Vor dem Mörser: Was die Versorgungskrise im Apothekenalltag verändert
Lieferengpässe bei Medikamenten sind in Schweizer Apotheken zur Normalität geworden. Dieser Artikel beleuchtet, wie sich Apotheken an die neue Realität anpassen und welche Rolle die Magistralrezeptur dabei spielt. Eine Diagnose der aktuellen Versorgungslage und ein Ausblick auf die Zukunft des Apothekenberufs.

Eckpunkte
- Die Anzahl nicht lieferbarer Medikamente in der Schweiz hat sich fast verdreifacht.
- Apotheken müssen vermehrt auf Magistralrezepturen zurückgreifen, um die Versorgung sicherzustellen.
- Die globale Abhängigkeit von wenigen Wirkstoffproduzenten macht die Schweiz anfällig für Engpässe.
- Der Apothekenberuf wandelt sich: Eigenherstellung, Substitution und Patientenkommunikation werden zentral.
Es ist Montagmorgen, zwanzig nach acht. Ich rühre Amoxicillin in Sirup-Grundlage, vierzig Milligramm pro Milliliter, hundertzwanzig Milliliter, Flaschen mit Etikett, das ich gleich ausdrucke. Die industrielle Suspension – die fertige Flasche, die wir seit Jahrzehnten aus dem Regal nehmen – ist seit drei Wochen nicht lieferbar.
Das passiert jetzt regelmässig. Auf drugshortage.ch, der Plattform, die der Spitalapotheker Enea Martinelli seit zehn Jahren in Eigenregie führt, stehen aktuell knapp sechshundert Präparate als nicht lieferbar. Vor vier Jahren waren es zweihundertdreissig. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung führt zusätzlich eine Liste mit rund hundertvierzig sogenannten unentbehrlichen Arzneimitteln, die fehlen. Zweitausendsiebzehn waren es achtundvierzig.
Die Antibiotika. Die Blutdrucksenker. Die Lipidsenker. Die Schmerzmittel. Levothyroxin. Tamoxifen, die adjuvante Brustkrebstherapie. Im letzten Winter fehlte ein Wehenmittel; einzelne Spitäler griffen auf die Veterinärversion zurück. Das ist nicht Versorgungskrise im Ausnahmezustand. Das ist Schweizer Apothekenrealität, Februar 2026.
Die Geographie der Lieferketten
Die Geographie dahinter ist schnell erzählt. Der Wirkstoff Amoxicillin, der heute in meinem Sirup landet, kommt aus zwei Fabriken in Indien. Was diese Fabriken auf die Schiffe laden, geht zuerst an die grossen Märkte. Wir sind kein grosser Markt. Wir sind ein kleiner, gut zahlender Nebenplatz mit einer eigenen Sprache, die niemand übersetzt.
Es ist Mode geworden, das wütend zu erzählen. Ich bin nicht wütend. Ich rühre.
Der Sirup, den ich gerade abfülle, ist seit Anfang 2024 über Artikel 69b der Krankenversicherungsverordnung von der OKP gedeckt – als Magistralrezeptur aus einem SL-Wirkstoff, hergestellt, weil die industrielle Form fehlt. Die Mutter, die ihn um zehn Uhr abholt, wird das nicht spüren. Ihr Kind hat eine Otitis media, der Hausarzt hat verordnet, sie zahlt die Selbstbeteiligung, die sie immer zahlt. Was sie nicht weiss: dass das, was sie nach Hause trägt, mit denselben Handgriffen gemischt worden ist, die in dieser Offizin vor sechzig Jahren der Standard waren. Wir machen 2026 wieder, was wir 1968 gemacht haben.
Das ist nicht Nostalgie. Das ist Diagnose.
Ein Versorgungsmodell am Limit
Wir leben in einem Versorgungsmodell, das in den späten Neunzigern entworfen worden ist – als die Globalisierung der Wirkstoffherstellung als Effizienzgewinn galt und nicht als Sicherheitsrisiko. Die Pflichtlager des Bundes wurden in den Nullerjahren erweitert, gedacht für eine Welt, in der zweimal pro Jahrzehnt ein einzelnes Präparat ausfällt. Heute fällt jeden Tag etwas anderes aus. Der Bundesrat hat einen Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit» in die Vernehmlassung geschickt. Was daraus wird, wird man sehen. Was sicher ist: An den zwei Fabriken in Indien ändert das nichts.
Was sich ändert, ist hier. In der Apotheke.
Ich glaube nicht, dass eine Apotheke der nächsten zehn Jahre wie eine Apotheke der letzten zehn Jahre aussehen wird. Wir werden öfter selber herstellen. Wir werden öfter substituieren, importieren, dokumentieren, Patientinnen und Patienten erklären, warum die Packung anders aussieht. Wir werden zur Stelle, die das übersetzt, was die globale Lieferkette nicht mehr leistet.
Vielleicht ist das nicht das Schlimmste, was uns als Beruf passieren kann.
Der Sirup ist fertig. Etikettiert. Halb zehn. Die Mutter ist pünktlich.


