Wenn die Drogerie zur Apotheke wird
Drogeriemärkte drängen immer stärker in einen Bereich vor, der lange klar den Apotheken vorbehalten war. dm verkauft in Deutschland bereits apothekenpflichtige Arzneimittel über eine eigene Versandapotheke, Rossmann will Ende 2026 sogar mit E Rezept und rezeptpflichtigen Medikamenten nachziehen. Für Schweizer Apotheken ist die Situation zwar regulatorisch eine andere, doch die eigentliche Gefahr liegt weniger im Medikamentenregal als in der Frage, wer künftig die Kundenschnittstelle für Gesundheit besetzt.

Eckpunkte
- Die Konkurrenz verschiebt sich vom Regal zur Kundenschnittstelle: Drogeriemärkte und Handelskonzerne kombinieren Gesundheit, Convenience, Apps und Kundenbindung zunehmend zu einem integrierten Angebot.
- Für Schweizer Apotheken ist die Bedrohung kurzfristig begrenzt, strategisch aber relevant: Vor allem Dermokosmetik, Supplemente, Selbsttests und andere margenstarke Gesundheitsprodukte geraten stärker unter Druck.
- Apotheken sollten nicht über den Preis konkurrieren, sondern über Kompetenz: Triage, Medikationswissen, Gesundheitsdienstleistungen, Prävention und persönliche Begleitung sind die klarsten Differenzierungsmerkmale.
- Die Zukunft ist phygital: Erfolgreiche Apotheken müssen digitale Bequemlichkeit mit persönlicher pharmazeutischer Beratung verbinden und sich als niederschwellige Gesundheitszentren positionieren.
Gesundheit wird zum neuen Wachstumsmarkt des Einzelhandels
Drogeriemärkte verkaufen längst nicht mehr nur Shampoo, Waschmittel und Zahnpasta. Nahrungsergänzungsmittel, Selbsttests, Dermokosmetik, Medizinprodukte und Produkte zur Selbstmedikation nehmen immer mehr Raum ein. Gleichzeitig erkennen grosse Handelsunternehmen, dass Gesundheit ein attraktiver Wachstumsmarkt ist.
Wie weit diese Entwicklung gehen kann, zeigt derzeit vor allem Deutschland. Am 16. Dezember 2025 startete dm die Versandapotheke dm med. Angeboten werden rund 2500 rezeptfreie, apothekenpflichtige Arzneimittel sowie apothekenexklusive Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und knapp 1000 Produkte aus der Dermokosmetik. Die Produkte werden über den dm Onlineshop und die dm App angeboten und können gemeinsam mit klassischen Drogerieartikeln bestellt werden. Rechtlich erfolgt der Arzneimittelverkauf über eine eigenständige Versandapotheke mit Sitz im tschechischen Bor.¹
Dabei bleibt es nicht. dm testet in Deutschland seit 2025 zusätzlich Gesundheitsdienstleistungen in ausgewählten Filialen. Dazu gehören Blutanalysen, KI gestützte Hautanalysen und Augenscreenings. Das Unternehmen formuliert seinen Anspruch bemerkenswert deutlich: dm möchte für viele Menschen eine erste Anlaufstelle für Prävention und Gesunderhaltung werden.²
Damit verschiebt sich die Grenze zwischen Drogerie und Gesundheitsversorgung. Der entscheidende Wettbewerb entsteht nicht mehr nur bei Vitaminpräparaten oder Kosmetik, sondern zunehmend bei genau jenen niederschwelligen Gesundheitsanliegen, bei denen auch Apotheken ihre zukünftige Rolle sehen.
Rossmann geht noch einen Schritt weiter
Rossmann hat inzwischen angekündigt, Ende 2026 ebenfalls eine eigene Online Apotheke zu starten. Das Modell soll über die neu gegründete ROSSMANN Apotheke B.V. mit Sitz im niederländischen Emmen betrieben werden. Anders als dm plant Rossmann von Beginn an auch die Abgabe rezeptpflichtiger Arzneimittel. Versicherte in Deutschland sollen ihr E Rezept direkt über die Rossmann App einlösen können. Die App verfügt nach Unternehmensangaben über mehr als zwölf Millionen aktive Nutzer.³
Aus Wettbewerbssicht ist genau das der entscheidende Punkt. Rossmann baut nicht einfach einen zusätzlichen Webshop für Medikamente. Das Unternehmen integriert die Apotheke in ein bereits bestehendes digitales Ökosystem mit Millionen Kunden, Rabattmechanismen, Warenkorb, App und regelmässigem Kundenkontakt.
Wer ohnehin Sonnencreme, Windeln, Waschmittel oder Nahrungsergänzungsmittel über die Rossmann App bestellt, könnte künftig gleichzeitig das E Rezept einlösen. Der Arzneimittelbezug wird damit Bestandteil eines alltäglichen Einkaufsvorgangs.
Für Apotheken ist das ein wesentlich grösseres strategisches Thema als die Frage, ob Ibuprofen bei einem Drogeriekonzern einige Euro günstiger angeboten wird. Es geht um die Hoheit über die Kundenschnittstelle.
Doch das Modell ist rechtlich umstritten
Dass Drogeriemärkte in den Arzneimittelmarkt eindringen, ist auch in Deutschland keineswegs abschliessend geklärt. Die Wettbewerbszentrale hat im Februar 2026 Klage gegen das Modell von dm erhoben. Sie sieht unter anderem die Gefahr einer Vermischung von Drogerie und Apothekensortimenten und stellt die Frage, ob das deutsche Fremdbesitzverbot für Apotheken durch die Konstruktion mit einer konzernverbundenen tschechischen Apotheke umgangen wird. Das Verfahren vor dem Landgericht Karlsruhe läuft weiterhin. Eine gerichtliche Entscheidung lag Anfang August 2026 noch nicht vor.⁴
Auch einzelne Gesundheitsdienstleistungen von dm beschäftigen inzwischen die Gerichte. Die Wettbewerbszentrale hat unter anderem Klagen gegen angebotene Augenscreenings eingereicht. Kritisiert werden beispielsweise die Qualifikation des eingesetzten Personals, die Verwendung der Medizinprodukte und die Frage, ob die Bewerbung des Angebots eine diagnostische Sicherheit suggeriert, die das Screening nicht leisten kann.⁵
Damit zeigt sich bereits eine zentrale Grenze des Retail Health Modells. Gesundheit lässt sich zwar niederschwelliger zugänglich machen, aber sie lässt sich nicht vollständig wie ein gewöhnliches Konsumgut behandeln.
Was Kunden daran attraktiv finden
Die Vorteile des Modells sind trotzdem offensichtlich. Grosse Drogerieketten verfügen über hohe Markenbekanntheit, enorme Einkaufsmacht, attraktive Eigenmarken und etablierte digitale Kanäle. Kunden kennen die Apps bereits, besitzen Kundenkonten und sind an Rabattaktionen oder personalisierte Angebote gewöhnt.
Gesundheitsprodukte lassen sich dadurch einfach in bestehende Einkaufsroutinen integrieren. Die Bestellung kann bequem von zu Hause erfolgen, Preise sind transparent vergleichbar und die Hemmschwelle für einfache Gesundheitsangebote sinkt.
Gerade in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu Ärzten oder Apotheken können digitale Angebote die Versorgung ergänzen. Auch pharmazeutische Beratung muss nicht zwingend ausschliesslich stationär erfolgen. dm med bietet beispielsweise eine Beratung durch pharmazeutische Fachpersonen per Telefon und über digitale Kontaktwege an.¹
Der Fehler wäre deshalb, solche Modelle pauschal als minderwertige Konkurrenz abzutun. Sie lösen reale Kundenprobleme: Zeit, Bequemlichkeit, Preis und Zugang.
Wo die Risiken beginnen
Arzneimittel unterscheiden sich jedoch grundlegend von gewöhnlichen Handelswaren. Eine Packung Schmerzmittel ist nicht einfach ein weiteres Produkt im Warenkorb zwischen Shampoo und Waschmittel.
Selbst vermeintlich einfache OTC Medikamente können Kontraindikationen besitzen, mit anderen Arzneimitteln interagieren oder falsch angewendet werden. Häufige Kopfschmerzen benötigen unter Umständen eine Abklärung statt einer weiteren Packung Analgetika. Ein abschwellendes Nasenspray ist bei kurzfristiger Anwendung hilfreich, kann bei längerem Gebrauch jedoch selbst zum Problem werden. Nahrungsergänzungsmittel können Laborwerte beeinflussen oder mit Medikamenten interagieren.
Im stationären Apothekengespräch entstehen zudem Informationen, nach denen ein Kunde nicht zwingend selbst suchen würde. Welche Medikamente werden bereits eingenommen? Seit wann bestehen die Beschwerden? Liegt eine Schwangerschaft vor? Gibt es Begleiterkrankungen? Handelt es sich möglicherweise um einen Fall, der ärztlich abgeklärt werden sollte?
Je stärker Medikamente in einen normalen Einkaufsvorgang integriert werden, desto wichtiger wird deshalb die Frage, ob aus der erwünschten Niederschwelligkeit eine zu starke Normalisierung des Arzneimittelkonsums entsteht.
Das bedeutet nicht, dass Online Pharmazie grundsätzlich unsicher ist. Es bedeutet vielmehr, dass gute digitale Modelle dieselben pharmazeutischen Sicherheitsmechanismen benötigen wie eine gute Vor Ort Versorgung.
Und die Schweiz?
Die Schweizer Situation unterscheidet sich wesentlich von Deutschland. Der wichtigste Grund ist, dass die Schweiz bereits traditionell ein starkes professionelles Drogeriesystem besitzt.
Im Zuge der Revision des Heilmittelrechts wurde die frühere Abgabekategorie C aufgehoben. Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel können nach der Umteilung grundsätzlich auch über Drogerien abgegeben werden, sofern die entsprechenden fachlichen und kantonalen Voraussetzungen erfüllt sind. Arzneimittel der Kategorie B verbleiben dagegen grundsätzlich im Apothekenkanal beziehungsweise unter den dafür definierten Abgabebedingungen.⁶
Der Wettbewerb zwischen Apotheke und Drogerie ist in der Schweiz somit nichts Neues. Neu ist vielmehr, dass international skalierende Handelskonzerne mit enormer Einkaufsmacht, starken Eigenmarken und digitalen Plattformen in diesen Markt eintreten.
Besonders relevant ist dabei Rossmann.
Rossmann ist bereits in der Schweiz
Rossmann eröffnete am 5. Dezember 2024 seine erste Schweizer Filiale im Emmen Center. Damals umfasste das Sortiment rund 15'000 Produkte und das Unternehmen kündigte bereits einen weiteren Ausbau an.⁷
Dieser Ausbau ist inzwischen deutlich sichtbar. Die aktuelle Schweizer Standortübersicht führt 20 Rossmann Filialen, unter anderem in Baden, Biel, Chur, St. Gallen, Wallisellen, Spreitenbach und Winterthur. Damit hat sich Rossmann innerhalb von weniger als zwei Jahren von einem einzelnen Teststandort zu einem relevanten Schweizer Drogeriemarkt entwickelt.⁸
Bislang gibt es allerdings keine Ankündigung, dass die für Ende 2026 geplante Rossmann Online Apotheke auch den Schweizer Markt bedienen wird. Die Kommunikation des Unternehmens zum Apothekenstart bezieht sich auf Deutschland und insbesondere auf die Einlösung des deutschen E Rezepts.³
Auch die Schweizer Rossmann Filialen werden derzeit als Drogeriemärkte und nicht als Apotheken positioniert. Für Apotheken entsteht kurzfristig daher vor allem Konkurrenz bei Dermokosmetik, Nahrungsergänzungsmitteln, Körperpflege, Gesundheitsprodukten, Selbsttests und weiteren Sortimenten mit hohen freien Margen.
Gerade diese Produktgruppen sind wirtschaftlich allerdings keineswegs nebensächlich. Sie gehören für viele Apotheken zum wichtigen Zusatzgeschäft ausserhalb des regulierten Arzneimittelbereichs.
Und dm?
dm betreibt derzeit keine eigene Schweizer Landesgesellschaft mit stationären dm Märkten. In der europäischen Länderübersicht des Unternehmens ist die Schweiz nicht als dm Markt aufgeführt.⁹
Schweizer Kunden können dennoch auf unterschiedlichen Wegen an deutsche dm Produkte gelangen, beispielsweise über grenzüberschreitende Einkaufsdienste. Für den normalen dm Onlineshop existieren Weiterleitungsangebote wie MeinEinkauf.ch. Ein reguläres Schweizer Angebot von dm med ist daraus jedoch nicht abzuleiten.
Bei Rossmann ist die Verbindung zur Schweiz sogar noch direkter. Für Waren aus dem deutschen Rossmann Onlineshop weist Rossmann selbst auf die Möglichkeit einer Lieferung über MeinEinkauf.ch hin. Ausgenommen sind bestimmte Produktgruppen.¹⁰
Für Arzneimittel gelten allerdings besondere Regeln. Privatpersonen dürfen grundsätzlich Arzneimittel für den eigenen Gebrauch in einer Menge von höchstens einem Monatsbedarf in die Schweiz einführen. Das ist jedoch nicht mit dem Betrieb einer regulären schweizerischen Versandapotheke gleichzusetzen.¹¹
Der Versandhandel mit Arzneimitteln ist in der Schweiz derzeit zudem deutlich restriktiver reguliert als in Deutschland. Nach Angaben von pharmaSuisse ist er grundsätzlich verboten und nur unter definierten Voraussetzungen bewilligungsfähig. Heute ist selbst für den Versand rezeptfreier Arzneimittel grundsätzlich ein ärztliches Rezept erforderlich. Eine Revision des Heilmittelgesetzes soll den Versandhandel künftig weiter öffnen.¹²
Gerade diese geplante Öffnung sollte die Branche aufmerksam verfolgen. Denn sie könnte digitale Geschäftsmodelle in der Schweiz erheblich attraktiver machen.
Sind Drogeriemärkte damit eine grosse Gefahr für Schweizer Apotheken?
Kurzfristig eher nein. Strategisch durchaus.
Es ist unwahrscheinlich, dass Rossmann oder ein anderer Drogeriemarkt das klassische Schweizer Apothekengeschäft kurzfristig ersetzt. Die gesetzlichen Abgabekompetenzen, die kantonalen Bewilligungen und die pharmazeutische Fachverantwortung bilden weiterhin klare Grenzen.
Die grössere Gefahr liegt an anderer Stelle.
Drogeriemärkte können genau jene Sortimente unter Druck setzen, mit denen Apotheken attraktive Margen erzielen: Dermokosmetik, Supplemente, Gesundheitsprodukte, Hygiene, Selbsttests und zunehmend auch Präventionsangebote. Gleichzeitig verfügen sie über eine hohe Frequenz, starke Eigenmarken und die Möglichkeit, Preise aggressiv zu gestalten.
Noch wichtiger ist die digitale Dimension. Wenn Kunden ihre Gesundheitsprodukte, Selbsttests, Hautanalyse und künftig vielleicht auch Arzneimittel selbstverständlich über dieselbe Retail App beziehen, besteht das Risiko, dass die Apotheke den ersten Kundenkontakt verliert.
Die Konkurrenz der Zukunft heisst deshalb möglicherweise nicht Drogerie gegen Apotheke.
Sie lautet vielmehr Plattform gegen einzelne Verkaufsstelle.
Die falsche Antwort wäre, zum besseren Drogeriemarkt werden zu wollen
Apotheken werden einen Preis und Sortimentswettbewerb gegen internationale Handelskonzerne kaum gewinnen. Sie sollten ihn deshalb auch nicht zu ihrem zentralen Spielfeld machen.
Der strategische Vorteil der Apotheke liegt dort, wo ein Drogeriemarkt strukturell an Grenzen stösst: bei pharmazeutischer Beurteilung, Triage, Medikationswissen, Behandlung, Prävention und longitudinaler Begleitung.
Die Schweiz bietet dafür bereits interessante Voraussetzungen. pharmaSuisse positioniert die Apotheke 2026 gezielt als erste Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen. Über Konsultationsmodelle können definierte Beschwerden abgeklärt und behandelt werden. Hinzu kommen Impfungen, Gesundheitschecks und weitere Präventionsangebote. Rund 1830 Apotheken bilden derzeit ein schweizweites, niedrigschwellig erreichbares Netz.¹³
Galenica berichtet bereits von einer steigenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen in Apotheken. In zehn alternativen Versicherungsmodellen sind entsprechende Leistungen seit Anfang 2026 integriert und erreichen mehr als eine Million Versicherte. Erste Auswertungen zeigen nach Unternehmensangaben, dass ein grosser Teil einfacher Fälle direkt in der Apotheke abgeschlossen werden kann.¹⁴
Genau dort liegt die Zukunftschance.
Vom Produktverkauf zur Gesundheitsplattform
Eine Apotheke, deren Wertversprechen im Wesentlichen aus Produkten im Regal besteht, wird gegenüber grossen Handelsplattformen zunehmend austauschbar.
Eine Apotheke, die dagegen ein akutes Gesundheitsproblem innerhalb von zwanzig Minuten kompetent abklärt, bei Bedarf ein geeignetes Medikament abgibt, impft, einen Blutdruck oder relevanten Laborparameter kontrolliert, Wechselwirkungen erkennt und weiss, wann ein Arzt eingeschaltet werden muss, ist wesentlich schwieriger zu ersetzen.
Das bedeutet nicht, dass Sortimente unwichtig werden. Im Gegenteil. Dermokosmetik, Supplemente und Selbstmedikation bleiben wichtige Geschäftsfelder. Sie sollten aber stärker mit Fachkompetenz verbunden werden.
Bei Dermokosmetik könnte dies beispielsweise bedeuten, nicht einfach dieselbe Creme wie Rossmann zu verkaufen, sondern Hautanalysen mit strukturierter Beratung, individuellen Pflegeroutinen und Verlaufskontrollen zu verbinden. Eigene Produktlinien oder exklusive Sortimente können die Preistransparenz zusätzlich reduzieren und Kundenbindung schaffen.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln sollte sich die Apotheke über Indikationsprüfung, Labordiagnostik und Interaktionswissen differenzieren. Und bei Selbsttests liegt der Mehrwert nicht im Verkauf des Tests, sondern in der korrekten Interpretation und der Frage, was nach dem Ergebnis geschehen muss.
Gleichzeitig müssen Apotheken bequemer werden
Fachkompetenz allein wird jedoch nicht reichen.
Ein Kunde, der gewohnt ist, Produkte innerhalb weniger Sekunden über eine App zu bestellen, akzeptiert auf Dauer keine Apotheke, die telefonisch schlecht erreichbar ist, keine Online Terminbuchung anbietet und nicht mitteilen kann, ob ein Produkt verfügbar ist.
Apotheken müssen deshalb die Convenience Stärken des Handels übernehmen, ohne ihre pharmazeutische Identität zu verlieren.
Online Reservierung, Click and Collect, lokaler Lieferdienst, digitale Terminbuchung, Videoberatung und eine übersichtliche digitale Kundenkommunikation sollten zunehmend zum Standard werden. Das E Rezept wird diesen Wandel zusätzlich beschleunigen.
Der strategische Zielzustand ist nicht entweder stationär oder digital.
Er ist phygital: digital bequem, aber persönlich und pharmazeutisch kompetent, sobald es relevant wird.
Auch für den einzelnen Apotheker verändert sich die Rolle
Der Beruf wird dadurch nicht weniger wichtig. Er wird anspruchsvoller.
Wenn einfache Produktkäufe zunehmend automatisiert werden, steigt der Wert jener Tätigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen. Klinische Einschätzung, Kommunikation, Triage, Medikationsmanagement, Prävention und die Begleitung chronischer Patienten werden wichtiger.
Dazu kommt eine zweite Kompetenzdimension. Apotheker müssen stärker verstehen, wie Kunden heute Dienstleistungen erleben. Terminverfügbarkeit, Geschwindigkeit, digitale Kommunikation, Datenschutz, Preiswahrnehmung und ein konsistentes Kundenerlebnis werden Teil erfolgreicher Gesundheitsversorgung.
Die Apotheke der Zukunft ist deshalb weder ein kleines Warenlager noch eine Mini Arztpraxis.
Sie ist ein niederschwelliges Gesundheitszentrum mit pharmazeutischer Kernkompetenz.
Die eigentliche Konkurrenz ist nicht Rossmann
Die Expansion von Rossmann in der Schweiz und die Apothekenpläne von dm und Rossmann in Deutschland sollten Schweizer Apotheker deshalb ernst nehmen. Panik wäre jedoch fehl am Platz.
Die Schweizer Ausgangslage ist vergleichsweise stark. Apotheken besitzen erweiterte Abgabekompetenzen, können Gesundheitsprobleme beurteilen und behandeln, impfen und zunehmend diagnostische Leistungen anbieten. Gleichzeitig verfügen sie über eines der wertvollsten Güter im Gesundheitswesen: persönliches Vertrauen.
Die gefährlichste Reaktion wäre, sich darauf auszuruhen.
Denn dm und Rossmann demonstrieren, wie konsequent Handelsunternehmen Kundenzentrierung, Convenience, Digitalisierung und Gesundheitsangebote miteinander verbinden können. Migros, Coop und Galenica zeigen wiederum, dass solche integrierten Gesundheitsökosysteme längst auch in der Schweiz entstehen.
Für unabhängige Apotheken bedeutet das nicht, die Grösse dieser Konzerne imitieren zu müssen. Ihre Chance besteht gerade darin, dort besser zu sein, wo Grösse allein keinen Vorteil bringt: persönliche Beratung, Spezialisierung, Geschwindigkeit, lokale Vernetzung und langfristige Patientenbeziehungen.
Drogeriemärkte können Gesundheitsprodukte verkaufen. Digitale Plattformen können Medikamente liefern.
Die entscheidende Frage für Apotheken lautet deshalb nicht, wie sie ihr Regal verteidigen. Sondern welchen Teil der Gesundheitsversorgung nur sie überzeugend besetzen können.
Wer darauf eine klare Antwort findet, muss den Drogeriemarkt von nebenan nicht fürchten.
Referenzen
- dm drogerie markt. Neuer Impuls für den Gesundheitsmarkt: Start der Versand Apotheke dm med. Medienmitteilung vom 16. Dezember 2025.
- dm drogerie markt. dm stellt Weichen für Erneuerung. Schwerpunkte Gesundheit und internationale Digitalisierung. Medienmitteilung vom 21. Oktober 2025.
- Dirk Rossmann GmbH. Neues Angebot im digitalen Gesundheitsmarkt: ROSSMANN Apotheke startet Ende 2026. Medienmitteilung vom 9. Juli 2026.
- Wettbewerbszentrale. Wettbewerbszentrale erhebt Klage gegen dm wegen des Verkaufs von Arzneimitteln. 12. Februar 2026.
- Wettbewerbszentrale. Wettbewerbszentrale klagt gegen Augenscreening in dm Filialen. 27. Oktober 2025 sowie Update vom 11. Dezember 2025.
- Swissmedic. Neugestaltung der Arzneimittelabgabe. Revision der Abgabekategorien.
- Dirk Rossmann GmbH. Hoi Schwiiz: ROSSMANN eröffnet seine erste Filiale in der Schweiz. 5. Dezember 2024.
- Rossmann Schweiz. Filialübersicht Schweiz. Stand 12. August 2026.
- dm drogerie markt. dm in Europa. Unternehmensinformationen, Stand 2026.
- Rossmann. Online in die Schweiz liefern lassen über MeinEinkauf.ch. Stand 2026.
- Swissmedic. Einreise in die Schweiz mit Medikamenten. Stand 2026.
- pharmaSuisse. Versandhandel mit Arzneimitteln. Position des Schweizerischen Apothekerverbands. 15. August 2025.
- pharmaSuisse. Fakten und Zahlen Schweizer Apotheken 2025 sowie Grünes Licht für die nationale Apothekenkampagne 2026.
- Galenica. Halbjahresbericht 2026: Pharmacies Omni Channel und Gesundheitsdienstleistungen.

