruck- oder Blutzuckermessungen sowie zahlreiche weitere Präventionsleistungen. STI-Beratung könnte eine logische Ergänzung dieses Dienstleistungsportfolios darstellen.

Die richtige Triage entscheidet

Nicht jede Beschwerde eignet sich für eine Selbstbehandlung oder einen Schnelltest.

Akute Schmerzen, Fieber, ausgeprägter Ausfluss, Ulzera, Hautveränderungen oder Beschwerden während einer Schwangerschaft gehören unmittelbar in ärztliche Abklärung. Ebenso müssen mögliche Expositionen sorgfältig bewertet werden. Je nach Sexualpraktik können unterschiedliche Probenmaterialien erforderlich sein (beispielsweise Urinproben, Vaginalabstriche, Rachen- oder Rektalabstriche). Eine ausschliessliche Urinuntersuchung reicht daher nicht in jedem Fall aus.²

Die Aufgabe der Apotheke liegt deshalb vor allem darin, die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle zu lotsen.

Ärztliche Abklärung ist angezeigt bei:

  • Fieber oder ausgeprägtem Krankheitsgefühl
  • Schmerzen im Genitalbereich
  • Ausfluss aus Harnröhre oder Vagina
  • Geschwüren oder Bläschen
  • Hautausschlägen
  • Schwangerschaft
  • Verdacht auf Syphilis
  • Verdacht auf HIV-Serokonversion
  • positivem Schnelltest
  • wiederholten Risikokontakten

Prävention beginnt mit dem Gespräch

Ein wesentlicher Mehrwert der Apotheke liegt in der Präventionsberatung. Gespräche über Kondomgebrauch, HPV- und Hepatitis-B-Impfungen, HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP), Partnerinformation oder notwendige Kontrolluntersuchungen können wesentlich dazu beitragen, Infektionsketten zu unterbrechen.

Auch das Nationale Programm «Stopp HIV, Hepatitis B-, Hepatitis C-Virus und sexuell übertragene Infektionen (NAPS)» verfolgt genau dieses Ziel: Infektionen sollen möglichst früh erkannt, behandelt und weitere Übertragungen verhindert werden.⁴ Niederschwellige Beratungsangebote spielen dabei eine zentrale Rolle.

Bei STI-Beratung ist nicht der Schnelltest die wichtigste Leistung der Apotheke, sondern das Gespräch davor. Eine gute Anamnese entscheidet darüber, ob ein Selbsttest sinnvoll ist, welche Infektion überhaupt infrage kommt und ob eine sofortige ärztliche Abklärung notwendig ist.

Chancen und Herausforderungen

Sollte die Rolle der Apotheke künftig erweitert werden, wären klare Qualitätsstandards unverzichtbar. Dazu gehören validierte Testsysteme, definierte Triagealgorithmen, Datenschutz, Diskretion sowie eine strukturierte Dokumentation und Anbindung an das bestehende Versorgungssystem.

Ebenso wichtig wäre eine fundierte Fortbildung des Apothekenteams. Gespräche über sexuelle Gesundheit erfordern nicht nur medizinisches Fachwissen, sondern auch kommunikative Sensibilität und ein hohes Mass an Empathie.

Fall-Vignette

Diskret, aber entscheidend

An einem Dienstagmorgen betritt ein 27-jähriger Mann sichtlich verunsichert die Apotheke. Er wartet, bis keine weiteren Kundinnen und Kunden am Beratungstisch stehen, und fragt leise, ob man hier einen HIV-Test kaufen könne. Im vertraulichen Beratungsraum berichtet er, dass er vor zehn Tagen ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte. Beschwerden habe er keine, mache sich nun aber grosse Sorgen. Die Apothekerin nimmt sich Zeit für eine strukturierte Anamnese. Sie erklärt, dass ein HIV-Selbsttest zum jetzigen Zeitpunkt noch keine ausreichende Sicherheit bietet, da sich der Patient innerhalb des diagnostischen Fensters befindet. Gleichzeitig bespricht sie das individuelle Risiko, informiert über weitere sexuell übertragbare Infektionen und empfiehlt eine ärztliche beziehungsweise spezialisierte Testung zum geeigneten Zeitpunkt. Der Kunde verlässt die Apotheke ohne Test, dafür jedoch mit einem klaren Plan, einer schriftlichen Information zum empfohlenen Testzeitpunkt und dem Gefühl, ernst genommen worden zu sein.

Kompakt

Die Apotheke entwickelt sich zunehmend von der klassischen Arzneimittelabgabestelle zu einem umfassenden Gesundheitsdienstleister. STI-Beratung und ausgewählte Testangebote könnten diesen Wandel sinnvoll ergänzen. Gerade bei asymptomatischen Infektionen oder nach Risikosituationen kann ein einfacher Zugang zur Beratung entscheidend sein.

Ob STI-Schnelltests künftig regelmässig zum Dienstleistungsportfolio Schweizer Apotheken gehören werden, bleibt derzeit offen. Fest steht jedoch: Die Offizin verfügt bereits heute über das notwendige Vertrauen der Bevölkerung, die pharmazeutische Kompetenz und die niederschwellige Erreichbarkeit, um einen wichtigen Beitrag zur sexuellen Gesundheit zu leisten – nicht als Ersatz der ärztlichen Diagnostik, sondern als kompetente erste Anlaufstelle.

Referenzen
  1. Bundesamt für Gesundheit (BAG). Infoportal übertragbare Krankheiten – Sexuell übertragbare Infektionen (STI): Epidemiologische Situation Schweiz, Stand Mai 2026.
  2. Bundesamt für Gesundheit (BAG). Testung und Beratung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Aktualisierte Empfehlungen und HIV-Testrichtlinie 2025.
  3. Bundesamt für Gesundheit (BAG). HIV-Test zur Eigenanwendung («HIV-Selbsttest»). Informationen zur Abgabe und Anwendung in der Schweiz.
  4. Bundesamt für Gesundheit (BAG). Nationales Programm «Stopp HIV, Hepatitis B-, Hepatitis C-Virus und sexuell übertragene Infektionen (NAPS)». Strategische Ziele bis 2030.
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Rita Schwanke

Autorin/Autor bei Dispensio.

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