Was wirklich drin ist: Gefälschte Medikamente und die Risiken
Gefälschte Medikamente sind ein wachsendes Problem, das Patientinnen und Patienten erheblichen Risiken aussetzt. Dieser Artikel beleuchtet die Gefahren von online erworbenen Arzneimitteln und die entscheidende Rolle der Apotheke bei der Sicherstellung der Medikamentensicherheit. Eine Fallgeschichte zeigt, wie wichtig die Beratung durch Fachpersonal ist.
Eckpunkte
- Gefälschte Medikamente stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar, da sie falsche Dosierungen oder sogar andere Wirkstoffe enthalten können.
- Die Herkunft illegaler Arzneimittel hat sich verschoben; viele stammen nun aus Westeuropa und werden über professionell aussehende Websites vertrieben.
- Apotheken gewährleisten die Sicherheit von Medikamenten durch nachvollziehbare Lieferketten und fachkundige Beratung.
- Die persönliche Beratung in der Apotheke oder beim Arzt ist entscheidend, um die Risiken gefälschter Produkte zu vermeiden und die Patientensicherheit zu gewährleisten.
Frau S. hat eine Wegovy-Pen mitgebracht. Sie zieht sie aus einer Plastiktüte mit drei roten Streifen, die einmal die Innenfolie eines Couverts war, und legt sie zwischen meine Gesichtscreme-Tester. Sie sagt, sie hätte gehört, ich könne die anschauen. Ihr Cousin in Lyon habe gemeint, in der Schweiz seien die Spritzen viermal so teuer, und es sei ja dieselbe.
Das ist meistens, wo Geschichten dieser Art anfangen. Mit einem Cousin in Lyon. Mit einer Schwägerin in Schaffhausen, die jemanden kennt. Mit einem Video, in dem eine Frau aus den USA acht Kilo in einem Monat verloren haben will. Mit einer Website, die schweizerdeutsch klingende Namen hat, ch-Endung, schweizerische Telefonnummer, und absolut nichts mit der Schweiz zu tun.
Die Pen sieht fast richtig aus. Das Etikett stimmt im Layout, die Farben sind in Ordnung. Aber die Seriennummer auf dem Karton folgt nicht dem Schweizer Format, der Beipackzettel ist Englisch und in einer Faltung, die ich noch nie gesehen habe, und der Pen ist – das Detail, das ich erst beim dritten Hinsehen bemerke – auf der Unterseite nicht ganz sauber verschweisst.
Ich weiss nicht, was drin ist.
Die Gefahr gefälschter Arzneimittel
Im offiziellen Swissmedic-Labor wurden 2024 hundert beschlagnahmte Potenzmittel-Muster analysiert. Zweiunddreissig Prozent enthielten die zwei- bis vierfache Dosierung dessen, was in der Schweiz für diese Wirkstoffe zugelassen ist. Bei gefälschten Ozempic-Pens, vor denen Swissmedic seit 2023 mehrfach gewarnt hat, gab es in der Schweiz Hospitalisationen wegen akuter Unterzuckerung. In einem dokumentierten Fall enthielt eine als Ozempic verkaufte Packung tatsächlich einen Insulin-Pen.
Ein Insulin-Pen, der wie eine Ozempic-Pen aussieht, kann eine Patientin innerhalb von Stunden ins Koma bringen. Das ist nicht eine Frage des Preises. Das ist eine Frage des Inhalts.
Frau S. weiss das alles nicht. Sie weiss, dass sie Geld gespart hat. Sie weiss, dass die Verpackung schön war. Sie weiss, dass die ersten zwei Injektionen funktioniert zu haben scheinen, weil sie weniger Hunger hatte. Sie weiss nicht, dass dieser Eindruck eines wirksamen Medikaments auch zustande kommt, wenn man das Etikett glaubt und das Glauben in den Effekt umrechnet.
Die neue Geographie des illegalen Handels
Die Geographie der Sache ist 2025 anders geworden. Sechstausendsechshundertsiebenundvierzig illegale Arzneimittelsendungen hat das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit letztes Jahr in der Schweiz sichergestellt; das sind siebzehn Prozent mehr als im Vorjahr. Vor drei Jahren stammten neun Prozent davon aus Westeuropa. Heute sind es vierzig Prozent – aus Frankreich, aus Deutschland. Das ist die neue Form: nicht der dubiose Shop in Hyderabad, sondern die Website, die wie eine Schweizer Apotheke aussieht, mit Schweizerkreuz, ch-Domain, einer Adresse, die im Grundbuch nicht existiert, und drei Beraterinnen, die es auch nicht tun.
Ich erkläre Frau S. das so gut ich kann. Ich erkläre ihr, dass ich nicht weiss, was in ihrer Pen ist, und dass sie es auch nicht weiss. Dass die Apotheke nicht ein teurer Umweg ist zwischen ihr und dem Wirkstoff. Dass die Apotheke die Stelle ist, an der jemand sagen kann: Diese Substanz, die Sie spritzen, ist die, die auf der Packung steht – weil ich die Lieferkette nachvollziehen kann, weil das Etikett mit dem Karton mit der Charge mit dem Hersteller zusammenhängt, und weil ich, wenn etwas nicht stimmt, weiss, wen ich anrufen muss.
Frau S. nimmt die Pen wieder mit. Ich kann sie nicht zwingen, sie zurückzubringen. Ich kann ihr nur sagen, dass es nicht ihre Schuld wäre, falls etwas passiert; dass es trotzdem ihr Körper ist; und dass eine Konsultation bei ihrer Hausärztin am Montag rund hundertfünfzig Franken kostet und in der Sache, um die es geht, mehr wert ist als die zweihundert, die sie online gespart hat.
Sie schaut mich an, als hätte ich etwas Persönliches gesagt. In gewisser Weise habe ich das.
Sie nimmt einen Termin.